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Balancieren bei Gegenwind

In Thüringen gibt es Streit um neue Windräder im Schiefergebirge - Kritiker fordern länderübergreifende Regeln

  • Von Harald Lachmann
  • Lesedauer: 4 Min.

Die jüngste Meldung kommt aus Thüringen: Der Naturschutzbund (Nabu) spricht sich gegen die geplante Änderung der Verordnung des Ostthüringer Naturparks Schiefergebirge/Obere Saale zugunsten neuer Vorranggebiete für die Windenergie aus, heißt es in einer am Montag in Erfurt verbreiteten Mitteilung. Das Thüringer Umweltministerium habe zuvor seine Absicht bekräftigt, das bisherige Errichtungsverbot von Windkraftanlagen im Naturpark zumindest teilweise aufzuheben. »Die im Anhörungsverfahren von uns und von den Gemeinden vorgebrachten Hinweise und massiven Bedenken wurden scheinbar ignoriert«, sagte Rainer Hämmerling vom Nabu. Windräder dürften aber nicht um jeden Preis in sensiblen Landschaftsteilen gebaut werden.

Die geplanten Gebiete für Windkraftanlagen lägen südwestlich des Plothener Teichgebietes, einem überregional bedeutsamen Rastgebiet für Zugvögel und in der Nähe der beiden Naturschutzgebiete »Mittelgrund« und »Heinrichstein«. Die geplanten Windräder könnten vor allem für die Zugvögel, die im Teichgebiet rasteten, zum Problem werden, hieß es. Besonders Vogelarten wie Schwarzstorch, Uhu und Wanderfalken seien dann bedroht. Diese Gefahren billigend in Kauf zu nehmen ist aus Sicht der Naturschützer »schlichtweg verantwortungslos«.

Umweltverbände und Artenschützer, so auch die Deutsche Wildtier Stiftung, fordern schon länger länderübergreifende Regelungen, wie weit sich neue Windenergieanlagen den Brutplätzen nähern dürfen. Denn immer mehr Vögel und Fledermäuse werden Opfer der Riesenpropeller.

Inzwischen erzeugen rund 26 800 Windkraftanlagen mehr als 13 Prozent der nationalen Stromproduktion - und nur 792 Propeller hiervon drehen sich in Nord- oder Ostsee. Selbst wenn ein auf 3000 Kilowatt ausgelegtes Windrad nur vor sich hin trudelt, etwa bei einer Windgeschwindigkeit von vier Metern pro Sekunde, erzeugt es in 20 Stunden den Jahresstromverbrauch eines durchschnittlichen Haushalts: 2500 Kilowattstunden.

Inzwischen ist Deutschland mit rund 45 000 Megawatt installierter Windleistung in Europa der Krösus auf diesem Feld. Und diese Kapazität soll bis 2035 noch deutlich steigen. Doch wo viel Wind ist, herrscht halt auch Windschatten. So zählt ein Jahr 8760 Stunden, aber nur rund 2500 Stunden lang weht hierzulande zwischen Neujahr und Silvester überhaupt Wind. Und Windstrom lässt sich noch nicht nennenswert speichern.

Zudem verbrauchen bereits jetzt die grünen Energiequellen - neben Windrädern auch Solar- oder Biomasse-Kraftwerke - ein Vielfaches mehr an Natur- und Kulturlandschaft als alle Tagebaue und Kohlekraftwerke zusammen. Vor allem Ackerland geht verloren. So wehren sich schon über 800 deutsche Bürgerinitiativen gegen neue Windparks.

Und drittens erreicht die Befürworter emissionsfreier Stromerzeugung - siehe Thüringen - zunehmend Gegenwind aus einer Richtung, aus der man es ursprünglich nicht erwartet hatte: von Natur- und Artenschützern. So gab etwa die Deutsche Wildtier Stiftung eine wissenschaftliche Studie zur Windenergie im Lebensraum Wald in Auftrag, deren nun vorgelegte Ergebnisse nachdenklich stimmen. Immerhin werden jährlich 250 000 Fledermäuse und über 12 000 Greifvögel Opfer von Windenergieanlagen, etwa Rotmilan, Schreiadler oder auch Schwarzstorch.

Die Vögel, so heißt in dem Dossier, würden von den Rotoren erschlagen, die an der Blattspitze in knapp 200 Metern Höhe »eine Fläche von der Größe eines Fußballfeldes überstreichen«, während Fledermäuse »meist auf der Rückseite der Anlagen im Unterdruck sterben, weil ihre Lungen platzen«. Erarbeitet hat das Dossier der Biologe Dr. Klaus Richarz, der 22 Jahre lang die Staatliche Vogelschutzwarte für Hessen, Rheinland-Pfalz und das Saarland leitete. Laut seinen Auswertungen nimmt in einigen norddeutschen Regionen die Zahl getöteter Vögel schon »populationsgefährdende Ausmaße« an.

Solche Signale sind nicht neu. So vermeldete im Sommer die Schutzgemeinschaft Harthäuser Wald im schwäbischen Landkreis Heilbronn zahlreiche getötete oder verletzte Fledermäuse, Milane, Bussarde und Habichte, seit in der Nähe 14 neue Windräder in Betrieb gingen. Dies betreffe vor allem jene Anlagen, die Naturschützer während des Planungsverfahrens abgelehnt hätten, heißt es dazu beim BUND in Heilbronn. Man sei nicht generell gegen Windkraftanlagen, doch sollte man die besser an der Autobahn konzentrieren, statt in bisher ruhigen Waldzonen.

Dass dies dennoch schwer durchzusetzen ist in einer Gesellschaft, in der selbst Gutes nur Chancen hat, wenn es sich rechnet, belegt eine andere Zahl: Die derzeit laufenden Windräder summieren sich auf ein Anlagevermögen von 9,7 Milliarden Euro. Denn hinter den Propellern stehen zumeist private Investoren, die damit Geld verdienen wollen. Doch langsam wird der Platz hierfür knapp und so rückt man immer dichter an Vogelbrutgebiete heran.

Darum fordert die Wildtierstiftung zumindest ein Ende der »Willkür beim Ausbau von Windenergie«. Denn die artenschutzrechtlichen Auflagen für Baugenehmigungen differierten teils erheblich zwischen den Ländern. Während in Baden-Württemberg 1000 Meter Abstand zu Brutplätzen vorgeschrieben wären und in Bayern sogar 1500 Meter, sei dies in Brandenburg überhaupt nicht geregelt.

Stiftungsvorstand Professor Dr. Fritz Vahrenholt fordert drum von den deutschen Landesbehörden, sich an das »Helgoländer Papier« zu halten, das die Länderarbeitsgemeinschaft der Vogelschutzwarten 2015 vorlegte. Demnach solle ein Mindestabstand von 1200 Metern gelten. Und wo »Horstbäume mutwillig zerstört wurden«, so Vahrenholt, »muss der Brutbereich dauerhaft eine Tabuzone für Windenergieanlagen bleiben«. mit epd

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