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Die Wut nach dem »Wunder«

Schwere Vorwürfe an die Behörden nach Lawinenunglück in Italien

  • Von Annette Reuther, Rom
  • Lesedauer: 4 Min.

Es ist eine E-Mail, die nichts Gutes erahnen lässt. »Die Lage ist besorgniserregend. Es liegen zwei Meter Schnee (...). Die Gäste können nicht abfahren, nach den Erdbeben sind sie in Angst und bereit, die Nacht im Auto zu schlafen.« Es ist ein Hilferuf aus dem Hotel Rigopiano im Abruzzen-Ort Farindola. Abgeschickt vom Hoteldirektor Bruno Di Tommaso nur Stunden bevor eine Lawine mit dem Gewicht von rund 4000 beladenen Lastwagen das Gebäude fortriss und mehr als 30 Menschen unter sich begrub. Der Hilferuf blieb folgenlos.

Elf Menschen konnten zwar gerettet werden - was durchaus als Wunder gelten kann. Aber über die Freude, Lebende in den Tonnen von Schnee und Trümmern zu finden, haben sich Trauer und Wut gelegt. Trauer über die vielen Toten. Und Wut über ein mögliches Versagen der Behörden. »Die, die gestorben sind, wurden getötet«, sagte der Vater eines Vermissten. Die Staatsanwaltschaft in Pescara ermittelt gegen unbekannt. Der Vorwurf lautet mehrfache fahrlässige Tötung.

Reihte sich ein Unglück an das andere - oder ein Versäumnis an das andere? Der viele Schnee, die Erdbebenserie, die unpassierbaren Straßen, die gescheiterte Suche nach einem geeigneten Schneeräumfahrzeug, Notrufe, die für Falschmeldungen gehalten wurden ...

Erste Frage: Warum wurde das Hotel nicht früher evakuiert? Seit Tagen hatte es geschneit. Bei dem Hotel in 1200 Metern Höhe lagen um die zwei Meter Schnee. Das Gebäude lag unterhalb eines steilen Abhangs. »Dieser kammnahe Hang ist steil genug und lang genug, dass eine Lawine Fahrt aufnimmt, durch den Wald saust und bis zum Hotel vordringt«, sagte Thomas Bucher vom Deutschen Alpenverein. »So etwas wäre in den Alpen vermutlich beim Bau des Hotels ins Kalkül gezogen worden, weil dort gewöhnlich viel Schnee fällt. Es ist aber schwer zu übertragen, weil bei uns andere Wetterbedingungen herrschen.«

An jenem Tag galt Lawinenwarnstufe 4 (von 5). Das bedeutet, dass eine Lawine schon bei geringer Zusatzbelastung an Steilhängen wahrscheinlich ist. Hätten da nicht die Alarmglocken schrillen müssen? Und stimmt es, dass der Bürgermeister von Farindola nichts von der Anhebung der Lawinenwarnstufe wusste?

Zweitens: Wie konnte es sein, dass stundenlang ein Räumfahrzeug gesucht wurde, um die Straße zum Hotel freizuschaufeln? Die Behörden wurden schon Mittwochfrüh - noch vor den Erdbeben - informiert, dass das isolierte Hotel in Schwierigkeiten sei. Eine Schneefräse sei kaputt gewesen, so Medien. Wäre das Räumfahrzeug früher angekommen, hätten die Menschen das Hotel vielleicht noch rechtzeitig verlassen können.

Drittens: Wurden Notrufe ignoriert? Der Überlebende Giampiero Parete, dessen Frau und zwei Kinder mehr als 40 Stunden später gerettet wurden, war zum Zeitpunkt der Lawine draußen. Er erzählte, er habe einen Notruf abgesetzt, aber niemand habe ihm geglaubt. Ein anderer Zeuge sagte, er sei mit dem Notruf abgeblitzt. Angeblich wusste der Hoteldirektor, der zum Unglückszeitpunkt nicht vor Ort war, auf Nachfrage der Präfektur nichts von einer Lawine.

Die Anschuldigungen und Spekulationen überschlagen sich. Regierungschef Paolo Gentiloni warnte davor, voreilig nach einem Sündenbock zu suchen. Alpenvereinsexperte Bucher sagte, es habe sich um eine Verkettung unglücklicher Umstände gehandelt. »Lawinenunglücke wie das von Italien sind Ausnahmeereignisse, die nicht vollständig zu verhindern sind.« Beispiel sei die Lawinenkatastrophe von Galtür in Österreich 1999, bei der 38 Menschen umkamen.

Das Unglück von Farindola wirft erneut ein Schlaglicht auf eine Region, die seit dem Erdbeben von L’Aquila 2009 nicht mehr auf die Beine kommt. Damals kamen mehr als 300 Menschen um, die Wirtschaft liegt am Boden, viele Orte sind verlassen.

Die Tragödie sei die Spitze eines Eisberges, sagte Lorenzo Sospiri, Regionalrat der Abruzzen. Er forderte die Verantwortlichen in Präfektur und Provinz auf, zurückzutreten. »In einem zivilen Land kann es nicht so zugehen, es kann nicht sein, dass unschuldige Bürger wegen einer verschneiten Straße sterben und nichts passiert.« Das Einzige, was die Menschen hier noch hatten, waren Landwirtschaft und Tourismus. Doch zum Skifahren wird in die Gegend um den Gran Sasso wohl so schnell kaum noch jemand fahren. dpa/nd

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