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Protokoll einer Sommererinnerung

Ab Donnerstag im Kino: »Die schönen Tage von Aranjuez« von Wim Wenders

Dem Sommer wohnt schon der Abschied inne. Wenn man auf dem Höhepunkt von Licht und Blühen ist, kann nur noch eines kommen: das Welken, der Verfall, das Dunkel. Also gilt es, die kostbaren Frist zu feiern, diesen Moment der Überfülle in der Natur, der nicht dauern kann.

Peter Handke ist ein konsequent unzeitgemäßer Autor, so ungefähr wie sich Rousseau einst zur allgemeinen Fortschrittseuphorie verhielt: notorisch skeptisch, ein Eigenbrötler, der seinen ganz eigenen schweigsamen Umgang mit der Zeit pflegt, die nicht unbedingt diese Zeit sein muss. Ist es da ein Wunder, dass ein anderer stiller Lauscher, der Regisseur Wim Wenders, auf Peter Handkes Sommermeditation »Die schönen Tage von Aranjuez« traf und einen neunzigminütigen Dialogfilm schuf, in dem in jedem Satz das Schweigen hörbar bleibt? Wenders und Handke kennen sich seit über fünfzig Jahren, beide lieben sie Frankreich, Handke wohnt seit langem bei - nicht in! - Paris. Der Abstand zur urbanen Metropole ist ihm überlebensnotwendig, sie dennoch fast in Sicht- und Hörweite zu haben, eine Provokation der Langsamkeit, die er in seinen Texten feiert. Nur so bleibt Distanz eine spannungsvolle. Man bleibt auf dem Sprung, man ahnt sich in Gefahr.

Ursprünglich war »Die schönen Tage von Aranjuez« ein Theaterstück, das Handke auf französisch schrieb. Ein Mann und eine Frau (so namenlos bleiben sie) sitzen im blühenden Sommergarten mit weiter Aussicht. Sie sitzen wie auf einer Bühne für den Autor, das Alter Ego Handkes, der in einer alten Villa an einem Text schreibt. Die Musik zu einem perfekten Tag erklingt, eine Anspielung - wie so vieles in diesem Film - zu einem Handke-Text.

Was im Kopf des Autors vorgeht, das sehen wir. Der Mann und die Frau, das sind seine Geschöpfe. Der Mann fragt die Frau viele Dinge, die jenseits der Konversation liegen, ein höchst intimer Monolog in verteilten Rollen. Wie war ihr erstes Mal? Wobei offen bleibt, was damit nun gemeint ist: ein erstes Mal mit einem Mann zusammen gewesen zu sein, ein erstes Mal die Dinge und sich selbst inmitten von ihnen ganz anders angesehen zu haben? Handkes Worte haben eine besondere Eigenschaft: Sie vermischen sich mit dem Lebensstoff, aus dem sie erwachsen sind. Das kann man als Poetisierung mögen oder aber als unsachliches Raunen ablehnen. Die Entscheidung sagt dann einiges über den, der sie trifft.

Wie für Handke die Sprache kein simples Instrument der Informationsübermittlung ist, sondern ein Gefäß der Sprache als ein ins Unsichtbare verlängerter Leib, so ist auch Wenders kein Filmemacher, der uns Dinge als gegeben zur Betrachtung überlässt. Nein, diese Dinge - wie auch das Gegenüber, der Mensch, der Garten, das Licht - sie alle entstehen auf ihre besondere Weise erst in dem Moment, in dem wir sie anblicken. So sahen wir »Das Salz der Erde«, »Kathedralen der Kultur« oder »Pia«. Die letzten beiden drehte er bereits in 3D. Das verwundert im ersten Moment, denn dieses Format nutzt Hollywood in der Regel, um seine Actionfilme noch gigantischer wirken zu lassen.

Doch Wenders will mit der zwei-Kamera-Aufnahmetechnik von 3D etwas anderes erreichen: so zu sehen, wie wir selbst mit beiden Augen einen Raum betrachten. Dieser Raum, sei es ein Zimmer, der Garten oder Himmel, hat eine Tiefe, die nur so fühlbar wird. Nun also auch »Die schönen Tage von Aranjuez« in dieser Technik. Die Personen: Mann und Frau im Garten und dahinter am Schreibtisch bei geöffneter Terrassentür ihr Schöpfer, der unsicher nach Worten suchende Autor. Ein unerhört statischer Film, in dem sich die Blätter der Bäume im Wind mehr bewegen als die drei nicht-handelnden Personen, deren Sprache bei aller Schönheit unverhohlen schriftlich klingt. Alles bloß Papier? So artifiziell spricht doch kein lebender Mensch, der von einem Alltag beladen ist, lautet der auch hier erwartbare Standardvorwurf gegen Handke/Wenders, die im Duo ihren Widerstand gegen die Sehgewohnheiten des Zeitgeistes noch verstärken.

Alles ist hier bis ins Kleinste arrangiert und stilisiert. Wer auf so etwas allergisch reagiert, hat schnell das Wort »manieriert« parat. Die Villa mit Garten, in der - nur - zehn Tage gedreht wurde, gehörte einst der Schauspielerin Sarah Bernard. In dem mit alten Möbeln arrangierten Arbeitszimmer des Autors (Jens Harzer in der wohl seltsamsten Rolle seines Lebens, als wortschmeckender Autor, der über Satzbruchstücke kaum hinauskommt), steht auf seinem Schreibtisch das miniaturisierte Modell eines Tisches mit zwei Stühlen - das ist exakt jene Situation draußen vor der Tür, wo der Mann (Reda Kateb) und die Frau (Sophie Semin) sitzen. Sie spricht, während er fragt. Aber was sie sagt, das sind keine Antworten im üblichen Sinne, sondern es ist eine Meditation über eigentlich nicht aussprechbare Dinge, die verborgene Seite dessen, was in einem Lebenslauf steht. Eine besondere Rolle spielt dabei ein roter Apfel, den er hin und her rollt (wer denkt hier nicht an den Apfel im Paradies!), ein Frühapfel, dessen Frucht ebenso weiß wie die Kerne schwarz sind. Auch dies ein Symbol des Anfangs, der nicht zu wiederholen ist, auch nicht festzuhalten. So sitzen wir im Handke- Wenders-Erinnerungsraum. Der ist schön wie ein Sommertag im grünen Umland von Paris, aber eben auch sehr steif und nicht nur künstlich, sondern auch gekünstelt.

Irgendetwas funktioniert hier nicht, die Mediation, die gewollt ist, wird gestört vom erwachenden bösen Blick des Zuschauers auf diese merkwürdig inszenierte Idylle. Da ist die Jukebox, im Dämmerlicht des Hausflures, eine Reminiszenz von Wenders an Handkes Essay »Versuch über die Jukebox«. Plötzlich sitzt wie ein Geist der Pianist Nick Cave am Klavier, das hat schon etwas Komisches.

Die Magie, die allzu offensichtlich gewollt ist, stellt sich eben darum nicht ein. Und auch Sophie Semin als Frau, die eine Inkarnation des Textes des Autors sein soll, erweist sich nicht gerade als Glücksfall für den Film. Sie ist Schauspielerin und seit zwanzig Jahren mit Peter Handke verheiratet. Beide, so heißt es, leben getrennt: sie in Paris, er auf dem Land. Sophie Semin hat einen resignativen Zug um den Mund, ob das mit Handke zu tun hat? Was sie von ihren »Racheakten an Männern« sagt, die man nicht Liebe nennen sollte, hat etwas Bitteres. Auch dies sind schließlich Handkes Worte, schlimmer noch: die eines notorisch schwierigen, mit sich und den Worten beschäftigten Autors. Am Ende ist die Idylle, die nie eine war, vorbei. Der Mann steht auf, geht einige Schritte durch den Garten, der plötzlich sehr dunkel wirkt. Der Lärm der Großstadt dringt nun auch in dieses Refugium unerbittlich ein. Ein Flugzeug dröhnt. Der Traum vom Sommer, der bei Handke wie bei Wenders kein Sommernachtstraum sein durfte, sondern das kalte Protokoll einer Abfolge von Erinnerungen, endet abrupt. Sehr seltsam und befremdlich.

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