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Klauen oder betteln wollte Klaus nicht

Überleben auf den Straßen Berlins - ein ehemaliger Obdachloser führt Interessierte durch sein früheres »Zuhause«

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Es ist saukalt an diesem Wintersonntag. Der beißende Frost frisst sich langsam durch die Textilien, die Glieder erstarren. Wir sammeln uns am Spittelmarkt, dort, wo die Leipziger Straße ihren Anfang nimmt. Eine Gruppe, die für drei Stunden eine Stadtführung der anderen Art gebucht hat. Eines tröstet mich: In drei Stunden bin ich wieder drinnen, zu Hause, in den wärmenden vier Wänden. Klaus, heute 60, wird unser Begleiter. Sein Gesicht ist gezeichnet vom Leben »davor« - bevor er begann, Berlinern und Touristen »sein« Berlin vorzustellen.

Seilwinder heißt er, doch er will, dass wir ihn, so wie es unter Obdachlosen üblich ist, mit seinem Vornamen anreden. Klaus war Alkoholiker, ein Ausgestoßener, Abgehängter. Zwischen 2002 und 2010 lebte er auf der Straße. Sein »Zuhause« war der Kinderspielplatz zwischen Niederwallstraße und Kurstraße, wo das Auswärtige Amt seinen Sitz hat. Oben, in einer Art Baumhaus auf der Spitze des Holzgerüsts, war sein Schlafplatz. Seine traurigen Habseligkeiten lagerte er in den Abendstunden im »Bunker«, einer Strauchhecke an der Leipziger Straße. Tagsüber auf Tour, rollte er sich abends, wenn die Kinder den Platz verlassen hatten, in seinem Schlafsack zusammen. Da oben war er relativ sicher. Pünktlich aufstehen war ein Muss.

»Als Obdachloser brauchst du einen streng strukturierten Tag, um zu überleben«, sagt Klaus. »Du musst ja an Alkohol, an Zigaretten kommen, und das schenkt dir keiner.« In die Notunterkunft wollte er nicht, dort wurde geklaut. Zur Bahnhofsmission am Zoo kam er nur zum Essen.

Klaus kommt aus der Gegend um Frankfurt (Oder), war Berufssoldat der NVA. Nach dem Ende der DDR hat er es in verschiedenen Jobs versucht, aber nie durchgehalten. Zuletzt war er bei einem Tabakbauern in Brandenburg. »Es hat mir auch Spaß gemacht, bis wir uns zerstritten haben. Dann bin ich getürmt. Als Alkoholiker löst man seine Probleme nicht, man säuft sie sich einfach weg.« Er wollte nach Süddeutschland, strandete aber vor 15 Jahren in Berlin. Am Anfang fand er das Leben auf der Straße gar nicht so übel, sagt er. Man war frei, musste sich nicht unterordnen, konnte draußen sein, wann und wie man wollte.

Klaus war erst mit einer Gruppe von Alkoholikern zusammen. Man trank gemeinsam, doch wenn die Flaschen alle waren, hörte die Freundschaft auf. Gewalt, Misstrauen, gegenseitige Beschimpfungen prägten den Alltag. So zog Klaus allein los. Wie an Geld kommen? Betteln wollte er nicht, zum Klauen fehlte ihm die Kraft. Es ging ihm auch gegen die Ehre. Auch mit dem Verkauf der Obdachlosenzeitung hatte er kein Glück. Er spezialisierte sich auf Flaschensammeln und bezog Quartier an der Leipziger Straße. Bald wusste er genau, wo zwischen Spittelmarkt und Friedrichstraße die Abfalleimer der BSR mit welchen Flaschen gefüllt waren - vor der Schule in der Niederwallstraße etwa oder am Gendarmenmarkt. Viele Kilometer war Klaus täglich auf Achse, um Geld für Alkohol, Zigaretten und Lebensmittel zusammenzusammeln. Die Reviere waren fest abgesteckt, keiner durfte dem anderen in die Quere kommen, sonst gab es Hiebe. Also galt es, unauffällig zu bleiben, nicht beobachtet zu werden, anderen Menschen keine Probleme zu machen. Irgendwann hatte er seinen Personalausweis verloren, keine Papiere, keine Krankenversicherung. Er war ein Nichts, existierte eigentlich nicht mehr.

Beim Einzug ins Nachtquartier am Spittelmarkt achtete er stets darauf, dass die Kinder weg waren, wenn er seine Matte ausrollte. Er wollte sie nicht erschrecken mit seinem erbärmlichen Anblick. Einmal hat er früh dennoch ein Mädchen getroffen. Die Kleine sah ihn erstaunt an und konnte nicht verstehen, wie man auf einem Spielplatz wohnen kann. Sie gab ihm ihre Brottasche, nahm ihn später mit zu ihren Eltern. Die waren anfangs alles andere als erfreut über ihre neue Freundschaft. Doch sie halfen. Klaus konnte sich waschen, bekam warme Malzeiten. Nur eine Bedingung hatte die Familie: keinen Alkohol. Daran hielt er sich, solange er bei ihnen war. Es war ein weiter Weg, bis zur Entscheidung, völlig aufzuhören mit dem Suff. Immer wieder gab es Rückschläge, musste er sich Pöbeleien und Erniedrigungen gefallen lassen. Ein Neonazi hat ihn krankenhausreif geschlagen. Stundenlang war er in der S-Bahn unterwegs, stets auf dem Sprung, um nicht von Kontrolleuren erwischt zu werden.

»Man braucht auch immer ein paar helfende Seelen, um den Bruch mit dem alten Leben zu vollziehen.« Klaus hatte diese guten Geister. Gemeinsam mit einem Freund, ebenfalls Alkoholiker, hielt er sich über Wasser, bis der Kumpel starb. Dann half die Familie, damit er Papiere bekam. Es war für ihn ein toller Moment, als er wieder zur Gesellschaft gehörte.

Doch das meiste muss er selber leisten, um sich vom Suff zu befreien. Sein Schlüsselerlebnis hatte nach der Einlieferung ins Krankenhaus zur Entgiftung. Oft begann nach der Entlassung alles von vorn. Doch dann lagen zwei Frauen in ihrem Erbrochenen und drohten zu ersticken. Klaus: »Da hab ich mir gesagt, wenn du jetzt nicht den Absprung schaffst, ist es vorbei.« Das war 2011. Seitdem ist er trocken. »Alkoholiker bleibt man immer, nur eben ein trockener«, erzählt er. »Ihr könnt euch gar nicht vorstellen, was es bedeutet, nein zu sagen, wenn man täglich von Alkoholikern umgeben ist.« Im betreuten Wohnen machte er die ersten Schritte zum »Menschwerden«, wie er sagt. Jetzt möchte er eine eigene Wohnung, ein eigenes Zuhause.

Seit fünf Jahren führt Klaus Besucher durch seine einstige Welt. Bei »Stadtansichten e. V. querstadtein« kann man an Führungen mit ihm oder anderen ehemaligen Obdachlosen teilnehmen. Der Verein organisiert auch Stadtrundgänge, bei denen Flüchtlinge zeigen, wie sie Berlin erleben.

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