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Poetischer Schuss ins Dunkle

Berlin-Premiere: Frank Amanns Regiedebüt »Shot In The Dark« über Fotografie von Blinden und Sehbehinderten wird heute im Eiszeit-Kino aufgeführt

  • Von Jana Reimann-Grohs
  • Lesedauer: 4 Min.

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Wer sagt denn, dass das Schwert in der Hand der Frau auf dem neben stehenden Bild nicht ein Baum ist und der Lichtrauch kein Haus zeichnet? Die Blinde Fotografie lehrt uns, tradierte Vorstellungen visueller Wahrnehmung aufzugeben und stattdessen die Reichweiten Sehender zu hinterfragen.

Erst wollte er mit verbundenen Augen drehen, hatte dann aber Bedenken, was dabei heraus käme. Es ist nicht Amanns erste Dokumentation. Seit 1997 war der Absolvent der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin (dffb) als Kameramann an etlichen Filmprojekten beteiligt. Die gezielten »Schüsse ins Dunkle« packten ihn, als er 2011 zum ersten Mal Werke erblindeter amerikanischer Fotokünstler sah. Rein zufällig entdeckte er die von Pete Eckert, Sonia Soberats und Bruce Hall: Ihre provozierende Methode, Sehschwäche zum Ausgangspunkt weiterführender visueller Erfahrungen zu machen, habe auch sehr viel mit seiner eigenen Arbeit als Nicht-Blinder zu tun, sagt er im Gespräch. Immer wieder experimentiere er mit der Kamera, um »irgendwo über sich hinaus zu tasten«. Die amerikanische Redewendung »Shot in the Dark« steht für den Schuss ins Blaue oder unbeabsichtigten Treffer. Frank Amanns »Schuss ins Dunkle« meint den Zufall als wichtiges künstlerisches Element: Wenn beim Lichtsetzen unvorhergesehene Stimmungen entstehen.

Während weiße Punkte auf dunklem Grund unscharf vorüberziehen, bereiten diffuse Klänge und einschneidende Töne aufmerksame Hörer auf die Welt der Blinden vor. Amann wollte für alle ein hör- und fühlbares Erlebnis schaffen, indem er für begleitende Unterstützung sorgte. Über Apps sind erweiterte Untertitel und eine Audiodeskription abrufbar - weil sie markieren, »wie ein Blinder die Chance hat, den Film wahrzunehmen«, hatte er die Übersetzungen extra umgeschrieben und mit einer erfahrenen blinden Kinogängerin getestet. Auf die Idee, dass detaillierte Erklärungen von Experten und Blindenverbänden als »manipulativ« bewertet würden, wäre er nie gekommen: »Ich habe immer die heimliche Hoffnung gehabt, dass mein Film vielleicht auch poetisch sein könnte. Wieso sollte ein Blinder Poesie nicht auch in der Bildbeschreibung spüren können?« Immerhin 80 Prozent seines dokumentierten Fotozaubers hat er durchgesetzt.

Frank Amann filmt aus der Distanz wie Pete, Sonia und Bruce arbeiten: eine Szene einrichtend und sich selbst oder andere hineinprojizierend. Die entstandenen Fotos zeigt er in voller Größe, um auf ihre Tiefe hinzuweisen - schließlich gibt es auch mehrere Abstufungen von Blindheit und Schmerz.

Über Klatschen und Fingerschnipsen richtet Pete sein Motiv für eine Mehrfachbelichtung ein. Der 60-jährige entdeckte, dass sich aus Geräuschen Bilder bauen lassen. Für das Foto im Wald, worauf sein leuchtender Körper in der Dunkelheit vor einer angestrahlten umgestoßenen Baumwurzel zu sehen ist, veränderte er immer wieder den Standort seines Stativs: »Man muss die Physik des Lichts verstehen, um Bilder zu bauen«. Unscharfe Lichtpunkte ziehen vorüber. Früher zeichnete die 82-jährige Sonia gern und arbeitete als Buchhalterin am Computer. Jetzt hat sie permanent verschwommenes Weiß mit Grün vor Augen. Die Fotografie wird ihr Lebensinhalt: »Ich glaube, man versteht erst wie großartig und kraftvoll Licht ist, wenn man erblindet ist.« Sonia liebt es, Objekte und menschliche Umrisse mit einer Taschenlampe im Lightpainting-Stil abzubilden. Im komplett abgedunkelten Atelier quält sich die korpulente Frau gerne eine Leiter hinauf, um mit Hilfe ihres Assistenten Oliver auszudrücken, was keiner sieht: die tiefe Erfahrung seelischen Schmerzes.

Bruce eroberte sich den Zugang zur sehenden Welt über optische Gerätschaften zurück. Nur von Fotos weiß er, wie seine autistischen Zwillingssöhne aussehen. Mit einem Sehrest von fünf Prozent betrachtet der 63-jährige sie in minimalem Abstand am Monitor: »Ich nutze Objektive und Kameras, um zu sehen, was ich sonst nur erahne.« Die Makrofotografie und auf die Wasseroberfläche treffendes Licht wurden zur Obsession - einen ganzen Sommer lang interessierte er sich nur noch für Seetang und lässt seine Jungs immer wieder mit Wasser spielen, um festzuhalten, wie es aus verschiedensten Perspektiven auf die Linse trifft.

Blinde Fotografie bleibt wie jeder künstlerische Akt ein Prozess, der getrieben von der Sehnsucht, sich auszudrücken, nie ganz zur Zufriedenheit führt. Es geht vielmehr um Annäherung an unterschiedlich wahrgenommene Realitäten und den Austausch von Gefühlen. Obwohl die Schnitte den Bilderklärungen vorauseilen und Texteinblendungen verkürzt die Sprecherstimme wiedergeben, ist der Eindruck umfassend genug, man kann Amanns Authentizität folgen. Ein sechs-kanaliges Surround-Sound 5.1-System und charakteristische Tonperspektiven - hallige Räume lassen Sonias Erinnerungen spürbar werden, Bruces Kontaktmikrofon simuliert seine gesteigerte körperliche Nähe zu Objekten und Personen, synchronisierte Geräusche stellen Petes Hör- und Sehsituation nach - verfälschen hier auf keinen Fall. Sie fügen dem visuellen Eindruck Kontext hinzu. Als Steigerung und Zeichen von Inklusion käme für die Zukunft ein Sinneskino in Frage, das sich auf die individuellen Bedürfnisse und Barrieren seiner Besucher einstellt. Fangen wir aber erst einmal damit an, der Diskussion um blinde Vorstellungskraft barrierefreien geistigen Zugang zu gewähren.

Berlin-Premiere: 19. Januar, 20 Uhr, Eiszeit Kino; weitere Termine: 20. Januar, 18 Uhr Kino in der Brotfabrik; www.shotinthedark-film.com

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