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Den Finanzmarkt im Visier

Marktwächter

  • Von Hermannus Pfeiffer
  • Lesedauer: 3 Min.

Professor Reint Gropp ist optimistisch: »Ausgeprägtes Finanzmarktwissen könnte zu mehr Selbstständigkeit führen.« Die Wahrscheinlichkeit, dass eine Person selbstständig ist, hänge auch davon ab, über wie viel Finanzwissen der Betreffende verfügt. Diesen Zusammenhang will Gropp, der das Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung (IWH) in Halle leitet, in einer Studie herausgefunden haben. Doch reicht mehr Finanzwissen in einer immer komplizierter werdenden Welt wirklich aus, um »die Märkte« zu durchschauen?

Klaus Müller, Deutschlands oberster Verbraucherschützer, widerspricht dem Wirtschaftswissenschaftler Gropp. Zwar sei der selbstbestimmte, lernfähige Verbraucher das Ziel auch der Verbraucherschützer. Wenn man aber realistisch auf die Gesellschaft schaue, »gibt es diesen Verbraucher nicht«, sagte der Vorstand des Verbraucherzentrale Bundesverbandes (vzbv).

Im Konsumalltag sind wir außerstande, alle Informationen über die vielen Märkte zu sammeln, auf denen wir uns als Verbraucher bewegen müssen. Eine rationale Entscheidung ist daher nur eingeschränkt möglich. Zu einer neuen Hilfe im kapitalistischen Dschungel sollen die »Marktwächter« werden. Sie beobachten Produkte und Akteure, zeigen schwarze Schafe vor Gericht an und stellen Informationen für Verbraucher bereit.

Seit einem Jahr auf Patrouille

Erst vor gut einem Jahr sind die Marktwächter erstmals auf Patrouille gegangen. Bundesjustizminister Heiko Maas (SPD): »Wir werden damit in Zukunft ›schwarze Schafe‹ auf den Märkten besser identifizieren.«

Zwei Marktwächter gibt es bislang: Für besonders intransparente Märkte sowie für die Digitale Welt und für Finanzen. Im Finanzmarkt, so die Verbraucherschützer, sind Verbraucher besonders engagiert:

90 Millionen Lebensversicherungen und 16 Millionen Riester-Verträge sind in ihrem Besitz.

Ihr Kreditengagement summiert sich auf 1,5 Billionen Euro, davon 830 Milliarden Euro Immobiliarkredite.

Das Geldvermögen der Verbraucher beläuft sich auf 5 Billionen Euro.

Um Erfolg zu haben, wurde das Personal der zuständigen Schwerpunkt-Verbraucherzentralen aufgestockt. Finanziert werden die Marktwächter vom Bundesjustizministerium. Das wird in diesem Jahr 5,6 Millionen Euro zahlen. Für 2018 ist die Finanzierung noch unklar.

Sachsen überwacht Banken

Fünf Schwerpunkt-Verbraucherzentralen untersuchen den Finanzmarkt: Baden-Württemberg (Geldanlage und Altersvorsorge), Bremen (Immobilienfinanzierung), Hamburg (Versicherungen), Hessen (Grauer Kapitalmarkt) und Sachsen (Bankdienstleistungen und Konsumentenkredite). Sie sammeln die Beschwerden aus den bundesweit 200 Beratungsstellen der Verbraucherzentralen sowie aus dem Internetportal www.marktwaechter.de und suchen nach auffälligen Häufungen.

»Die neue Qualität des Marktwächter-Prinzips ist es, systematisch empirische Erkenntnisse über die Lage der Verbraucher zu gewinnen«, heißt es beim vzbv in Berlin. Anschließend werden die Informationen unter anderem Aufsichts- und Regulierungsbehörden wie der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (Bafin) oder der Bundesnetzagentur für deren Arbeit zur Verfügung gestellt.

Mit Erfolg findet Müller. So mahnte das Marktwächterteam im zurückliegenden Jahr beispielsweise die Allianz-Lebensversicherungs-AG erfolgreich ab. Darlehensverträge der Allianz zur Immobilienfinanzierung enthielten Klauseln, die Europas größtem Versicherer einseitige Vertragsänderungen erlaubten.

Das war zum Beispiel möglich, wenn ein Verbraucher die Berufsgruppe wechselte. Das Unternehmen war aufgrund von Verbraucherbeschwerden im Frühwarnnetzwerk des Marktwächters Finanzen aufgefallen.

Ein anderer Fall betraf die DWS, eine Tochtergesellschaft der Deutschen Bank. DWS schloss mehrere ihrer Garantiefonds vorzeitig zum 18. November 2016. Betroffen sind rund eine Million Kunden. Die Fonds wurden von Verbrauchern sowohl direkt bei der DWS gezeichnet als auch über Fondspolicen von Versicherern. Vielen Anlegern wurden Ersatzfonds angeboten, die einer anderen Risikoklasse angehören oder höhere Kosten verursachen. Teilweise wurden Kunden von Versicherern auch ungenügend informiert.

Das neu gegründete Marktwächter-Team war durch etliche Beschwerden aus der Beratungspraxis der Verbraucherzentralen auf das Thema aufmerksam geworden. Für Betroffene stellen die Finanzexperten Informationen auf www.verbraucherzentrale.de/dws-flexpension zur Verfügung.

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