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Hass, Hetze und Angstmacherei türkischer Nationalisten

In den Sozialen Netzwerken entlädt sich der Hass gegen alle, die kritisch über Erdogan und die Türkei berichten. Unser Autor Ismail Küpeli zieht Konsequenzen

  • Von Alexander Isele
  • Lesedauer: 4 Min.

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Hass, Hetze und Angstmacherei - nd-Autor Ismail Küpeli kennt solche Reaktionen auf seine Kommentare über den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan und die Türkei nur zu gut. Seit er allerdings neben deutsch auch auf Türkisch schreibt, hat die Hetze gegen ihn solche Ausmaße angenommen, dass er nun Konsequenzen zieht: Auf Facebook und auf Twitter kündigt der Journalist und Wissenschaftler an, sich aus den Sozialen Medien zurückzuziehen.

»Die Qualität und die Quantität des Hasses habe ich unterschätzt. Es ist kaum vorstellbar, mit welchem Elan und welcher Härte die Anhänger Erdoğans missliebige Stimmen zum verstummen bringen wollen. Im Kampf gegen die ›Verräter‹ ist offensichtlich alles erlaubt und keine Moral und kein Anstand begrenzt diese Menschen«, schreibt Küpeli in einem Abschiedsstatement. Eine Rückkehr sei zwar nicht ausgeschlossen, aber momentan gilt: »Ein ›Weiter so‹ ist jedenfalls nicht möglich.«

Im Gespräch mit »nd« erzählt Küpeli, dass er schon seit Jahren immer wieder Personen blockiert und sperrt, weil sie ihn beleidigen und gegen ihn hetzen. Aber seit er für die türkischsprachige Onlinezeitung »Özgürüz« schreibe, explodiere der Hass gegen ihn. Den größeren Anteil machen dabei Beleidigungen, Verleumdungen und Hetze aus, es gibt aber auch immer wieder Drohungen, »die ich eigentlich ernst nehmen müsste«.

Christian Mihr von Reporter ohne Grenzen in Deutschland sieht in dem Fall ein Beispiel, wie türkische Journalisten insbesondere seit dem Putschversuch vermehrt Anfeindungen auf sozialen Medien ausgesetzt sind. Unhabhängige Journalisten würden von Internet-Trolle beleidigt oder bedroht werden. Das Internet wird seit Beginn des Ausnahmezustands in der Türkei stärker denn je kontrolliert, zugleich wies die Internetaufsicht türkische Provider an, den Zugang zu den zehn wichtigsten Anbietern von VPN-Tunneln und zum Anonymisierungsnetzwerk Tor zu sperren, die zur Umgehung der Online-Zensur eingesetzt werden. In den Kurdengebieten im Südosten des Landes wurde das Internet für mehrere Tage komplett abgeschaltet. Mihr fordert mit Bezug auf Küpeli internationale Solidarität, um die mutigen Kollegen in der Türkei und im Exil zu unterstützen: »Viele von ihnen arbeiten unter ständiger Angst. Die Pressefreiheit in der Türkei liegt sechs Monate nach Beginn des Ausnahmezustands am Boden und der Medienpluralismus ist weitgehend zerstört.«

Für JournalistInnen, AktivistInnen und KritikerInnen in der Türkei ist der Hass seit Jahren Normalität. Viele von ihnen hätten Wege und Mechanismen gefunden, damit umzugehen, meint Küpeli und hofft, für sich auch solch einen Weg zu finden. Den Hass einfach stehenzulassen, findet er schwierig, dazu beschäftige er ihn zu sehr. »Vor allem hält er mich davon ab, über Themen zu schreiben, die mir wichtig sind. Ich muss mich mit Vorwürfen auseinandersetzen, die absolut haltlos sind wie zum Beispiel der, ich würde vom israelischen Geheimdienst Mossad bezahlt werden.«

Küpeli hat für seine Entscheidung viel Unterstützung bekommen, darunter auch mehrere Einladungen für einen Urlaub, um Druck abzulassen. Der Journalist ist sehr dankbar dafür, wünscht sich aber neben der Unterstützung auf persönlicher Ebene auch eine breite Organisierung, um gemeinsam gegen die Internettrolle vorzugehen, die gegen ihn und viele KollegInnen hetzen. Von Facebook und Twitter ist nicht viel zu erwarten: Mehrmals wandte er sich an die Konzerne, um zu erklären, dass es sich nicht um Einzelfälle handelt, denen mit Blockieren und Sperren entgegnet werden kann. Die Unternehmen sperrten auch nur bei offenen Drohungen; bei unterschwelligen Drohungen oder bei versteckten türkischen Codes passiere nichts.

Dass die verbalen Angriffe auf ihn orchestriert seien, glaubt Küpeli nicht. In der Türkei orientieren sich die Regierungsanhänger an Vorbildern, erklärt Küpeli. Zum Beispiel kritisiert der Bürgermeister von Ankara gezielt bestimmte Journalisten, die AKP-Anhänger nehmen das auf und übernehmen die Hetze. Ein Großteil des Hasses gegen ihn stamme auch aus der Türkei, ist sich der Journalist sicher. Es sind aber auch deutschsprachige Menschen, die offensichtlich hier leben, die ihn in den Sozialen Netzen angreifen. Das kommt auch nicht überraschend: Bei den türkischen Wählern in Deutschland erhalten Erdoğan und die AKP Zustimmungswerte von 50 bis 60 Prozent.

Mit seinem Rückzieher, der auch nur teilweise ist - Küpeli postet auf Facebook die Reaktionen auf sein Statement -, erhofft sich der Journalist eine Verschnaufpause. Denn bisher findet der Hass nur in den Sozialen Netzwerken statt. Die Hetzer machen sich nicht die Mühe, ihm auf anderem Wege auf die Pelle zu rücken, so dass eine Auszeit in den Sozialen Medien Ruhe verspricht. Allerdings nur für ihn: »Anstatt mir kriegen dann halt andere den Hass ab«, weiß Küpeli.

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