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Keine Systemkritik gleich keine Qualität?

Gleich drei Bücher, die jüngst erschienen sind, beschäftigen sich mit Satire und politischer Karikatur in der DDR. Alle drei zeichnen ein Schwarz-Weiß-Bild der Situation

  • Von Harald Kretzschmar
  • Lesedauer: 7 Min.

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Da gab es dieses merkwürdige Land, das mit dem Attribut »ehemalig« und dem Etikett »Zweite deutsche Diktatur« entsorgt wurde. Darin soll es Satire und Humor, gezeichnet und geschrieben, gegeben haben. Wer ist befugt, deren »Vergangenheit zu bewältigen«? Es gibt Sammlungen. Das Satiricum Greiz lebt in Triennalen und Personalschauen. Für Forschung fehlt ein Etat. Im Museum Wilhelm Busch Hannover gab Andreas Nicolai 2006 einen dicken Bildband über elf Zeichner des Satire-Magazins »Eulenspiegel« heraus: »Klassiker der Ostdeutschen Karikatur«. Die Geschichte jener Karikatur dokumentiert er als Einmannbetrieb mit Cartoonlobby im fernen Luckau. Ohne jede Publikation.

Nun bescherte uns der Zufall 2016 gleich drei Bücher, die unser Thema berühren. Wir lesen: Andreas Platthaus »Das geht ins Auge - Geschichten der Karikatur«. Na bitte. Der Literaturchef der FAZ beweist seit Jahren enorme Fachkenntnis zu Comic und Karikatur. »Dieses Buch interessiert sich für die Analyse von Karikaturen und für die Motivation ihrer Entstehung«, ja, und stellt 50 Beispiele seit der Antike detailreich und eloquent vor. Goya, Daumier, Bosc und Bell mit sensationell neuen Facetten.

Und dann die Verwunderung. Vier Namen aus der DDR. Viermal die Legende von der Blockierung wahrer Leistung. »Eulenspiegel« gab es 1954-1991 jede Woche: Hier nur einmal im Monat. Nachdem »der Begriff Karikatur (...) in den späten fünfziger Jahren nicht mehr geduldet worden war«, »arbeiteten (alle) nach den Direktiven des Zentralkomitees der SED«. Doch »bei Witzen (...) verstand die Zensurbehörde keinen Spaß«. Der blutjunge Detlef Beck wird 1989 erweckt: » (...) was vorher nur im Klandestinen möglich war, konnte jetzt öffentlich stattfinden, darunter auch das Zeichnen von Karikaturen«. Bei Roland Beier murmelt Karl Marx 1990 entschuldigend »War halt nur so’ne Idee von mir«. Prompt wird der Illustrator zum großen Karikaturisten ernannt.

Hannes Hegens Leben ist bestens erforscht. Hier wird dagegen sein »Ruf als verkappter Oppositioneller« entdeckt. Obwohl, zuerst gab es das »Zeugnis beruflichen Opportunismus«. »Nach systemkonformer Zeichnung öffneten sich (...) alle Türen.« Er erfährt die Gnade, das Bildgeschichten-Periodikum »Mosaik« zu machen. Da hat er »Erfolg, bis seinem Erfinder die Weiterführung untersagt wurde.« Basta. Dass »Mosaik« in selten konsequenter Qualität ganz im Sinne des Erfinders ununterbrochen bis heute besteht, zählt nicht.

Barbara Henniger wird mit einem Seitenhieb auf den liebenswert frechen Manfred Bofinger eingeführt. Ulrich Prochnow interviewte ihn im Sommer 1989 fürs »Karigrafiejournal 1990«. Platthaus liest daraus blanke Parteitreue, und unterschlägt Bofingers Kritik an der unfreien Medienpolitik. Barbara Henniger wies nach zehn Jahren Einheit selbst den Vorwurf der Harmlosigkeit der Karikatur der DDR zurück: »Gegen dieses Bausch-und-Bogen-Vorurteil habe ich mich stets vehement gewehrt.« Hier wird ihr ein verzweifeltes Ringen mit unzähligen Widerständen unterstellt, ehe sie 1989 (auch vom Kunstpreis der DDR) befreit wurde, und nun erst 2017 des e.o.plauen-Preises würdig ist.

»Karigrafie«, »Karicartoon«, die Kataloge der VIII., IX. und X. Kunstausstellung in Dresden, das »Satiricum« Greiz, die Sonderhefte der Zeitschrift »Bildende Kunst« 1980 und 1986: Platthaus muss all das kennen. »Alles von der Macht paralysiert«? Das Diktum »Positive Satire« war bereits 1977 im millionenfach besuchten Karikaturenkabinett der VIII. rettungslos als kastrierte »Positive Satyre« veräppelt worden. Zugegeben, Diktatur kann so kurios sein.

»Visuelle Satire« heißt der zweite Buchtitel. Er steht für die hohe Qualität einer Fachtagung zu »Deutschland im Spiegel politisch-satirischer Karikaturen und Bildergeschichten«. Der Herausgeber Dietrich Grünewald bezeichnet visuelle Satiriker treffend als »Seismographen des Zeitgeschehens« und damit als Antipoden des Zeitgeistes. Und erkennt in »Entlarvung durch Verlarvung« genau die Mechanismen der Verfremdung. Gisela Vetter-Liebenow, Chefin des Wilhelm Busch geweihten Hauses in Hannover, weiß von den oft schwierigen Zeiten, da »Schluss mit lustig« zu sein scheint. Grandios erfasst sie die historische Dimension. Beide Beiträge haben die westliche Hemisphäre im Blick. Da kennt man sich aus, und urteilt verblüffend genau. Nur der Blick ostwärts ist leicht getrübt.

Achim Frenz als Gründer des »Caricatura Museums Frankfurt« schwenkt von überzogener Eigenwerbung hinüber zu gewagten Thesen zum Gipfelpunkt superscharfer Satire in der Verspottung des Propheten Mohammed. Dazu ist zu sagen: So vehement überdehnte Religionskritik diskreditiert letzten Endes den edlen Begriff der Satirefreiheit. Um den geht es dann ganz elementar Andreas J. Mueller, einst selbst Cartoonist mit DDR-Sozialisation. Von Beginn an dem System feindlich gesonnen, doch bereits jung etabliert, weil künstlerisch qualifiziert. Durchaus heiter schildert er eine Spielwiese, die lediglich an der Pressebarriere Grenzen hatte. Ständig Bevormundung austricksend, ging er seinen Weg bis zum Erfolg als alternativer Ausstellungsmacher.

Leider nennt sich sein Beitrag aber »Widerstand und Anpassung«. Da wird erbarmungslos aussortiert. Entweder Widerstand oder Anpassung. Kein Pardon. Blätter zur Weltpolitik oder Westfragen waren »Hetze«. Genossen Satiriker mussten »verbohrte Ideologen« und mit Preisen und Sonderhonoraren korrumpiert gewesen sein. Die in der Person von Ernst Röhl doch die krasse Spotthymne »Die Zeit schreit nach Satire« dichteten, hat er »Die Partei, die Partei hat immer recht« singen hören. Die mit »Lachen und lachen lassen« im Palast der Republik und Rekordauflagen ein Massenpublikum mit diversen Frechheiten unterhielten, sollen ständig von der Parteidiktatur kujoniert gewesen sein. Schade auch um diesen sonst so famosen Text.

Antje Neuner-Warthorst verspricht in »Kalte Kriege und Wendehälse« deutsche Humor-Teilung zu dokumentieren. Nach recht kleinkariert einseitiger Sicht auf die Satire der Weimarer Republik (da gab es nur den »Simpl«) und der Nachkriegszeit (der Gesamtberliner »Ulenspiegel« kam angeblich 1945 bis 1950 nur in Ostberlin heraus) beäugt sie durchaus kritisch Westprodukte. Aber im »Ostteil der Republik, (...) wo offene Kritik nicht nur nicht erlaubt war, sondern die berufliche Existenz oder gar die Freiheit kosten konnte«, herrschte totale Finsternis. Denn »das Erscheinen einer Zeichnung hing ganz entscheidend von der Willkür verschiedener Funktionsträger ab.« Das lediglich von »Parteibonzen« Erlaubte muss sie dann weder in Abbildungen zeigen noch besprechen. Eine merkwürdig schiefe Balance zwischen West und Ost.

Gibt es da ein Schema der Erinnerung? Eine verordnete Gleichung: Keine Systemkritik gleich keine Qualität? Solche Extremposition provoziert meinen Widerspruch. Hoppla - bin ich nun selbst jetzt Extremist? Ich will doch in aller Güte auf persönliche Erlebnisse hinweisen: Mit welchem Respekt, ja Begeisterung unsere Karikaturen aus der DDR quer durch die 1980er Jahre in großen Ausstellungen in sechs Ruhrgebietsstädten, in Hannover und in Paris aufgenommen wurden. Wie reihenweise unsere Zeichner die Hauptpreise auf Cartoon-Biennalen in aller Welt abräumten. Aber merkwürdig - was nicht ins Schema passt, hat nicht stattgefunden.

Das dritte Buch ist eine Doktorarbeit von Ulrike Martens. Von zwei Doktorvätern sichtbar auf Political correctness gelenkt, indem ein in der Szene unbekannter Amateurzeichner schon als Titelabbildung die Leitfigur abgibt. Der spröde Titel »Deutsche Karikaturisten über die Teilung Deutschlands, die Friedliche Revolution und die Wiedervereinigung« lässt schon ahnen, dass dieser »Beitrag zur politischen Bildung« eine anstrengende Lektüre wird. Das 540-seitige Kompendium ist so straff eingebunden, dass es ununterbrochen wieder zuklappt, wenn man neugierig hineinguckt. Eine Fülle objektiver Darstellung. Leider Fehlstellen zur Rolle des Presseverbandes. Überschätzung allgewaltiger Aufsichtsmechanismen. Und »Sozialistischer Realismus« ein drohendes Diktum für Satire? Dreimal nein.

Dabei lohnt diese akribische Fleißarbeit doch, weil die Autorin Richtung West Karl-Heinz Schoenfeld, Rainer Hachfeld und Klaus Stuttmann und Richtung Ost Barbara Henniger, Reiner Schwalme und unseren Bekannten von oben Andreas J. Mueller ungeheuer authentisch zu Wort kommen lässt. Ein Fragespiegel erkundet Arbeitsbedingungen, persönliche Ziele und Möglichkeiten. Da oft spielerischer, dort trickreicher. Schoenfelds enge Beziehung zu Axel Springer kommt nicht zur Sprache, dafür Stuttmanns Aufstieg als zeichnender Arm der SEW. Darf so etwas in Ostler-Biografien nicht vorkommen? Es war doch keine Schande, im Künstlerverband der DDR für die LDPD Präsidiumsmitglied gewesen zu sein (Henniger), oder dort als SED-Parteigruppenorganisator (Schwalme) gewirkt zu haben. Das änderte kein Jota daran, am Ende Vollblutsatire zu praktizieren.

So mühsam diese mit oft peinlich belassener wörtlicher Rede durchsetzte Prosa sich liest - alle sechs stehen für den freien frischen Geist großartig gezeichneter Satire. Und der ist in seiner enormen Bildwirkung als kleine Beigabe zum Text verschenkt. Solange diese Unsitte herrscht, braucht man Hüter der wahren Qualität wie gerade ein Satiricum. Wenn es das nicht schon gäbe, müsste man es heute gründen.

Andreas Platthaus: Das geht ins Auge - Geschichten der Karikatur, Die andere Bibliothek, Berlin 2016, 480 S., 42 €; Dietrich Grünewald (Hrsg.): Visuelle Satire, Christian A. Bachmann Verlag, Berlin 2016; 186 S., 29,90 €; Ulrike Martens: Deutsche Karikaturisten über die Teilung Deutschlands, Frank & Timme Verlag, Berlin 2016, 540 S., 74 €.

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