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Der Heppenheimer Hiob

Von Roberto J. De Lapuente

INSA und die Jubelsozis

Roberto J. De Lapuente über den falschen Freudentaumel der SPD als Folge steigender Umfragewerte

Mega Umfragewerte bietet INSA de...
Mega Umfragewerte bietet INSA derzeit für die SPD.

Der Rausch, in dem sich die deutsche Sozialdemokratie seit einigen Tagen befindet, kam aus Erfurt über das Land. Dort hat das Institut für neue soziale Antworten (INSA) seinen Sitz. Jenes Institut, das die Sonntagsfrage neulich so beantwortete: Die SPD überrundet die Union. Geleitet wird dieses Institut übrigens von einem gewissen Hermann Binkert, dem man einen Faible für die AfD, insbesondere für deren thüringischen Landesverband mit Björn Höcke an der Spitze, nachsagt. Laut »Spiegel« erbrachte ein Binkert-Unternehmen Leistungen für den genannten AfD-Landesverband – natürlich gegen Kasse. Außerdem trat Binkert bei der »Huffington Post« wohl mehrfach als Autor von Texten in Erscheinung, die die AfD lobenswert thematisierten.

Ein Besuch auf der INSA-Website lohnt sich überdies, um zu erkennen, dass da außer Sonntagsfrage und der Bekanntgabe der Partnerschaft mit der »Bild«-Zeitung, nicht viel los ist. Vielleicht sollte man inmitten dieses Freudentaumels mal diesen Hintergrund des INSA berücksichtigen. Man kann diese Prognose nämlich auch so sehen: Im Umfeld der AfD, dieser »Merkel-muss-weg-Partei«, in dem Herr Binkert laut Berichten tätig sein soll, besteht ein reges Interesse an der Ablösung der Bundeskanzlerin. Wenn man nun Prognosen nicht nur als das, sondern auch als prägenden Faktor des politischen Klimas verstehen will, dann sind Meldungen wie jene, dass Schulz an Merkel und die SPD an der Union vorbeizieht, unerlässliche Instrumente der Wählerinstruktion.

Auch der ehemalige Emnid-Chef Klaus-Peter Schöppner glaubt nicht an das, was INSA da als Wechselstimmung präsentiert. So schnell funktionieren Meinungsumschwünge nicht, verkündete er. Aber all das kümmert die Jubelsozis momentan herzlich wenig. Sie sind glücklich. Stark wie lange nicht mehr. Wer will da noch hinterfragen, ob das alles so schnell so sein kann? Nein, man redet sich nun ein, doch fast alles richtig gemacht zu haben. Nun sei die Zeit der Entbehrungen vorbei. Jetzt gehe es aufwärts. Nun ist die Macht greifbar nahe. Ist das eigentlich ein Fall von digitaler Demenz? Oder wie nennt man dieses Phänomen?

Denn die politische Macht wurde 2013 verschmäht. Damals hätte es für eine rot-rot-grüne Koalition gereicht. Und das, obgleich man 16 Prozentpunkte hinter der Union lag. Die Freudenprognose allerdings, in der man mit einem Punkt vor ihr liegt, zeigt eines: Man kann die Bundestagssitze berechnen wie man will, ob nun mit dem D'Hondt-, dem Hare/Niemeyer- oder dem Sainte-Laguë-Verfahren, es reicht nicht für die absolute Mehrheit. Man ist aus dieser Perspektive mitnichten so stark wie lange nicht mehr. Anders gesagt: So sieht Phlegma aus. Denn wie will man es sonst nennen, wenn jemand im günstigen Moment zögert, um im ungünstigen Augenblick auszumerzen, was vorher viel leichter gewesen wäre?

Dieser ungünstige Augenblick lässt sich mit einer Abbreviatur benennen: AfD. Die gab es eben 2013 noch nicht als Partei im Bundestag. Dieses Jahr wird das anders sein. Und daher verschieben sich die Konstellationen im Bundestag. Und das vermutlich so sehr, dass eine Extremprognose wie jene des Erfurter Instituts noch nicht mal Klarheit bringt. Viele der Sozialdemokraten, die nun Schulz als Erlöser aus der Knechtschaft feiern, zeigen dann auch vorwurfsvoll auf die Rechtspartei und finden, dass das bei aller guten Prognose noch immer eine schlechte Prognose sei. Mit den Worten Schulzens: Eine Schande für die Bundesrepublik.

Man kann es gar nicht oft genug wiederholen: Diese Alternative für Deutschland gibt es nur, weil die Sozialdemokraten sich nun schon über Jahrzehnte weigerten, eine Alternative für Deutschland sein zu wollen. Es ist sehr bequem, wenn man mit dem Finger auf den blauen Balken bei der Präsentation von Sonntagsfragen zeigt und verständnislos tut. Von nichts kommt nichts. Und diese AfD als Massenphänomen ist weitaus weniger das Kind des rechten Flügels der Union als der einer heruntergewirtschafteten Sozialdemokratie.

Vielleicht weiß das ja auch das Binkert-Institut und wollte sich erkenntlich erweisen. Und dass diese Prognose aus seinem Hause nahe der AfD eine annähernde Pattsituation schafft, in der sich die Union als stärkste Kraft nur mit Hilfe der AfD nochmal ins Kanzleramt hieven kann, ist wahrscheinlich nur Zufall.

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Sozial- und Rechtsstaat brechen zusammen. Gesellschaftlicher Zusammenhalt war einmal. Marktkonformität wird als Demokratie verkauft. Hiobsbotschaften sind Zeitgeist. Dieser Blog wird auch nichts daran ändern. Der Autor kennt das schon.

BloggerInnen

  • Roberto de Lapuente

    Roberto J. De Lapuente, geboren 1978, hat vor vielen Jahren eine Lehre zum Industriemechaniker absolviert und danach länger in der Metallbranche gearbeitet. Mittlerweile lebt er als freier Publizist in Frankfurt am Main. Er ist Mitglied des Blogs “neulandrebellen”.

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