Von Hans-Dieter Schütt

Welt aus den Fugen

Im Berliner Ensemble: Navid Kermani und Norbert Lammert im Gespräch

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Lammert

Jedes Wort wie ein Stein, der erschlägt: Brexit, Banken, Terror, Trump, Aleppo. Jedes Wort wie ein Schlag, unter dem wir zu versteinern drohen: Türkei, Ukraine, Putin, Assad, Flüchtlingskrise. Der iranisch-deutsche Schriftsteller Navid Kermani, ein Mann, den es im Wirbel akuter Ereignisse ohnehin nicht stillhält, hat sich in Bewegung gesetzt, er ging auf Dis-Kurs. »Welt aus den Fugen« - unter diesem Motto reiste er eine Woche durch Deutschland, sprach mit Schulklassen und abends, in einem Theater, mit einem prominenten Gast. Im Berliner Ensemble traf er Bundestagspräsident Norbert Lammert.

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Kermani

Welt aus den Fugen. War sie es nicht eh und je? Kermani bejaht. »Neu ist unsere Wahrnehmung.« Was jetzt so bedrängend hervorbreche, sei jenes Katastrophische, dessen Signale wir jahrelang so geflissentlich übersahen. Diese »ständig wachsende Selbstschwächung der liberalen Öffentlichkeit«. Er beschwört Europa. Dessen Weltstrahlung erwachse aus der großartigen Idee von der »Universalität der Menschenrechte«; dass Europa nun auf der Kippe stehe, sei Elend, aber kein Grund zur Selbstaufgabe. Kermani befürwortet Deutschlands steigende Verantwortung für die kontinentale Wertepflege, es müsse freilich angemerkt werden, dass wir dafür »lange Zeit nicht gerade ein Motor« waren. Und er verweist auf »heutige fatale Beziehungen«, etwa zu Saudi-Arabien, einem »Zentrum des Dschihadismus«? Gift, das in die Zukunft wirkt. Irgendwann wird dann wieder nach Reißleinen gerufen.

Erweisen sich (drohende) Katastrophen einmal mehr als wahre Lehrmeister der Menschheit? Norbert Lammert sieht in Europa einige Staaten, »zu denen mir gelegentlich Unfreundlichkeiten einfallen«, er verweist jedoch auf das Paradoxon, dass neue Autokratien auch eine Folge von Demokratisierung sind. Polen, Ungarn. »Erst die Festigung demokratischer Strukturen erlaubt Wahlen, bei deren Ergebnissen man sich dann die Augen reibt.« Mitunter - Blick nach Frankreich, wo sich Le Pen gewinnend durch die weichleere Mitte schleicht - vollziehe sich Demokratie in einer »steilen Versuchsanordnung«.

Als Lammert darauf verweist, dass große Koalitionen, wie etwa bei uns, die Gefahr politischer Schläfrigkeit mit sich bringen, benennt Kermani das, was »die gesellschaftliche Stabilität« befördern könne: eine wieder deutliche Ausformung von Links und Rechts. »Wenn in der Krise einzig das Zusammenrücken beschworen wird, ist das auch eine Gefahr.« Es müssten - friedlich! - Unterschiede aufeinanderprallen. Konsens plus Dissens. Mir fällt der »Kitt« ein, den der neue Bundespräsident Steinmeier so sehr betont, und was Christian Geyer in der »FAZ« dazu schrieb: Freiheit sei auch ein »Abwehrrecht gegen die Zumutungen unerbetener Zugehörigkeit ... Waren das noch Zeiten: kein ›Wir‹ bilden zu müssen.« Kermani sagt: »Es gibt viele Denkansätze für eine Gesellschaft.« Diese Wahrheit müsse gelebt werden: alternativ einander zu bekämpfen, ohne einander zu hassen. »Linke hierzulande hören das nicht gern, aber SYRIZA in Athen koaliert mit Ultrarechten.«

Der Schriftsteller plädiert für den Austausch mit AfD-Wählern, »das ist mein Reflex als Reporter, ich gehe dahin, wo ich etwas nicht verstehe, mich Fremdem ausgesetzt sehe. Solange man nicht beleidigt wird, kann man reden.« Freilich, eine Gratwanderung: »Hart etwas zu vertreten, dabei selber nicht hart zu werden.« Lammert nennt das ein »korrespondierendes Problembewusstsein« und kommt noch einmal zum Motto des Abends - mit Brecht: »Wir kennen keine Welt, die nicht aus den Fugen war.« Des Dichters Shakespeare-Studien. Darin der Satz: »Die Welt des Aischylos, was immer die Universitäten von Harmonie murmeln mögen, war erfüllt mit Schrecken.« Aischylos als der Beginn für sämtliche Zeiten.

Der Bundestagspräsident plädiert entschieden für »supranationales Denken« - wer heutzutage nur nationalstaatlich träume und handle, werde in dieser globalen Welt niemals mehr »Herr seiner eigenen Lage«. Willy Brandts Wort von der »Weltinnenpolitik« war gefallen. Innenpolitik braucht Polizei - braucht Weltinnenpolitik also Militär? Kermani, Friedenspreisträger des Deutschen Buchhandels, erinnert an den entsetzlichen Kriegs-Fehlgriff in Irak. »War es diese Erfahrung, die im Falle Syrien die Kraft zum frühen Eingreifen lähmte?« Viele Leben hätten gerettet werden können, »wenn man dem Mörder Assad, als er die sunnitische Bevölkerung bombardierte, beizeiten in den Arm gefallen wäre«. Engagement sei nicht automatisch Krieg, »kann aber den Einsatz des Militärs nötig machen. Das sage ich als alter Marschierer der Friedensbewegung.«

Den Schriftsteller treibt um, dass sich die Krisen häufen, »und doch fahren wir fort, als sei nichts geschehen«. Ja, bitter. Du sitzt in einem so bewegend überfüllten Theater, spürst die Betroffenheitsenergie der Leute, du möchtest - Kermanis intelligenter Nervosität und Beschwörungskraft zuhörend - aufstehen und ganz anders sein. Aber dann erlebst du, das zur Wahrheit auch der Sitznachbar gehört, der auf dem Handy nachsieht, ob Dortmund schon ein Tor gegen Lissabon geschossen hat. Entsetzlich?

Ja. Doch auch Beleg dessen, was wir nach jedem Terroranschlag hören: Wir lassen uns unser Leben nicht nehmen. Ja, wir fahren fort in all der Unbedenklichkeit - die manchmal so weh tut, die aber auch tröstet. Wir stammen vom Affen ab und entwickelten gleichzeitig die metaphysische Bedürftigkeit, gottähnlich zu werden. Vom Affen kommen wir nicht los, Gott niemals nahe. Der Affe will Zucker, und der versüßt die saure Tatsache, dass unserer kritischen Vernunft leider ein gewisser Irrationalismus beigesellt bleibt.

Ein nachdenkliches Gespräch in der Moderation des Journalisten René Aguigah. Kein Streit, eher ein monologisches Ergänzen; man hört einander zu, auch während man selber redet. Alles bewegt und abgetönt zugleich. Lammert brillant mit Stimme, Kermani leise und inständig. Seine Schwägerin und sein Bruder kommen auf die Bühne. Ärzte, deren »Avicenna Kultur- und Hilfswerk« Flüchtlingen hilft, in der Türkei, in Griechenland. »Wir fahren dorthin, wo Hilfe gerade am nötigsten gebraucht wird.« CDU-Politiker Lammert hatte seine Grundzuversicht anklingen lassen, dass »Europa noch nie in besserer Verfassung gewesen sei, Probleme zu lösen.« Man könne nichts ändern? Das ist Fatalismus, der von den Möglichkeiten des 21. Jahrhunderts Lüge gestraft wird. »Wir können! Wo wir es nicht tun, müssen wir uns den Schuldspruch gefallen lassen: Wir wollen nicht!«

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