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Der Fall von Mossul verzögert sich

Die Offensive auf die Dschihadistenhochburg in Irak ist mit einigen Merkwürdigkeiten verbunden

Ob Tagesschau der ARD, Londoner »Guardian« oder Hamburger »Spielgel« - nicht wenige Medien berichten von einem zügigen Voranschreiten der Offensive auf Mossul. Die nordirakische Millionenstadt steht seit Juni 2014 unter Herrschaft von Milizen des sogenannten Islamischen Staates (IS) und wird seit Oktober von der irakischen Armee und deren Verbündeten berannt. Steht der Fall Mossuls also unmittelbar bevor, da er von so vielen Seiten beschworen wird?

Man sollte wohl skeptisch sein und das aus mehreren Gründen. Zunächst deshalb, weil sich fast alle auf dieselbe Quelle berufen: einen Sprecher des in Irak verbliebenen Truppenkontingents der USA namens John Dorrian, der im Bagdader Hauptquartier sitzt und von dort für die Öffentlichkeit bestimmte Lageberichte aussendet.

Nun weiß man spätestens seit Otto von Bismarck, dass niemals so viel gelogen wird wie vor der Wahl, während des Krieges und nach der Jagd. Und während des Krieges ist man jetzt. Dorrian sichert sich ab. Einerseits erklärte er dieser Tage gegenüber dpa, Mossul sei »bereits zu rund 90 Prozent unter Kontrolle der Angreifer und werde sehr, sehr bald vollständig befreit sein«. Andererseits sei mit einer schnellen Befreiung der gesamten Stadt aber nicht zu rechnen.

Konkrete, belastbare Informationen sind so gut wie gar nicht zu erhalten. Die Luftangriffe der US-geführten internationalen Koalition hätten die finanziellen Ressourcen des IS getroffen. »Wir haben auch ihre Fähigkeit zerstört, durch den Verkauf von Öl Geld zu machen. Wir bringen sie jeden Monat um Millionen Dollar an Einnahmen.« Dorrians Verlautbarungen sind nicht das nüchterne Bulletin eines Militärs, sondern kommen reichlich propagandistisch daher.

Auffällig ist, dass der US-Amerikaner Wert darauf legt, dass die Anti-IS-Militärkoalition US-geführt ist. Für die Luftangriffe mag das auf jeden Fall zutreffen, aber für den Bodenkrieg? Angriffsfähige Fußtruppen haben die USA nach offizieller Lesart nicht mehr in Irak, und wenn, dann würden sie sie wohl kaum bei der Eroberung Mossuls verheizen, die ihnen nichts außer Verlusten bringen kann.

Auch von der irakischen Seite gibt es nur allgemeine, wenig aussagekräftige Verlautbarungen. Welchen Anteil am behaupteten Vormarsch haben die regulären Streitkräfte, welchen die für ihre Brutalität und Rachsucht gefürchteten irakischen Schiitenmilizen, welchen die kurdischen Peschmerga-Kämpfer oder die iranischen oder türkischen Einheiten? Darüber erfährt man nichts.

Auch nichts über die Folgen des lautstarken Streits zwischen dem irakischen Ministerpräsidenten Haider al-Abadi und dem Türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan. Letzterer hatte für die Türkei reklamiert, dass sie selbst entscheide, ob und wie sie in den Kampf um Mossul eingreifen werde, was von Abadi heftig zurückgewiesen worden war. Es ist davon auszugehen, dass Erdogan, auch um sich nicht zusätzlich mit den USA anzulegen, am Ende auf die Konfrontation verzichtet hat, zumal seine Truppen ja bereits in Syrien stehen - durchaus zur Genugtuung der Amerikaner - und er im eigenen Land sein Militär ebenfalls benötigt.

Eine weitere Facette dieses etwas merkwürdigen Krieges: Die Offensive auf Mossul läuft offiziell bereits seit dem 17. Oktober. Dass man von Verlusten wenig erfährt, ist nicht ungewöhnlich. Aber es werden auch keine Gefangenen präsentiert und keine befreiten Menschen, obwohl man doch pausenlos nach vorne marschiert, um noch einmal den Sprecher der US-Truppen zu zitieren: »Jeden Tag kommen sie voran, und jeden Tag zieht sich der Feind zurück.«

Inzwischen, heißt es, ist Mossul zweigeteilt, getrennt durch den Tigris. Im »befreiten« Osten räuchere man die letzten Dschihadistennester aus, aber der Westen sei noch vollständig in de Hand des IS. Die große Zahl an Zivilisten verlangsamte aber das Tempo der Offensive.

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