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Wellness fürs Auge

Das Programmkino von heute wird der Wirklichkeit nicht gerecht.

  • Von Wolfgang M. Schmitt
  • Lesedauer: 7 Min.

Die diesjährige Verleihung der Golden Globes war politischer denn je. Das behaupteten zumindest viele. Was war geschehen? Meryl Streep kritisierte auf offener Bühne Donald Trump, weil er einen behinderten Journalisten nachgeäfft hatte und weil er Ausländer aus dem Land werfen will. Es breche ihr das Herz, sagte Streep und sie konstatierte, dass Hollywood all das sei, was Trump hasse: Menschen von überallher, die gemeinsam Kunst machen - im Gegensatz zu Football spielen oder Mixed-Martial-Arts-Kämpfe austragen. Lassen wir mal dahingestellt, wie viel das, was in Hollywood gedreht wird, mit Kunst zu tun hat. Lassen wir mal dahingestellt, dass zwar Trumps Diskriminierung eines Behinderten wirklich furchtbar ist, es in Hollywood aber so gut wie keine behinderten Schauspieler gibt. Integration von Behinderten meint in Hollywood, irgendein bildschöner Superstar spielt auch mal einen Behinderten. Und lassen wir mal dahingestellt, ob Trumps Politik gegen Ausländer nicht eher jene treffen wird, die keine Hollywoodstars sind. Jene etwa, die in den Gärten, den Küchen und Toiletten von Hollywoodstars schuften.

Viel interessanter ist, von wegen »politisch wie selten«, welcher Film bei den Golden Globes ausgezeichnet wurde: Es ist »La La Land« - der Musicalfilm von Damien Chazelle, dessen Untertitel ohne Weiteres auch lauten könnte: Make America Great Again! Gut abgedichtet von der Wirklichkeit, wird uns ein weißes, heterosexuelles, attraktives Paar gezeigt. Ryan Gosling und Emma Stone verlieben sich ineinander, aber die Karriere ist ihnen dann doch viel wichtiger. Beide werden sie im Laufe des Films über Jazzmusik schwadronieren, ohne dass wir Zuschauer je wirklichen Jazz zu hören bekommen. Zwar bemüht sich der Film um Vielfalt - in den Massenszenen tanzen alle möglichen Ethnien mit -, doch entlarvend ist eine Szene, in der Ryan Gosling und Emma Stone eine Jazzbar besuchen und im Hintergrund vier schwarze Musiker zur reinen Untermalung aufspielen dürfen, ohne dass wir etwas über sie erfahren oder einmal ihre Musik wirklich hören können. Man könnte sich gut vorstellen, wie auch Donald Trump amüsiert in der Bar sitzt und so etwas sagt wie: Die Schwarzen haben einfach Musik »im Blut«. Insofern war die Golden-Globe-Verleihung tatsächlich politisch: Gewonnen hat ein konservativer, bieder-nostalgischer Film, dessen Kitschbilder so abgeschmackt sind wie die Frisur von Donald Trump.

Will man diesen Film in Deutschland sehen, muss man nur irgendein Programmkino aufsuchen. Zwar sind dank des Erfolgs auch einige Multiplexkinos auf den Zug aufgesprungen, doch die eigentliche Heimat von »La La Land« ist das Programmkino. Dort also, wo man noch nicht völlig anonym ist, man für Snacks noch faire Preise zahlt und Getränkebehälter nicht so groß wie Regenfässer sind. Heimelig, kuschelig, gemütlich könnte man sagen. Doch leider trifft das nicht nur auf die Örtlichkeit, sondern auch auf die Filme zu. Geboten wird dort Wellness-Kino. Filme zum Einlullen und Einkuscheln. »La La Land« - eigentlich eine große Hollywood-Produktion und kein Programmfilm - passt da ideal, denn er bietet ein wenig rührselige Romantik und jede Menge Nostalgie.

Tatsächlich könnte man nostalgisch werden, aber aus einem anderen Grund: In den 1960er und 1970er Jahren wäre eine solche Schmonzette nur in den Mainstream-Kinos gelaufen, in den Programmkinos wurden stattdessen die neuen Filme von Jean-Luc Godard, Claude Chabrol, Rainer Werner Fassbinder oder Werner Herzog gezeigt. Diese Kinos zeigten Filmkunst, die zudem hochpolitisch war. Die Nouvelle Vague stellte radikal Seh- und Denkgewohnheiten infrage und die Initiatoren des Neuen Deutschen Films erklärten »Papas Kino«, das in den 1950ern unreflektiert die Nazi-Ästhetik fortsetzte, für tot. Diese Filme liefen nicht für einen kleinen Kreis von weltfernen Cineasten, sondern erzielten mitunter große kommerzielle Erfolge.

Heute findet Filmkunst mehr und mehr nur noch auf speziellen Festivals statt, im Kino ist sie kaum noch zu sehen. Viele Zuschauer von damals gehen zwar auch heute noch ins Kino, aber irgendetwas muss sich in ihnen verändert haben. Nicht mehr Meisterwerke wie »Angst essen Seele auf« erwarten sie dort, sondern Gefälliges wie »Willkommen bei den Sch’tis«. Bitte keine große Kunst, lieber was hübsch Unterhaltsames, leicht Verdaubares. Diese Zuschauer erinnern an typische 68er und 78er, die einst auf die Straßen gingen und heute höchstens noch mit dem Fahrrad zum Biomarkt fahren. Das Politische schwimmt nun im Kochtopf.

Ein Paradebeispiel dafür ist die Komödie »Wir sind die Neuen« von Ralf Westhoff. Darin gründen drei 68er 35 Jahre später wieder eine Wohngemeinschaft, weil die Mieten in der Innenstadt explodieren und die Altersvorsorge nicht ausreicht. Immer wieder halten die drei, gespielt von Gisela Schneeberger, Michael Wittenborn und Heiner Lauterbach, Rückschau auf ihr Leben, auf glücklichere Tage, verpasste Chancen und reflektieren darüber, warum ihre Ideale von einst verschwunden sind. Angekommen sind sie alle bei einer Politik der kleinen Schritte. Eine kümmerte sich um die Belange der Schleiereule, einer vertrat als Anwalt die Schwachen vor Gericht und ein weiterer leitete aus der Idee der freien Liebe ein paar Bettgeschichten ab. Die rüstigen Rentner wollen nun die wilde Studentenzeit wiederholen, was sich jedoch schnell als unmöglich herausstellt, da eine WG mit jungen Studenten über ihnen gleich beim ersten Zusammentreffen Ruhe, Disziplin und Sauberkeit einfordert. Es regiert der Neoliberalismus. Doch irgendwann sind die jungen Karrieristen am Ende: Sie sind depressiv, haben panische Prüfungsangst und Geldsorgen, der Körper versagt. Aus purer Verzweiflung bitten Sie die Alten um Hilfe. Nun gäbe es eine interessante Möglichkeit, Widerstand gegen die omnipräsente Ökonomisierung, gegen den Bologna-Blödsinn, gegen das Bulimie-Lernen zu leisten. Die Alt-68er könnten ihnen politisches Bewusstsein nahebringen und sich gemeinsam mit ihnen wieder radikalisieren. Doch die Geschichte wiederholt sich und die Alten werden zum nötigen Öl im neoliberalen Getriebe, wenn der alte Jurist der Jura-Studentin Nachhilfe anbietet, der Frauenversteher mit Paartherapie aushilft und die Biologin zur Physiotherapeutin wird. Mit Therapie und Weiterbildung, die heiligen Kühe der 68er und 78er, werden die Jungen zurück zum Erfolg gebracht. Statt Politik gibt es Selbstverwirklichung und Ganzheitlichkeit - folgerichtig endet der Film in der Küche. Das Politische verkocht.

Es ist daher kein Wunder, dass immer häufiger Programmkinos Filme mit kulinarischem Rahmenprogramm anbieten und dass Dieter Kosslick vor Jahren bereits die Berlinale-Sektion »Kulinarisches Kino« ins Leben gerufen hat. Französischer Biokäse und Bordeaux zu »Ziemlich beste Freunde« oder Schokoladenverkostung zu »Chocolat«. Die entsprechenden Filme werden am laufenden Band produziert: »Frühstück bei Monsieur Henri«, »Madame Mallory und der Duft von Curry«, »Birnenkuchen mit Lavendel«, »Zimt und Koriander« - wohl bekommt’s! Wenn in den Wellness-Filmen gerade nicht gekocht oder gegessen wird, ist man furchtbar nett zueinander, denn, so lernen wir in all diesen Filmchen, Toleranz ist ganz, ganz wichtig. Besonders, wenn die Figuren alle so herrlich sympathisch sind.

Ja, sogar Chinesen, Schwarze, Juden und Moslems haben das Herz am rechten Fleck - davon erzählt die französische Erfolgskomödie »Monsieur Claude und seine Töchter« in aller Betulichkeit. Auch Deutschland hat mit »Willkommen bei den Hartmanns« nun eine solche Integrationskomödie, in der eine vermögende Familie aus dem Münchner Nobelstadtteil Grünwald ihre Sinnkrise mit der Aufnahme eines Flüchtlings kuriert. Kontroverse Konflikte, radikale Aussagen und politische Differenzen sind diesen Komödien fremd. Der einzige Feind ist meist ein böser Vertreter einer Institution - ein egozentrischer Pfarrer, ein korrupter Bürgermeister oder eine autoritäre Lehrerin. Gegen diese kämpfen dann alle an, bis sich schließlich alles in Wohlgefallen auflöst. In ihrer Nettigkeit sind diese Filme furchtbar mutlos und dumm.

Jeder politischen Debatte gehen sie aus dem Weg und menscheln lieber, wo sie nur können. Dabei funktionieren sie eigentlich so wie jeder banale Hollywoodfilm, doch tragen diese Kuschelstreifen immer noch die Überreste des Nonkonformistengewandes - viel Selbstgestricktes, die Damen ungeschminkt, die Männer urwüchsig. Dies ist es, was den Filmen ihre moralische Überlegenheit gegenüber Hollywood verleihen soll.

Im Wellness-Kino macht es sich der Zuschauer bequem. Da sitzt er dann mit Rotwein und Häppchen und lässt sich auf der Leinwand noch einmal bestätigen, was er doch für ein lieber, guter Mensch ist und vergisst dabei gerne, dass diese Wohlfühlhaltung weder dem Kino noch der Wirklichkeit gerecht wird. Das Kino wird zu einem Spa-Bereich für Innerlichkeiten degradiert. Nach der Vorstellung geht man - wie nach ein paar Wellnessanwendungen - gestärkt zurück in den rauen Alltag. Vielleicht mit einem Lächeln, aber sicher ohne einen klugen Gedanken und ohne den Wunsch, etwas zu verändern.

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