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Unten Gysi, oben Gauck

Mit einem Festkonzert weihten Daniel Barenboim und sein neues Ensemble den Pierre-Boulez-Saal ein

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Die Hamburger Elbphilharmonie eröffnete vor wenigen Wochen. Nun abermals ein Lichtpunkt, diesmal in Berlin. Anlass: die Geburt eines neuen Konzertsaals aus dem Geist des West-Eastern Divan Orchestras, stolz genannt Pierre-Boulez-Saal. Der gehört nun zur Barenboim-Said-Akademie, dem Konservatorium für Studenten aus dem Nahen Osten und der ganzen Welt.

Die Idee dazu sei zwanzig Jahre alt, informiert das Programmbuch. Daniel Barenboim und der palästinensische Literaturwissenschaftler Edward Said (1935 - 2003) hatten damals in Weimar jenes unterdes berühmte West-Eastern Divan Orchestra ins Leben gerufen, das Musiker aus Palästina, Israel, Spanien und anderen Ländern rekrutierte. Ziel: zu musizieren im Geist der Humanität und Völkerverständigung. Jährlich im Sommer probiert dieser einzigartige Klangkörper und trägt seine Programme in die Konzertsäle der Welt. Im Pierre-Boulez-Saal soll dies Erbe weiter blühen - mit einem experimentierfreudigen Programm.

Ein Fest die Eröffnung. Einmütigkeit schien zu herrschen. Akzeptanz gegenüber einer bedeutsamen Sache. Wenn Promis in den Gängen zu entdecken waren, dann mehr künstlerisch orientierte. Keine Reden zur Eröffnung. Joachim Gauck saß mit Anhang ganz oben. Stumm. Herren wie Wolfgang Schäuble, Otto Schily oder Gregor Gysi saßen unten.

Die Architektur, entworfen vom berühmten Frank Gehry, allseits gepriesen schon vorab, ist wirklich außergewöhnlich. Der Saal ragt hoch. Die eine Front hat vier mal vier geschichtete große Fenster. Sie weisen auf Häuserfassaden draußen, spenden also nicht viel Licht, aber sie geben zusätzlich Atmosphäre. Das neue Gebilde war früher das alte Kulissendepot der Lindenoper. Riesenlaster standen häufig davor. Bekannt war das Intendanzgebäude mit Speisesaal nebenan, Mitarbeiter und Gäste gingen dort aus und ein. Dort nach Generalprobenbesuchen etwa zu Tisch sitzend, ahnte kaum jemand der Gäste, dass dahinter noch ein Riesenkomplex ist mit Theaterkram drin. Der beherbergt nun den neuen Saal.

Zwei Ovale fallen ins Auge. Als geringfügig phasenverschobene Großelemente kennzeichnen sie den Raum. Das eine oben mit horizontalen Gittern, diese installiert, damit keiner runterfällt, ergibt eine Art Rang rundum, unten wälzt sich oval die amphibische Sitzstruktur. Der Raum fasst gut 650 Besucher, ergibt also einen intimen Rahmen, bestens geeignet für Kammer- und Chormusik, weniger für Musiktheateraufführungen. Es gibt keine Bühne im herkömmlichen Sinn. Die Ausübenden musizieren, singen, spielen in der Mitte, am tiefsten Punkt des Saales. Wie die alten Athener in ihren konischen Theaterbauten. Die Spieler sind gleichsam umzingelt von Publikum, was Kräfte stimulieren, womöglich auch hemmen kann.

Der Saal ist Kind der Lindenoper und ihres Staatskapellenchefs. Für Daniel Barenboim, geistiger Architekt des Saals, ging ein Traum in Erfüllung. Warum der Name? Der Franzose Boulez, er wurde 90 Jahre alt, ist unbestritten großer Musiker, Komponist, Dirigent, Orchesterleiter und -erzieher gewesen. In der Szene ohnehin geschätzt und geliebt, ist er im Berliner Kulturbetrieb mindestens so bekannt wie Simon Rattle oder Kent Nagano. Barenboim lud den Freund Dutzende Male ein, seine Staatskapelle zu dirigieren und eigene Werke vorzustellen. Boulez, in allem, was er geleistet hat, gehört zu Berlin.

Nunmehr auch das gleichfalls gegründete Pierre-Boulez-Ensemble, eine variabel besetzte, durch und durch internationale Gruppierung ohne spezialistischen Sound, sondern offen viele Epochen und Komponierkulturen. Im Eröffnungskonzert fand dieser Ansatz volle Bestätigung. Anna Prohaska sang Schuberts durchkomponiertes Lied »Der Hirt auf den Felsen«, am Klavier begleitet vom Maestro persönlich. Der, den Abend über hoch beschäftigt, musizierte auch mit in dem Klavierquartett Es-Dur KV 493 von Mozart, neben ihm Sohn Michael Barenboim als Primgeiger.

Über die Maßen stark die Wiedergabe von Alban Bergs hochanspruchsvollem Kammerkonzert für Klavier und Geige mit 13 Bläsern. Jörg Widmann, derzeit als Perle gereicht im deutschen Betrieb, spielte danach eine irrsinnig virtuose Klarinettensolonummer, und zwar von der Empore aus. Klang eines Soloinstruments über den ganzen Raum verteilt unter besten akustischen Bedingungen. Die Eckwerke stammen von Boulez. Ein Art Bläserintrada für sieben Blechbläser, »Initiale« genannt, passte, den Reigen festlich einzuleiten. Am Schluss dann »Sur Incises« für je drei Klaviere, Harfen und Schlagzeuge. Ein Werk, kühn musiziert vom Boulez-Ensemble und wie ein Uhrwerk dirigiert von Daniel Barenboim. Über 45 Minuten hinweg erzeugt es Urklänge. Klar strukturierte, in weiten Teilen geradezu stürmisch rhythmisch sich vollziehende Musik. Beifall über Beifall.

Das ist nur ein Bau, doch Arbeit und Liebe ergänzen sich darin. Konzertsäle, wie immer gearbeitet, haben auch ihre ideelle Komponente. Geist, Lust, Anspannung sollen dort quirlen, wenn Musik erklingt. Das Spiel soll gefallen, anregen, die Hirne bewegen, ja die Gefühle in Taumel versetzen. Jeder neue Saal mit leidenschaftlichen Musikern und so bewahrenden wie kühnen Projekten ist ein Gewinn. Zumal wegen der vielen Verluste, welche Menschliches befördernde Kultur immerfort erleidet.

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