Diese Website verwendet Cookies. Wir können damit die Seitennutzung auswerten, um nutzungsbasiert redaktionelle Inhalte und Werbung anzuzeigen. Mit der Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Unsere Datenschutzhinweise.
Werbung

»Bärgida«-Fan und Autoanzünder

Weil er der linksradikalen Szene eins auswischen wollte, setzte Marcel G. drei Autos in Lichtenberg in Brand

Die Sicherheitsvorkehrungen im Kriminalgericht waren enorm. Fürchtete man einen Racheakt aus der linken Szene, weil Marcel G. dort als Verräter abgestempelt ist? Doch niemand interessierte sich für den 27-jährigen Angeklagten, die Zuhörerbänke blieben an diesem Dienstag leer. Marcel G. ist ein Plauderer, redet viel und auch wirres Zeug.

In der Nacht vom 5. auf den 6. Juli vergangenen Jahres hatte er in Lichtenberg in der Tasdorfer Straße zugeschlagen. Drei Fahrzeuge wollte er in Brand setzen, um die Tat der »linken Szene« in die Schuhe zu schieben, wie er dem Gericht gestand. Doch das ging voll nach hinten los. Zivilfahnder waren als Zuschauer dabei. Sie löschten erst die Kohleanzünder auf den Reifen und nahmen dann den verdutzten Brandstifter fest. Damit hatte er nicht gerechnet. Er vermutete die Polizisten in der Rigaer Straße beim Großeinsatz. Und so wanderte er in Untersuchungshaft. Die Schäden an den drei Fahrzeugen waren eher gering.

Im Knast kennt G. sich aus. Er saß schon in Hamburg. Wegen Autobrandstiftung. Dort bekam er 2013 Besuch: Polizisten wollten mit ihm über die militante linke Szene in Berlin sprechen. Und Marcel G. plauderte - über Anschlagspläne, über Akteure, über revolutionäre Aktionen. Er wäre auch bereit, sich noch einmal in die Szene einschleusen zu lassen, um Aktivisten ans Messer zu liefern, sagte er damals.

Das Gespräch mit der Staatsmacht blieb nicht geheim, und seine Denunziationen landeten auf linken Internetseiten. Fortan trug er das Kainsmal des V-Manns der Berliner Polizei. Auch wenn der damalige Innensenator Henkel (CDU) heftig dementierte. Inzwischen hatte sich G. aus dem linken Umfeld verabschiedet und sich neuen Freunden zugewandt. Das war im Jahr 2015. Bei »Bärgida«, dem Berliner »Pegida«-Ableger, fand er nach eigenen Worten eine neue politische Heimat. Er trat als Redner vor menschenleerer Kulisse am Berliner Hauptbahnhof auf, so richtig wollte keiner etwas von ihm wissen.

Die Brandnacht schilderte der glatzköpfige, wohnungslose G. so: Er habe sich an diesem Abend in der Rigaer Straße herumgetrieben, wo die Polizei einen Großkampftag hatte. Von der linken Szene, sagt er, wurde er erkannt und als Verräter beschimpft. Die Anfeindungen hätten ihn furchtbar wütend gemacht. Verletzungen habe er bei dem Zusammentreffen mit seinen alten Freunden nicht erlitten, doch sauer war er gewaltig. Nun wollte er es ihnen mal so richtig zeigen. Er kaufte sich spontan, wie er sagte, Anzünder, um der »linken Szene eins reinzudrücken«. Bei seinen ersten Vernehmungen hatte er noch angegeben, es sei ein gemeinsamer Plan von »Bärgida«-Leuten gewesen. Davon rückte er im Gerichtssaal ab und bezeichnete sich als alleinigen Ideengeber der Tat. Er war sich so sicher, dass er nicht auffliegen würde.

Nach seinem Standort, seiner Haltung heute befragt, erklärte er, er werde sich künftig »nicht mehr politisch engagieren«. Seine Freunde seien heute mehr im Umfeld der Hertha-Fans zu suchen. Ja, und einige seien auch bei »Bärgida« aktiv. »Zukünftig möchte ich ein straffreies Leben führen und immer zum Fußball gehen. Das macht richtig Spaß.«

Beim Gericht sorgten seine Worte für ungläubiges Kopfschütteln. Nach seiner Zukunft befragt erzählt er: Früher hatte er eine Verlobte, die er sehr geliebt habe. Jetzt ist sie seine beste Freundin. Weil die mit seinem besten Freund zusammen und von ihm schwanger ist. Er findet das gut so. Nun wollen die drei zusammen in ein Haus ziehen, das der beste Freund geerbt haben soll. Und auch das gestörte Verhältnis zu seiner Mutter und seinen Geschwistern will er verbessern. »Ich habe noch viel vor in meinem Leben«, erklärt der 27-Jährige. Mitte Februar soll das Urteil gesprochen werden.

Dieser Artikel ist wichtig! Sichere diesen Journalismus!

Besondere Zeiten erfordern besondere Maßnahmen: Auf Grund der Coronakrise und dem damit weitgehend lahmgelegten öffentlichen Leben haben wir uns entschieden, zeitlich begrenzt die gesamten Inhalte unserer Internetpräsenz für alle Menschen kostenlos zugänglich zu machen. Dennoch benötigen wir finanzielle Mittel, um weiter für sie berichten zu können.

Helfen Sie mit, unseren Journalismus auch in Zukunft möglich zu machen! Jetzt mit wenigen Klicks unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung

Solidarisches Berlin und Brandenburg

Corona ist nicht nur eine Gesundheitskrise. Es ist auch eine Krise des Sozialen. Wir beobachten alle sozialen und sozioökonomischen Entwicklung in der Hauptstadtregion, die sich aus der Verbreitung des Coronavirus ergeben.

Zu allen Artikeln