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Höre das Haar!

Die Amazon-Serie »Mozart in the Jungle«

Die Pilotfolge einer Serie über klassische Musik startet so: Auf einer WG-Party in New York legt die Gastgeberin Lizzie (Hannah Dunne) den zweiten Akt von George Biszets Oper Carmen auf und das Stück ist nicht als Rausschmeißer gemeint. Jetzt geht es erst richtig los. Während sich zwei am von Lizzie gerade erfundenen Ganjanom (ein auf ein Metronom gesteckter Joint) probieren, liefert sich ihre Mitbewohnerin Hailey (Lola Kirk) mit einem Typen einen Instrumentenwettstreit, der als Trinkspiel getarnt ist. Mit ihrer Oboe spielt sie den Flötisten, der auf Klaviernoten improvisiert und sich deshalb schon für herausragend hält, in Grund und Boden. Das klingt freakig, ist es auch. Die Amazon-Serie »Mozart in the Jungle« ist aber kein in halbstündige Häppchen gepackter Insiderwitz für wohltemperierte Klassikfans, sondern ein echter Schatz im Serienüberangebot.

Am Tag nach der Party fährt Hailey völlig verkatert zum Vorspielen für die New Yorker Symphoniker und schafft es natürlich trotzdem, oder gerade deshalb, ins Orchester, das von einem kindhaften Dirigenten im Sergeant-Pepper-Outfit mit Zöpfchen geleitet wird. Ein Mann, der nur bei seinem Vornamen genannt werden will, kein Sir Simon Rattle, sondern schlicht ein Rodrigo (Gael García Bernal), ein Genie, keine Frage, der das finanziell angeschlagene und in die Jahre gekommene Orchester wieder an die Weltspitze dirigieren soll. Aus den Parallelen zum Leben eines Gustavo Dudamel machen die Produzenten keinen Hehl. Grundlage für die Handlung ist aber eigentlich das Buch »Mozart in the Jungle: Sex, Drugs, and Classical Music«, in dem die Oboistin Blair Tindall - die Vorlage für die Figur Hailey - ihre Zeit bei den New Yorker Philharmonikern beschreibt. Obwohl Amazon keine Einschaltquoten veröffentlicht, scheint die Serie ihr Publikum gefunden zu haben. Zwei Golden Globes (beste Dramaserie und bester Hauptdarsteller) und ein Emmy für die Soundgestaltung taten ihr Übriges, um der Serie die verdiente Aufmerksamkeit zu verschaffen. Für die nun angelaufene dritte Staffel haben die Produzenten dick aufgetragen. Keine Geringere als Monica Bellucci spielt die mondäne Opernsängerin Alessandra, die seit Jahren keinen Ton mehr herausbringt. Allein der flippige Charmebolzen Rodrigo, der mit ihr über die Garzeit von Pasta diskutiert, findet einen Zugang zu ihr und kann ihr die Singhemmungen nehmen. Das Set haben die Produzenten für diese Staffel dann auch nach Venedig verlegt.

Die Serie schafft es, dem biederen Perlenkettencharme einer Netrebko-Performance zu widerstehen, ist aber auch kein pseudo-lockerer Abend mit David Garrett in der Waldbühne, sondern kluges, bissiges und launiges Unterhaltungsfernsehen, mit allen Zutaten, die dafür nötig sind: Intrigen, verletzte Eitelkeiten, unglückliche Liebe und Sex auf der Opernhaustoilette.

Dabei erzählt die Serie auch davon, wie es im Musikgeschäft zugeht. Die Verträge des Maestro regeln penibel genau, welche Freiheiten er hat und welche nicht (drei Mal im Jahr darf er Entscheidungen der Orchesterleitung infrage stellen). Sie zeigt, was wir schon wissen, wie hierarchisch es in der klassischen Musik zugeht, jedoch mit dem gebotenen Sarkasmus und wie sehr das Geld, die PR (Rodrigos erstes Konzert soll mit dem Slogan »Höre das Haar!« angepriesen werden) und das Ego regieren. Seitenhiebe, verpackt im liberalen Gewand, auf die böse, kreativitätsfeindliche Orchestergewerkschaft heizen die Stimmung im Ensemble zusätzlich an. Ein echtes Vergnügen.

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