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Ohne Geld keine Teilhabe

Bericht der Sozialverbände zeigt bundesweit steigende Armut

Was haben Kinder, Rentner, Wohnungslose, Geflüchtete und Alleinerziehende gemeinsam? Obwohl die Frage klingt wie der Anfang eines schlechten Witzes, gibt es leider keine Pointe, sondern eine klare Antwort: All diese Menschen sind stärker von Armut bedroht als der Rest der deutschen Gesellschaft. Das zeigt der aktuelle Armutsbericht der Sozialverbände, der am Donnerstag in Berlin vorgestellt wurde. Und nicht nur das: Die Zahl derjenigen, die mit ihrem Einkommen kaum Grundbedürfnisse erfüllen, geschweige denn am gesellschaftlichen Leben teilnehmen können, steigt: Laut der Studie »Menschenwürde ist Menschenrecht« mussten im Jahr 2015 fast 13 Millionen Menschen hierzulande mit weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens aller Haushalte auskommen – diese Grenze gilt EU-weit als Indikator für Armutsgefährdung.

Damit stieg die Quote von 15,4 (2014) auf 15,7 Prozent und erreichte einen neuen Höchststand seit der Wiedervereinigung. Dabei gehen die Verbände, die den Bericht erstellt haben – unter anderem der Paritätische, die Volkssolidarität, das Deutsche Kinderhilfswerk, die BAG Wohnungslosenhilfe, der Verband alleinerziehender Mütter und Väter, mehrere Behindertenverbände sowie Pro Asyl – von einem recht weitgefassten Armutsbegriff aus, der gesellschaftliche und kulturelle Teilhabe beinhaltet. Dafür wurden sie in den vergangenen Jahren von Seiten neoliberaler Wirtschaftsinstitute und sogar von gemeinhin nicht als uneingeschränkt wirtschaftsfreundlich bekannten Medien wie der »Süddeutschen Zeitung« heftig kritisiert. Bei vielen Betroffenen könne man nicht von »wirklicher Armut« sprechen, schließlich müsse ja hierzulande niemand verhungern, hieß es oft.

Auch am Donnerstag folgte die Abwertung der alarmierenden Zahlen auf dem Fuße: Der Deutsche Städte- und Gemeindebund bezeichnete den Bericht als zu pauschal. Hauptgeschäftsführer Gerd Landsberg warnte in der »Neuen Osnabrücker Zeitung«, längst nicht alle, die unter die Armutsgefährdungsgrenze fielen, seien gesellschaftlich abgehängt. So lebten Hunderttausende Studenten mit weniger als 60 Prozent des Medianeinkommens. Aber diese Gruppe sei gesellschaftspolitisch besonders aktiv und sähe sich als künftige Leistungselite.

Das Argument hat Ulrich Schneider, Hauptgeschäftsführer des Paritätischen, mehr als einmal gehört – und kann es mit nackten Zahlen widerlegen: Die amtliche Statistik zähle zwar einen Teil der Studierenden möglicherweise zu Unrecht als armutsgefährdet mit, doch werde das dadurch mehr als aufgewogen, dass Hunderttausende andere Arme gar nicht erfasst würden. Die Zahlen, die auf dem jährlichen Mikrozensus basierten, ließen nämlich nur Aussagen über Menschen zu, die in Haushalten lebten. Nicht erhoben würden Daten zu rund 335.000 Wohnungslosen, etwa 764.000 Personen in Pflegeheimen, über 200.000 behinderten Menschen in Betreuungseinrichtungen und Hunderttausenden Geflüchteten. Von ihnen seien viele armutsgefährdet. Von künstlicher Dramatisierung könne also nicht die Rede sein, eher von Unterschätzung, so Schneider.

Auch eine regionale Gewichtung der Armutsgrenzen, wie sie teilweise gefordert wird lehnen die Verbände ab. Es sei unsinnig, die Grenzen innerhalb eines Landes kleinteilig unterschiedlich zu berechnen. Das widerspreche der Lebenswirklichkeit der Betroffenen, so Schneider. Wer arm sei, kaufe beim Discounter und lebe in einer Wohnung unterhalb des örtlichen Mietspiegels – das treffe gleichermaßen auf Menschen im teuren München als auch im günstigeren Erzgebirge zu. Wer die Zahlen etwa nach Bezirken gewichte, werde im Berliner Stadtteil Wedding mit seinem sehr niedrigen Durchschnittseinkommen rein rechnerisch keine Armut finden. »Im Armenhaus gibt es keine relative Armut«, so Schneider.

Die Hauptrisikogruppen für Armut sind laut dem Bericht Erwerbslose (59 Prozent), Alleinerziehende (44 Prozent), kinderreiche Familien (25 Prozent), Geringqualifizierte (32 Prozent) und Ausländer (34 Prozent). In allen Kategorien war gegenüber 2005 ein Anstieg zu verzeichnen. Besonders deutlich bei der Altersarmut: Im Zehn-Jahres-Vergleich erhöhte sich die Armutsquote bei Rentnern von 10,7 auf 15,9 Prozent – ein Plus von fast 50 Prozent.

Regionale Unterschiede sind zwar zu beobachten, doch stieg die Armut im Jahr 2015 fast flächendeckend: In 11 von 16 Bundesländern waren mehr Menschen von Armut bedroht als im Vorjahr. Den größten Anstieg verzeichnete Berlin – hier lag die Armutsgefährdungsquote bei 22,4 Prozent (2014: 20 Prozent). In Bayern gab es mit 11,6 Prozent die wenigsten Armen, das Schlusslicht der Tabelle bildet Bremen mit 24,8 Prozent. In den ostdeutschen Bundesländern hat die Armut zwar seit 2005 abgenommen, doch stehen sie mit zwischen 16,8 (Brandenburg) und 21,7 Prozent weiter deutlich schlechter da als die meisten westdeutschen Bundesländer. Nordrhein-Westfalen zeigt im Zehn-Jahres-Vergleich allerdings den stärksten Anstieg der Armut – von 14,4 (2005) auf 17,5 Prozent (2015).

Dabei sehen die Verbände Armut nicht als alleiniges Problem der Betroffenen an. Es sei ein gesellschaftliches Problem und so müsse es von der Politik auch behandelt werden, sagten die Verbändevertreter übereinstimmend. So zeige sich etwa, dass arme Menschen eine geringere Lebenserwartung hätten als wohlhabende. »Die Lebenserwartung steigt für die wohlhabenden Menschen in jedem Jahr stärker als für die ärmeren Menschen, und deshalb vergrößert sich der Abstand«, sagte der Vorsitzende des Paritätischen, Rolf Rosenbrock, dem NDR. Er verwies auch auf eine Studie des Robert Koch-Instituts. Demnach sterben Männer, die an oder unter der Armutsgrenze leben, im Schnitt 10,8 Jahre früher als wohlhabende Männer. Bei Frauen betrage die Differenz etwa acht Jahre.

Arme Männer hätten eine durchschnittliche Lebenserwartung von 70,1 Jahren, arme Frauen von 76,9 Jahren. Dagegen lebten wohlhabende Männer im Schnitt 80,9 Jahre, wohlhabende Frauen 85,3 Jahren. Als Gründe für die geringere Lebenserwartung der Armen nannte Rosenbrock ein riskanteres Gesundheitsverhalten durch schlechte Ernährung, mangelnde Bewegung, Rauchen und Alkohol. Das erkläre jedoch nur die Hälfte des Unterschieds. Sozial Schwache seien auch größerem psychischen Druck ausgesetzt, unter anderen durch schlechtere Arbeitsbedingungen und Arbeitslosigkeit.

Die Verbände forderten von der Politik mehr Geld für Bildung, die Schaffung bezahlbaren Wohnraums, ein armutsfester Mindestlohn, eine sichere Rente und mehr soziale Angebote, um gefährdete Menschen wirksam unterstützen zu können. Das sei nicht zum Nulltarif zu haben, sagte Schneider. Er gehe von zweistelligen Milliardenbeträgen aus, die dafür im Jahr notwendig wären.

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