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»Wir sind gewohnt, dass man mit uns spricht«

Gewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie steht in Südthüringen vor Arbeitskampf

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Wer von ihnen denn Anteilseigner bei Geratherm sei, fragt Andreas Schmidt in die Runde derer, die sich auch vom Wind und dem Regen nicht haben davon abbringen lassen, ihre Pause draußen zu verbringen - mit Plastewesten der Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie (IG BCE) über ihren Jacken, mit roten Rasseln in der Hand und einem großen Transparent über ihren Köpfen. Ein bitteres Lachen schallt Schmidt, dem Bezirksleiter der Gewerkschaft in Thüringen, entgegen. Als er ein paar Minuten später noch einmal sagt, jemand habe aber behauptet, viele von ihnen seien an Geratherm beteiligt, da rufen einige der etwa 30 Männer und vor allem Frauen, die hier stehen: »Lüge!« Der Frust bei ihnen ist unüberhör- und unübersehbar groß.

Mit dieser Kundgebung vor wenigen Tagen in Geschwenda in Südthüringen vor der Liegenschaft von Geratherm erreicht der Kampf der IG BCE um die Einführung der Tarifbindung bei dem traditionsreichen Unternehmen eine neue Eskalationsstufe. Bislang, sagt der Verhandlungsführer der Gewerkschaft für dieses Vorhaben, Osman Ulusoy, habe er dessen Geschäftsführung zwei Mal aufgefordert, mit der IG BCE darüber Gespräche zu beginnen, wie man das Unternehmen in die Tarifbindung führen könnte; Schritt für Schritt, beteuert Ulusoy. Man wolle die Firma nicht in den Ruin führen. Aber die Geschäftsführung habe diese Gespräche bislang völlig verweigert - was aus Sicht von Ulusoy eine »selten dreiste Haltung« der Geschäftsführung gegenüber Beschäftigteninteressen belege.

»Wir sind gewohnt, dass man mit uns spricht«, sagt Ulusoy. In der Vergangenheit hätten so viele Unternehmen im Freistaat in die Tarifbindung geführt werden können - ohne, dass dafür größere Arbeitskämpfe hätten geführt werden müssen. Der Fall Geratherm sei ziemlich eigenartig innerhalb Thüringen. Das Unternehmen stellt nach eigenen Angaben Fieberthermometer ebenso her wie Wärmesysteme für den medizinischen OP- und Rettungsbereich.

Die IG BCE gilt unter den Gewerkschaften als ziemlich friedfertig und nicht gerade streikfreudig. Anders als etwa die IG Metall oder ver.di, die regelmäßig mit Arbeitskämpfen für die Interessen ihrer Mitglieder streiten und dabei immer wieder auch Forderungen an Unternehmen oder die öffentliche Hand richten, die von den Adressaten oft als nicht finanzierbar zurückgewiesen werden.

Für die IG BCE ist der Konflikt mit der Geschäftsführung von Geratherm deshalb auch eine Gelegenheit zu zeigen, dass »wir auch anders können«, wie Schmidt und Ulusoy im Regen stehend immer wieder beteuern. Diesmal seien die Beschäftigten noch zu einer Kundgebung in ihrer Pause aufgefordert wurden. So habe man die Produktion nicht beeinträchtigen wollen. Die implizite Drohung: Das nächste Mal mobilisieren wir unsere Mitglieder während der Arbeitszeit. Auf das »Wir können auch anders« schallt den Gewerkschaftsfunktionären aus den Reihen der Beschäftigen ein »Wir auch!« entgegen.

Es trifft sich für die Gewerkschafter gut, dass die Geschäftsführung in einem Brief an Ulusoy die Aufnahme von Gesprächen nicht nur mit dem Argument verweigert hat, »zahlreiche Mitarbeiter unseres Unternehmens« seien »gleichzeitig Gesellschafter«. Weiter steht dort geschrieben, für das Jahr 2017 würden die Beschäftigten in den unteren Entgeltgruppe eine Einkommenssteigerung von vier Prozent erleben. Ulusoy sagt, diese Behauptung sei eine grobe Verzerrung der Realität, erhielten doch 70 Prozent der etwa 100 Mitarbeiter von Geratherm in Geschwenda nur den gesetzlichen Mindestlohn. Dass der zum 1. Januar 2017 von zuvor 8,50 Euro brutto pro Stunde auf 8,84 Euro - und damit um genau vier Prozent - gestiegen sei, könne sich die Geschäftsleitung nicht als ihren Verdienst zurechnen. Ulusoy nennt das Argument »eine Unverschämtheit«.

Wie die Geschäftsführung auf diese und andere Vorwürfe reagiert, ist unklar. Aus dem Unternehmen heißt es an diesem Tag telefonisch, es sei kein Ansprechpartner der Geschäftsführung im Haus. Auch anderweitig sei niemand erreichbar. In der untersten Entgeltgruppe des Tarifvertrages, in den die IG BCE die Mitarbeiter von Geratherm führen will, beträgt der Stundenlohn nach Angaben von Ulusoy etwa 11 Euro brutto.

Für die Betriebsratsvorsitzende von Geratherm, Yvonne Gerngros, geht es bei diesem Arbeitskampf mit dem Unternehmen indes nicht nur ums Geld. Auch die Arbeitsbedingungen der Beschäftigen seien teilweise unzumutbar, sagt sie. Es werde teilweise gegen Arbeitsschutzbestimmungen verstoßen. Unter anderem seien die Mitarbeiter nur spärlich mit Arbeitsschutzschuhen ausgestattet. So groß ist der Frust auch darüber offenbar, dass die IG BCE in dem Unternehmen außergewöhnlich gut organisiert ist: Nach Angaben von Gerngroß sind bereits mehr als 60 der etwa 100 Beschäftigen Gewerkschaftsmitglied.

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