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Bürgerrechte gelten auch am Stadiontor

Monika Lazar über eine Gewaltdebatte im Fußball, die sich in üblichen Reflexen verfängt statt gezielt Probleme anzugehen

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Es wurde schon viel diskutiert über die Ausschreitungen beim Bundesligaspiel Dortmund gegen RB Leipzig Anfang Februar. Große Teile der Debatte verliefen bisher nach den üblichen Reflexen: Man zeigt sich schockiert über ein neues Ausmaß an Gewalt im Fußball und fordert mehr Repression gegen die »sogenannten Fans«.

Vorweg: In den 80er und 90er Jahren gab es deutlich mehr Gewalt rund um den Fußball als heute. Der Hass und die Gewalt, die RB-Fans entgegenschlagen, besorgen mich aktuell dennoch. Dass zwischen gegnerischen Fanszenen ein rauer Umgangston herrscht, ist nichts Neues. Wenn aber zum »Bullen schlachten« aufgerufen wird und diverse Parasitenvergleiche bemüht werden, die durchaus auf der Klaviatur eines strukturellen Antisemitismus spielen, muss man sich nicht wundern, wenn die Auseinandersetzung mit dem personifizierten Feindbild »Red Bull« auch gewalttätig wird. Das ist insofern bedauerlich, da es am Konzept »RB Leipzig« durchaus vieles zu kritisieren gibt.

Trotz der unsäglichen Vorfälle in Dortmund bin ich der Meinung, dass die meisten Reaktionen darauf über das Ziel hinausschießen. Selbstverständlich müssen die Gewalttäter ermittelt und der Justiz zugeführt werden. Hierbei wurden auch schon erste Erfolge erzielt. Umso fragwürdiger ist es dann aber, für das Fehlverhalten einiger die gesamte Südtribüne, also rund 25 000 Fans, zu bestrafen. Solche Kollektivstrafen sind zum einen ungerecht, weil sie mehrheitlich Unschuldige treffen und zum anderen eventuell sogar kontraproduktiv. Fans, die unter der Kollektivstrafe zu leiden haben, solidarisieren sich unter Umständen mit den Gewalttätern. Eine kritische Auseinandersetzung mit den Vorfällen innerhalb der Fanszene - die ich dieser durchaus zutraue - wird so erschwert.

Für noch problematischer halte ich es, dass neben diesen vom DFB ausgesprochenen kollektiven Bestrafungen auch der Staat Fußballfans bisweilen quasi unter Generalverdacht stellt. Dass in zwölf von 16 Bundesländern die Szenekundigen Beamten der Polizei Datenbanken über Fußballfans führen, die teilweise lange Zeit geheim gehalten wurden, ist kaum zu vermitteln und verschlechtert das ohnehin schon schwierige Verhältnis von aktiver Fanszene und Polizei.

Zu den lokalen Datensammlungen kommt außerdem die bundesweite Datei »Gewalttäter Sport«. Schon allein deren Name ist irreführend, denn bereits eine Personalienfeststellung kann reichen, um dort gespeichert zu werden. Bei einer Verfahrenseinstellung wird man nicht automatisch aus dieser Datei gelöscht. Es befinden sich darin also nachweislich unschuldige Personen, und das ist skandalös. Wie eine Kleine Anfrage von mir zur Datei »Gewalttäter Sport« erst kürzlich ergeben hat, soll diese noch weiter verschärft werden. Statt die Datei weiter aufzublähen, sollte man lieber die Löschfrist, die aktuell bei zu langen fünf Jahren liegt, reduzieren und eine Informationspflicht einführen. Denn nur wer weiß, dass er in einer Datenbank gespeichert ist, kann auch dagegen vorgehen, falls er ungerechtfertigter Weise dort gelandet ist. Außerdem hätte eine Benachrichtigung auffällig gewordener Fans auch eine pädagogische Wirkung: Wer zeitnah eine Reaktion auf ein etwaiges Fehlverhalten aufgezeigt bekommt, kann sein Verhalten in Zukunft ändern.

Generell kann eine Datensammlung von gewalttätigen Fans sinnvoll sein. Nur sollte man eben die Daten von wirklichen Gewalttätern speichern und nicht einen riesigen Datenberg mit den Personalien unschuldiger Fußballfans anhäufen. Die Polizeibehörden brauchen verlässliche Informationen über die zu erwartende Fanklientel, um ihre Einsätze intelligent zu planen.

Was wäre also zu tun gegen Gewalt im Fußballkontext? Einerseits ist ein gezieltes Vorgehen gegen Gewalttäter erforderlich. Das Ganze muss aber rechtstaatlich sauber sein, denn für mich ist klar: Fußballfans geben ihre Bürgerrechte nicht am Stadiontor ab. Anderseits müssen die vielen guten präventiven Ansätze gegen Gewalt und alle Formen von gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit weiter ausgebaut werden. Die mittlerweile 57 Fanprojekte bundesweit leisten hier wertvolle sozialpädagogische Arbeit. Auch aus den Fanszenen selbst kommen viele positive Initiativen - etwa gegen Rechtsextremismus - oftmals von den Ultras, die in überhitzten Sicherheitsdebatten von Politik und Medien gern als Gewalttäter vorverurteilt werden.

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