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Leben am Abgrund: Das Leben des Hans Fallada

Peter Walther erzählt die Geschichte des Schriftstellers, der vor siebzig Jahren starb und dessen Werk zum unverlierbaren Bestandteil deutscher Literatur gehört

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Der Junge war scheu. Er lief in geflickten Hosen und mit einer Fransenfrisur herum, die ihm die Mutter verpasst hatte. Mitschüler und Lehrer hänselten und verspotteten ihn. Er mochte die Schule nicht. Er war der kleine Rudolf Ditzen, ein Außenseiter, das blasse, kränkelnde Kind, das sich vor jedem Tag fürchtete. Er kapselte sich ab und floh zu den Büchern. Oft war er schon früh um vier wach. Dann stand er auf und versorgte sich im Arbeitszimmer des Vaters mit Lektüre. Las Scott, Swift, Balzac, Tolstoi, lebte auf in den fremden Geschichten, schrieb seine ersten Gedichte und wollte, nachdem er Oscar Wildes »Das Bildnis des Dorian Gray« entdeckt hatte, nur noch wie der Dandy des Buches Harry sein. Was im eigenen Leben passierte, widerte ihn an. Man hielt ihn für total überspannt, weil er schon nicht mehr zwischen Literatur und Wirklichkeit unterscheiden konnte. Bei Nietzsche war er auf den Gedanken der Selbsttötung gestoßen. Der Gedanke, unter jungen Leuten damals populär, wurde rasch zur fixen Idee, die er in Briefen mit Hanns Dietrich von Necker ausführlich beredete. Der Freund ermunterte ihn, die Worte mit der Tat zu krönen.

Rudolf Ditzen dachte an Gift. Doch der Versuch misslang. Auch die Halsschlagader hielt dem Messer stand. Nun musste ein teuflischer Plan her, ein inszeniertes Duell, der kaschierte Doppelselbstmord. Am 17. Oktober 1911 traf man sich am Rande von Rudolstadt. Necker wurde an diesem Morgen getötet, Ditzen hingegen kam verletzt mit dem Leben davon. Er war jetzt achtzehn und bedroht von einer Anklage wegen Mordes. Dass er nicht ins Gefängnis musste, verdankte er einem Gutachten, das ihm eine krankhafte Gemütsdepression attestierte. Er landete in der Jenaer Psychiatrie und wurde anschließend nach Tannenfeld bei Gera gebracht, in eine private Heil- und Pflegeanstalt für Nervenkranke. Später wird er von den Verletzungen, den Zwängen, der Ohnmacht und der Pein, dieser »verdammten Zeit« seiner Kindheit und Jugend, im Debütroman »Der junge Goedeschal« (1920) berichten. Da ist aus dem gequälten, verschlossenen, höchst gefährdeten Rudolf Ditzen gerade der Schriftsteller Hans Fallada geworden.

Welch eine Geschichte: ein Leben am Abgrund, von Katastrophen beherrscht, tiefen Stürzen, Versagen, von Elend und Schwäche. Und auf der anderen Seite ein Werk, das in seinen besten Teilen, den großen Romanen, zum unverlierbaren Bestand deutscher Literatur gehört. Peter Walther, ein Potsdamer Autor, hat diese dramatische Geschichte eines Gehetzten, der immer wieder die Balance verlor, jetzt neu erzählt, teilweise gestützt auf bislang unerschlossene Quellen. Es ist ein faktengesättigtes, bravourös erzähltes Buch geworden, das nicht bloß wiederholt, was in den Biografien von Werner Liersch, Cecilia von Studnitz oder Jenny Williams zu finden ist.

Das Leben Falladas wird immer ein Schlingerkurs bleiben. Wenn ihm überhaupt etwas Halt geben konnte, dann war es die Literatur. Auf den ersten größeren Erfolg musste er allerdings lange warten. Er gelang 1931 mit dem Roman »Bauern, Bonzen und Bomben«. Im Jahr darauf dann der Triumph: »Kleiner Mann, was nun?«, die Geschichte des sympathischen, von den Verhältnissen arg gebeutelten Angestellten Pinneberg und seiner Frau, ein Welterfolg, der das Leben seines Autors auf den Kopf stellte. Er hatte es allen gezeigt. Sogar Hollywood wurde aufmerksam. Und plötzlich hatte er Geld. Fallada wurde übermütig. Er warf mit dem Geld um sich. Aus dem Sparsamen, wird er später schreiben, war ein Verschwender geworden.

Aber was war bis dahin nicht alles geschehen? Der Psychiatrie entkommen, hatte er auf verschiedenen Gütern gearbeitet, war ein Experte für Kartoffeln geworden und hatte ständig die Betäubung gesucht. Ohne Schlaftabletten und Morphium ließen sich die Tage und Nächte bald nicht mehr bewältigen. Man steckte ihn 1917 das erste Mal in eine Heilstätte für Suchtgefährdete. Als er freikam, ging alles weiter wie bisher, und weil der Lohn für den Drogenkonsum nicht reichte, fing er an, Geld zu unterschlagen, mal fünftausend, mal zehntausend Reichsmark. Der Betrug flog auf, und er kam für drei Monate ins Gefängnis. 1925 die nächste Unterschlagung, wieder mit einer Gefängnisstrafe geahndet. Diesmal waren es zweieinhalb Jahre, die er hinter Gittern verbrachte. »Meine einzige Liebe«, hatte er inzwischen erklärt, »ist jetzt das Morphium. Sie ist böse, sie quält mich unermesslich, aber sie belohnt mich über jedes Begreifen hinaus.«

Ohne Suse, seine Frau, hätte Fallada die Turbulenzen, die Abende am Tresen, das enorme Schreibtempo, die Depressionen kaum überstanden. Und die Krisen nahmen kein Ende. Hitler kam, und damit wurde alles noch schlimmer: der Roman »Wer einmal aus dem Blechnapf frisst«, im November 1933 erschienen, von der Nazi-Presse vernichtet, seine früheren Bücher zunehmend boykottiert, der Berühmte nun ein Hassobjekt. Er dachte an Emigration, blieb aber doch, machte Zugeständnisse, duckte sich, lavierte, schrieb weiter, floh nun in die laue, pure Unterhaltung, wurde immer labiler, streitsüchtiger, unausstehlicher, schoss nach einem Ehekrach auf seine Frau und landete erneut im Gefängnis. Nach dem Krieg griff ihm Johannes R. Becher unter die Arme, versuchte zu retten, was zu retten war, Fallada riss sich zusammen und schrieb noch einmal in knapp vier Wochen einen großen Roman (»Jeder stirbt für sich allein«). Aber da gab es auch diese andere Frau an seiner Seite: Ursula Losch, wesentlich jünger als er und genauso drogenabhängig, in der Beschaffung des Rauschgifts ihm sogar weit überlegen.

Peter Walther zeichnet ein bewegendes Bild des Schriftstellers, das erschütternde Porträt eines wunderbaren Erzählers, dem schon der Lateinlehrer große Schärfe im Denken bescheinigt hatte, der begabt war, sogar außerordentlich begabt, ein fabelhafter Menschenkenner, instinktsicher und fantasiebegabt, aber auch unsagbar schwach, unfähig, der eigenen Auslöschung zu trotzen. Das letzte Wort über sein Leben hatte er schon Ende Dezember 1946 in einem Brief selber formuliert: »Irgend etwas in mir ist nie ganz fertig geworden, irgend etwas fehlt mir, so daß ich kein richtiger Mann bin, nur ein alt gewordener Mensch, ein alt gewordener Gymnasiast, wie Erich Kästner mal von mir gesagt hat.«

Vor siebzig Jahren, am 5. Februar 1947, ist er, dreiundfünfzig Jahre alt, in einem Berliner Krankenhaus gestorben.

Peter Walther: Hans Fallada. Die Biographie, Aufbau Verlag, 527 Seiten, geb., 25 €.

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