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Kunst mit Zeitzünder

Die Werke des vor 20 Jahren verstorbenen US-Künstlers Ed Kienholz sind verstörend aktuell

Starke Kunst lädt sich mit der Zeit neu auf. Diese Erfahrung darf man bei der Präsentation zahlreicher Assemblagen des vor mehr als 20 Jahren verstorbenen US-Künstlers Ed Kienholz in der Galerie Sprüth Magers machen. Blickfang ist eine mehr als zwei mal zwei Meter große und etwa 80 Zentimeter tiefe Assemblage aus Tierschädeln, einem Schreibtisch und einer Abbildung des Portals des Obersten Gerichtshofes der USA. Kienholz nutzte die Hirsch- und Bärenschädel, um 1986 die umstrittene Berufungspraxis des damaligen US-Präsidenten Ronald Reagan für dieses Gremium zu kritisieren. Reagan sprach sich offen dafür aus, nur Abtreibungsgegner für die höchste Instanz zu nominieren und generell Kandidaten auszuwählen, die die Rechte von Minderheiten und Einwanderern, aber auch Frauenrechte, einschränken würden. So geschah es dann auch. Vor den Tierschädeln im Gerichtsambiente stehend, fragt man sich dann, wie wohl Kienholz’ künstlerische Reaktion auf die aktuelle Besetzungspraxis des Supreme Court durch den gegenwärtigen US-Präsidenten ausgefallen wäre.

Die Polizeigewalt gegen schwarze US-Amerikaner in den letzten Jahren und die jüngste Diskriminierungspolitik gegen mexikanische Einwanderer findet sich in »Drawing for Five Car Stud« (1969-72) geradezu vorauskonfiguriert. Die ursprüngliche Installation, derzeit in Mailand in der Fondazione Prada zu sehen, zeigte auf Lebensgröße eine Szene auf einem Parkplatz, in der mehrere weiße Rassisten inmitten parkender Fahrzeuge einen farbigen Mann kastrieren, weil er mit einer weißen Frau etwas getrunken habe. In Berlin blickt man durch das Fenster einer alten Autotür, die an der Galeriewand befestigt ist, auf diese Szenerie. Das Werk hat kleinere Dimensionen; es ist eine Zeichnung in Kienholz’ Duktus, aber dennoch ein dreidimensionales Objekt. Die Perspektive, die der Betrachter einnimmt, ist übrigens die der Frau, mit der der misshandelte Mann zuvor zusammen war und die sich in der Originalinstallation beim Zuschauen übergibt.

Kienholz war in seiner Kunst zeitlebens Moralist. Er wählte starke, oft extreme, zuweilen auch simplifizierende Bilder, um auf die ethischen Entgleisungen der Gesellschaft hinzuweisen, in der er lebte. Er wurde geschätzt dafür, manchmal auch belächelt und immer wieder, vor allem in seinem Heimatland USA, wegen seiner drastischen Ausdrucksmittel angegriffen. 1927 geboren, gehörte er sowohl vom Alter als auch von der künstlerischen Haltung her zur Beat Generation; nur drückte er sich nicht wie Jack Kerouac oder Allen Ginsberg mit Texten, sondern mit Assemblagen und Environments aus.

Die Drastik seiner Ausdrucksweise scheint mittlerweile in der Politik unserer Tage ein entsprechendes Pendant gefunden zu haben. Das zeigt sich auch bei einem weiteren spektakulären Werk von Kienholz, das erneut in seiner verkleinerten Form, als Zeichnung, in Berlin zu sehen ist. »Still Live« ist im Original eine 10 x 10 m große Installation mit Absperrband, Polizeisirenen und einem geladenen Gewehr. Kienholz stellte die Abzugsvorrichtung auf eine Zufallsfunktion ein, so dass einmal in 100 Jahren ein Schuss durch die Installation gegangen wäre. Als »Besuchererschießungsmaschine« wurde das 1974 geschaffene Werk gelegentlich auch bezeichnet; die Polizei verbot seinerzeit in Deutschland die Präsentation. Kienholz hatte die Arbeit als Kommentar zur zunehmenden Gewalt auf US-Straßen im Zusammenhang mit dem Vietnamkrieg und den zu Mördern gemachten und nicht immer gut ins Zivilleben integrierbaren heimkehrenden Frontkämpfern gedacht.

»Drawing for Still Live« besteht aus Absperrelementen, Polizeisirenen und einer Zeitzündvorrichtung, kommt aber ohne Explosivstoffe und Munition aus. Die ausgestellte Arbeit lädt sich jetzt mit der aktuellen Terrorangst und der Militarisierung des öffentlichen Raumes - als Reaktion auf diese Gefahren - auf. Den ursprünglichen Assoziationsraum - die Brutalisierung des Alltags durch heimkehrende Frontkämpfer - sollte man allerdings auch nicht in Vergessenheit geraten lassen.

Die kleine Werkschau mit insgesamt zehn Einzelpositionen wirkt trotz der Zeitgebundenheit der mehrere Jahrzehnte alten Arbeiten verblüffend aktuell. Das ist womöglich der verstörendste Aspekt: Eine Kunst, die zu ihrer Entstehungszeit oft als zu drastisch und schrill empfunden wurde, scheint jetzt ihren idealen Wirkungskontext gefunden zu haben.

Galerie Sprüth Magers, Oranienburger Straße 18, bis 8. April, Di.-Sa. 11-18 Uhr

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