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Narzisstische Drillinge

Claus Leggewie studierte die Pamphlete der Anti-Europäer Breivik, Dugin und al-Suri

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Adolf Hitler war kein Betriebsunfall. Seine Hassschrift »Mein Kampf« war lange vor seiner Machtergreifung auf dem Markt. Das wirre Konvolut eines gefährlichen Psychopathen - wie viele es tatsächlich gelesen haben, wird wohl nie sicher festzustellen sein, aber es gehörte für Millionen Deutsche zur Pflichtlektüre und hat sie offensichtlich nicht abgeschreckt. Vergleichbare Hassschriften sind auch heute wieder auf dem Markt. Claus Leggewie analysierte drei davon. »Auch völlig abstruse Ideen können Macht und Wirkungskraft erlangen«, mahnt der Politikwissenschaftler.

In seinem Essay stellt Leggewie »Die europäische Unabhängigkeitserklärung« von Anders Breivik von 2011 vor, veröffentlicht im Jahr, als Breivik in Oslo und auf der Insel Utoya 77 Menschen ermordete. Zudem »Die vierte politische Theorie« des Russen Alexander Dugin von 2013 und den bereits 2004 in die Welt gesetzten »Aufruf zum weltweiten islamischen Widerstand« des Syrers Abu Musab al-Suri. Alle drei formulieren eine neue Geopolitik: Breivik die Erneuerung des christlichen Abendlandes, Dugin ein eurasisches, von Russland geführtes Imperium, al-Suri den heiligen Krieg gegen den Westen. Alle drei sind Gegner des heutigen Europa und seiner Verfasstheit. Sie teilen die Welt in Gut und Böse ein und erklären, sie in einem gewaltsamen Akt retten zu wollen.

Besonders aktuell ist das erste Kapitel über Anders Breivik, der zu einer Leitfigur der sogenannten Identitären geworden ist, einer Bewegung, die sich deutlich im rechtsextremen Spektrum verortet und in mehreren Ländern Europas aktiv ist. Breiviks Polemik gegen den Islam und gegen einen angeblichen »Kulturmarxismus«, betont Leggewie, wirken nicht nur auf dem europäischen Kontinent, obwohl ihr Verfasser sich der Verteidigung Europas verschrieben hat.

Der identitäre Abschottungsdiskurs sei zudem längst in die Mitte der europäischen Gesellschaft vorgedrungen. Die AfD, der niederländische Rechtspopulist Geert Wilders und der ungarische Staatschef Victor Orbán sind nur drei Beispiele dafür. Unmittelbar existenziell gefährlich sind neurechte Kreise, die derzeit diskutieren, ob schon ein Volksaufstand zu wagen wäre. So im Institut für Staatspolitik, der Denkfabrik der »Identitären« im sachsen-anhaltinischen Rittergut Schnellroda. Deren Wortführer treten auch bei Kundgebungen von Pegida auf. Und ein der NPD nahestehender Anwalt schlug in Schnellroda unlängst vor, sich auf Artikel 20 des Grundgesetzes zu berufen, der das »Recht zum Widerstand« fixiert. Auch Breivik hatte vor Gericht seine Mordtaten als »Notwehr« gerechtfertigt. Bis 2004 war er Vorstand eines Osloer Ortsverbandes der norwegischen Fortschrittspartei, die ähnlich wie die AfD als Partei der »Steuerrebellen« gegen den keynesianischen Wohlfahrtsstaat agitierte und heute vor allem gegen muslimische Immigranten wettert. »Muslime dienen, wie einst die Juden, als Sündenböcke«, konstatiert Leggewie.

Islamfeinde und Dschihadisten vom Schlage eines al-Suri, ein Architekt des globalen Dschihad und ehemaliger Chefideologe von al-Quaida, seien »wie siamesische Zwillinge, die sich hassen und doch nicht voneinander lassen können«. Über erheblichen Einfluss verfügt auch Dugin mit seiner »Vierten politische Theorie«. Leggewie zitiert ihn aus einem Videointerview 2014: »Ich glaube, man muss töten, töten und töten. Ich sage das als Professor.« Für den Russen ist die vermeintliche kulturelle Unvereinbarkeit von orthodoxer Kirche und Islam ein konstituierendes Element. Aber auch Individualismus, Säkularisierung und liberale Demokratie betrachtet er als Fremdkörper. Eigentlich kann man von Drillingen sprechen, egal wie unterschiedlich sie auf den ersten Blick erscheinen mögen. Dugins unheilschwangere Fanatismen sollen bis in russische Regierungskreise hineinreichen.

Leggewies Einblick in die Gedankenwelt der drei Protagonisten zeigt, wie stark Dogmen ethnischer Reinheit und religiöse Überzeugungen geworden sind. »Verblüffend gleichen sich die Feindbilder: Schwule, emanzipierte Frauen, Gottlose, Demokraten, eigentlich alle selbstbestimmten Individuen«, so Leggewie. »Monströs« sei vor allem die »Rückkehr des autoritären Charakters in der Unübersichtlichkeit der modernen Welt«. Alle drei seien von einer mächtigen Verschwörung ihrer jeweiligen Feinde überzeugt, die es mit allen Mitteln zu bekämpfen gelte - zu allererst aber das westliche Europa.

Europas Wiedergeburt nach 1945 beruhte auf der aus der Katastrophe der NS-Diktatur und des Zweiten Weltkrieges gewonnenen »Selbstreflexivität«, merkt der Politikwissenschaftler an. Aber, so fragt man sich, wo ist diese Selbstreflexivität heute zu finden und welche Konsequenz hat sie? Europa - bzw. die Europäische Union - kooperiert weltweit mit Diktatoren und Autokraten, stürzt mit sogenannten Freihandelsabkommen und Austeritätspolitik Millionen Menschen in Armut, befeuert mit seinen Waffenexporten blutige Auseinandersetzungen und Kriege, treibt mit seinen Emissionen die Klimaerwärmung und damit Umweltkatas-trophen voran und lässt jährlich Tausende Menschen im Mittelmeer ertrinken, statt ihnen eine reguläre Einreise zu gewähren. Die aktuellen Verbrechen Europas und den daraus resultierenden Teufelskreis kritisiert Leggewie nicht ausdrücklich. Stattdessen skizziert er eine idealisierte Version Europas. Vielleicht wäre ein anderer Eindruck entstanden, wenn er - wie in der Ankündigung des Verlages in Aussicht gestellt - auch linke Kritiker der Europäischen Union behandelt hätte.

Man kann Leggewie dennoch dankbar sein, sich durch die redundanten Ergüsse dreier narzisstischer Persönlichkeiten gelesen zu haben, was er selbst als »wahre Qual« bezeichnet. Aber seine Dichotomie - »Europa und die Feinde« - greift zu kurz. Kritik an der Festung Europa und dessen neoliberaler Verfasstheit hätte mehr Beachtung verdient, ansonsten bleiben die Ängste breiter Bevölkerungsschichten und jene, die davon profitieren, im Dunkeln.

Claus Leggewie: Die Anti-Europäer - Breivik, Dugin al-Suri & Co. Suhrkamp. 174 S., br., 12 €.

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