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Nie wieder imperialer Schweinkram!

»Festival USA« im Konzerthaus Berlin: Das Eröffnungskonzert widmete sich den Klassikern Gershwin und Bernstein

Das Konzerthausorchester in Swinglaune. Ungewohnt? Nee. Die Musiker sind geübt darin. Der Abend bewies es. Die Bläsergruppen röhrten bisweilen, als wären sie Mitglieder einer Bigband unter Quincy Jones. Was immer erklang, es hörte sich ungeheuer gut an. Mit der frechen, couragierten Kim Criswell (Sopran) gingen die orchestrierten Songs ab wie die Feuerwehr. Das talentierte, friedliche, bessere Amerika, eins ohne Mauern, ohne sozialökonomische Drangsale, ohne weltpolizeiliche Allüren wehte fröhlich durch die Nummernfolge. Im Wechsel Musik von George Gershwin und Leonhard Bernstein, den bekanntesten Säulen der populären US-Konzertmusik. Wer dirigierte? Wayne Marshall, auf dem Piano so beschlagen wie als Taktschläger. Seit 2014/ 15 ist der Brite Chefdirigent des WDR-Rundfunkorchesters.

In Rede steht die Eröffnung des »Festivals USA« im Konzerthaus. Und die hob nicht mit langweiligen Reden an, sondern mit Blechmusik. Blasphoniker mit Sousaphon, wie in alten New-Orleans-Jazzbands gebräuchlich, Saxophon, übrigem Holz und Blech, kleiner Trommel marschierten hintereinander wie die jungen Leute der traditionellen Marchbands durch den Saal und gaben die Richtung des Abends vor. Einer redete dann doch, Klaus Lederer, der Berliner Kultursenator. Kurz war seine Rede, freundlich, prägnant. Sie klang, als verstünde er auch etwas von der gehobenen Populärmusik Made in USA. Musik wirke verbindend, gerade in jetzigen Zeiten, sie sei, richtig gehört, gegen die Unsicherheiten herrschender Politik geradezu friedensstiftend, so Lederer sinngemäß.

Dass imperialer Schweinkram im Großen nichts ist, Gershwins »Strike Up The Band«, womit es losging, hingegen alles, machte der Abend tagklar. Höchst elanvoll kam die Ouvertüre zu diesem Musical auf Texte von Ira Gershwin. Kim Criswell, in lila-seidener Garderobe, bebilderte und kommentierte sie. Was für eine Frau: eine mit allen Wassern gewaschene, jazzinspirierte Sängerin und geborene Entertainerin. Die meisten Texte der vokalen Gershwin-Wiedergaben stammen von Ira, dem Bruder des Komponisten. Sie weisen auf Großstadtkulturen, bezeichnen heiter-ernst die Hektik des Alltags, stören sich augenzwinkernd am Verkehrslärm, schauen genervt auf das seelenlose Maschinenwesen. Film gleich Maschinerie. Beide Autoren haben für den Film gute Brotarbeit geleistet. Bernsteins sinfonische Suite aus Material zum Film »On the Waterfront«, den der vom Kommunisten zum militanten Antikommunisten mutierte Elia Kazan für Hollywood gedreht hat, besteht durchaus als autonome Musik, wie viele der nachträglich als Suite montierten Eisler-Filmmusiken auch. Sie trägt expressive Züge, verfährt nicht selten solistisch und schwillt an zu einem hymnischen Finale. US-Musik ohne Sentimentales geht nimmer. Etwas lau Gershwins allzu melodisierende Nummer »How Long Has This Been Going On«, auch Bernsteins »Somewhere« ist zu schön, als dass es echt anrühren könnte. Ganz Cabaret-Music hingegen »Sweet And Lowdown« von Gershwin, worüber Kim Criswell ganze Geschichten zu erzählen wusste, um hernach das Silbrige daraus ihrer Kehle zu entringen. Große Nummer: Bernsteins »What A Movie!«, durchkomponiert, hoch anspruchsvoll, trefflich instrumentiert, eine Theatermusik, in der sich Mengen circensischer Teilstückchen zur Einheit fügen.

Das »Festival USA« läuft nicht voraussetzungslos ab. Lange vorher datiert: die Erinnerung an Gershwin (1898 - 1937), den swingenden Klassiker und leidenschaftlichen Pianisten. Etliche Platten mit Stücken von ihm kamen heraus, in West wie Ost. Orchester- und Konzertwerke von Gershwin schmückten die Spielpläne hüben wie drüben. Kurt Masur realisierte Gershwin-Interpretationen für »Eterna« (VEB Deutsche Schallplatten). Waghalsig die Komische Oper Berlin: Sie führte 1970 in der Regie von Götz Friedrich Gershwins »Porgy and Bess« auf mit dem jungen Manfred Krug als Sporting Life, der anders war, schwerer, größer, stimmkräftiger als der im Hollywood-Film, besetzt mit dem in seiner Eigenart unübertrefflichen Jean-Paul Belmondo.

Kaum minder bekannt wurde Leonard »Lenny« Bernstein (1918 - 1990), den irdischen Genüssen höchst zugeneigter Komponist, Pianist und Dirigent aus den USA. Die Aufführungsquote seiner »Candide«-Operette von 1956 erreicht derzeit hierzulande Höchstwerte. In der DDR dürfte er ähnlich populär geworden sein wie auf der anderen Seite. 1984 dirigierte er erstmals das Berliner Sinfonieorchester im Schauspielhaus am Platz der Akademie. Auch 1987 war er dort Gast, zur 750-Jahr-Feier Berlins. Er probte öffentlich Mahlers 9. Sinfonie und führte sie an zwei Abenden auf.

Höhepunkte der Eröffnung des »Festivals USA«: Gershwins grandiose Rhapsodie Nr. 2 für Klavier und Orchester. Wayne Marshall spielte das Piano und dirigierte gleichzeitig. Ein Höllenspaß, diese federleichte, kraftvolle Schaustellung konzertanter Möglichkeiten. Leonard Bernsteins Suite aus dem Musical »Candide« bekrönte den Abend. Zuletzt jazzte es nochmal richtig. Bei Gershwins Welthit »I got Rhythm« als Zugabe. Der Saal trampelte.

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