Von Lucía Tirado

Rache an der Fledermaus

In der Neuköllner Oper gerät die Johann-Strauss-Operette außer Rand und Band

Man könnte fast sagen, Berlin erlebe endlich mal einen Theaterskandal. So weit reicht es dann aber doch wieder nicht. Es bleibt letztlich bei Regieausschweifung und viel Fleisch.

In einer Fassung von Julia Lwowski, Yassu Yabara und Tobias Schwencke zeigt die Neuköllner Oper »Die Fledermaus« nach Johann Strauss. Der Besuch ist wegen »sexuell expliziter Szenen« erst ab 18 Jahren erlaubt. Mit solchen wird dann auch nicht lange gewartet. Das Publikum ist sofort konfrontiert. Video-Einspielungen, vor allem Live-Videos, machen die Zuschauer zu Spannern. Nicht genug damit, werden zusätzlich pornografische Darstellungen der Altvorderen eingeblendet.

Ausgelassen und keineswegs brav ist die 1874 in Wien aufgeführte Operette angelegt. In Champagnerlaune spielt sich alle Handlung für die ausgeklügelte Rache der Fledermaus ab. In Wien hatte man seinerzeit neidisch auf die Pariser Pikanterie am Theater gesehen. Mit der »Fledermaus« kam man auf gleiche Höhe. Strauss soll von Karl Haffners und Richard Genées Libretto in einen Schaffenstaumel gerissen worden sein. Dass gerade zu dieser Zeit ein Börsenkrach viele kleine Leute um ihr Geld brachte und damit den Zorn auf die triviale Lebensart der Oberschicht anfachte, brachte einen politischen Aspekt ins Spiel. Das war Zufall.

Kulminiert die Handlung in der ursprünglichen Fassung in einem frivolen Ball, so setzen die Macher der aktuellen Neuköllner Version frenetisch auf Sex. Freie Liebe wollen sie als politisches Moment verstanden wissen. Die versprochene Ansage an überholte Konventionen, an die »verzweifelte Lustmaschine dieser Operette« will sich nicht erfüllen. Lediglich eine Flucht vor Zwängen der Realität. Das ist aber keine überholte Sache. Dazu die kollektive Betäubung mit Rausch erzeugendem Stoff. Allerdings gibt es wenig anderes. Es ereignet sich kaum eine Szene ohne eindeutig drängende Hüftbewegungen. Und zur Verstärkung dieses Anliegens oder als Alibi für Regieabsichten wird zu ursprünglichen Rollen noch der Marquis de Sade eingeführt, samt eines Orgasmus genannten Sohnes, der sich energiearm hinter ihm herschleppt.

So wird die Aussage zwar ausgeschmückt, das Stück aber nicht gebrochen, was den Mangel ausmacht. Lediglich als verstärkt erkennbar ist, dass den immer neu zu wilden Partys einladenden Prinzen Orlowsky längst der Überdruss packte. Überzeugend hier Gina-Lisa Maiwald. Sehr schön anzuhören sind die Sänger. Vor allem Hrund Ósk Árnadóttir als Rosalinde und SuJin Bae als Adele.

Wild und engagiert spielen alle Beteiligten bis in die Pause der mit fast dreistündiger Aktion zeitlich über die Originalfassung hinausgehenden Produktion. Die Besetzung der Rolle des genasführten Eisenstein, der sich mit eindeutigen Absichten ahnungslos seiner maskierten Gemahlin auf dem Fest nähert, ist ein Glücksgriff. Thorbjörn Björnsson, der für sein Können als Sänger wie als Schauspieler bekannt ist und auch an der Neuköllner Oper schon zu erleben war, besitzt eine gute Ausstrahlung mit herrlicher Komik. Selbst dann, wenn er nackt über die Bühne spaziert.

Auf eine Szene, in der er seinen Hintern zwecks Peitschenknall dem Publikum zuwendet - wohl eine Art Hommage an den Marquis de Sade -, kann man allerdings getrost verzichten. Auch auf den Gebrauch von Klopapier, das naturalistisch ins Spiel kommt. Die Regie kriegt sich da einfach nicht mehr ein. Man wird das Gefühl nicht los, dass »Die Fledermaus« benutzt wird, um etwas auf die Bühne zu bringen, das man schon immer mal auf die Bühne bringen wollte.

Die Rache der Fledermaus gerät zwar zur Rache an der »Fledermaus«, aber wohl nicht so, wie gedacht, ohne kreative Überraschung. Wem nach solcherart außer Rand und Band geratener Operette ist - nichts wie hin. Ansonsten: Glücklich ist, wer vergisst, was nicht mehr zu ändern ist.

Bis 26.2., Neuköllner Oper, Karl-Marx-Str. 141, www.neukoellneroper.de

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