Von Stefan Berkholz

Wer braucht schon die Wahrheit?

Am Montag erscheinen 29 Texte von Aslı Erdogan, der in der Türkei der Prozess gemacht wird, auf Deutsch

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Aslı Erdogan nach ihrer Entlassung aus der Untersuchungshaft im Dezember 2016

Aslı Erdoğan ist eine türkische Schriftstellerin, die sich mit Haut und Haaren ausliefert. Sie schreibt um ihr Leben, sie gibt sich preis, sie schafft existenzialistische Literatur. Zugleich zweifelt und verzweifelt sie an ihrem Tun. »Was gilt es zu schreiben?«, fragt sie einmal. Um dann zu erklären: »Ein Text ist entweder ein Urteil oder ein Schrei.«

Nun ist über Frankreich eine Sammlung ihrer Essays zu uns gekommen, die am kommenden Montag auf Deutsch erscheint, der Titel: »Nicht einmal das Schweigen gehört uns noch«. Es sind 29 Texte, kurze literarische Stücke zumeist, Feuilletons, Erzählungen, Alltagsbeobachtungen, Kolumnen, Gleichnisse. Traumbilder auch und surrealistische Bilder voll von Irrlichtern und Grauen. Visionen der eigenen Existenz auf verlorenem Posten. Immer mit einem ganz eigenen Ton. Immer mit einem besonderen Blick. Immer von der Suche nach Wahrhaftigkeit und Wahrheit durchdrungen, lebenssatt und todesgetränkt. »Aber wer«, fragt sie verzweifelt, »braucht in Zeiten des Krieges schon die Wahrheit?«

Die meisten Texte sind in den vergangenen beiden Jahren entstanden, ehe Aslı Erdoğan für vier Monate im Gefängnis verschwand, angeklagt wegen dieser Kolumnen in der inzwischen geschlossenen Zeitung »Özgür Gündem«, die von den türkischen Behörden als Sprachrohr der verbotenen kurdischen Arbeiterpartei PKK angesehen wird. Der Vorwurf: Terrorpropaganda. Zwar wurde die Schriftstellerin im Dezember aus der Untersuchungshaft entlassen, es droht ihr aber weiterhin eine lebenslange Gefängnisstrafe. Erst am Dienstag dieser Woche wies ein Istanbuler Gericht Aslı Erdoğans Antrag auf eine Aufhebung der gegen sie verhängten Ausreisesperre ab.

In ihren Texten bringt Aslı Erdoğan ihre Verzweiflung in poetische Worte. Sie leidet mit den Verfolgten und den Schmerzen auf dieser Welt, sie will, mit Worten und mit ihrer ganzen Seele, »durch das Blut eines anderen gehen« - und sie plagt sich mit einem schlechten Gewissen: »Kann ich davon ausgehen«, schreibt sie, »dass ich den Opfern, über die ich schreibe oder schweige, überhaupt gerecht werde?« Texte als Totenklage. Sie versucht, die Folter der Gewissenlosen zu veranschaulichen. Sie verzweifelt darüber, weil der Mensch nichts lernen will aus dem Unheil, das er anrichtet. Und sie verzweifelt darüber, dass Worte nichts weiter als Hilfsmittel sind. Machtlose Krücken im wilden Treiben von Gewalt und Terror in ihrer Heimat, der Türkei.

In ihrem »Faschismustagebuch« klagt sie: »Die unerträgliche Last, in Zeiten zu leben und zu schreiben, in denen in Kellern eingeschlossene Menschen - darunter Verletzte und Kinder - bei lebendigem Leib verbrannt werden … Die entsetzliche Last der Sprachlosigkeit der Worte, Worte, die an die Stelle des Lebens treten … Dieser Abgrund ist hier wie dort, in der Vergangenheit, der Zukunft, im Heute … Wie sehr wir auch die Augen davor verschließen, wir werden den Anblick dessen, was sich in diesem beispiellosen Abgrund abspielt, nicht mehr los …«

Die Schriftstellerin berichtet auch von einem Besuch in Kraków. Sie besucht dort ein Museum in der ehemaligen Fabrik von Oskar Schindler. Und sie zieht Vergleiche zur Situation in der Türkei unter dem Potentaten Recep Tayyip Erdoğan. Sie sieht sich atemlos herumirren in einem brennenden Gebäude und löst diese Vision am Ende als Metapher für ein Leben in der gegenwärtigen Türkei auf. Sie begibt sich auf eine Reise in die Kurdenregionen, will von den Vernichtungsfeldzügen berichten als Augenzeugin der Massaker, um das Leiden der Opfer sichtbar zu machen, und sie nennt im gleichen Atemzug Auschwitz. Sie muss die Reise dann abbrechen, weil sie am Ende ihrer Kräfte ist.

Aslı Erdoğan schreibt auch über »die älteste, hartnäckigste, tiefste und hinterhältigste Form der Gewaltherrschaft«, nämlich »diejenige des Mannes über die Frau«. Sie deutet dunkle Geschäfte des türkischen Geheimdienstes an. Und ihren Text über den Genozid an den Armeniern - die »Große Katastrophe«, wie die Armenier sagen - überschreibt sie mit den Worten: »Wir sind schuldig«. Darin fragt sie: »Welches Wort könnte die Schreie armenischer Kinder wiedergeben, auffangen, beschwichtigen, die in einen Brunnen geworfen wurden? Mittels welcher Worte könnte eine neue Welt herangären, eine andere Welt, in der alles seinen eigenen, echten Sinn bekäme, auferstanden aus der Asche dieser Welt.«

Mit dem Despoten Erdoğan ist die Schriftstellerin im Übrigen nicht verwandt. Was für eine bittere Ironie, dass ein Kriegstreiber und eine Friedensaktivistin den gleichen Namen haben! Die 50-jährige Autorin wird weiterhin drangsaliert, geängstigt, angeklagt, bleibt den fanatischen Machthabern ausgeliefert, doch nicht nachgebend, weiter aufrecht, mutig und selbstvergessen. Ja, selbstvergessen! Sich selbst scheint diese Schriftstellerin am wenigsten zu schonen. Solange diese Welt voller Gewalt und Niedertracht ist, solange wird sie sich preisgeben mit ihren mutigen, aufrüttelnden, standhaften, unerschütterlichen Worten.

Aslı Erdoğan ist eine Schriftstellerin, die bei uns erst noch zu entdecken ist. Bisher liegen erst zwei Bücher in deutscher Sprache vor: »Die Stadt mit der roten Pelerine«, 2008 im Unionsverlag erschienen, ein verwickelter, vielschichtiger, aufwühlender Roman, die autobiographische Odyssee einer türkischen Akademikerin in Rio de Janeiro. Ein Meisterwerk. Und im gleichen Jahr erschien in der kleinen, längst verblichenen Edition Galata »Der wundersame Mandarin«, autobiographische Streifzüge durch Genf. Ein schmales Buch, das mittlerweile nur noch als E-Book, ebenfalls im Unionsverlag, erhältlich ist.

Durch die politische Verfolgung ist Aslı Erdoğan zum Symbol geworden. Doch ihre Literatur steht für sich. Diese Literatur brennt. Die Essays sind pure, schreiende, verzweifelte, verzehrende Antikriegsliteratur. Melodiös sind ihre Sätze, singend, klingend, klagend. So dünnhäutig, wundgerieben und leidend, wie einst, vor rund achtzig Jahren, Annemarie Schwarzenbach schrieb. Ausgerechnet diese friedvolle Stimme soll in der Türkei zum Verstummen gebracht werden. Dieses Buch darf in der Türkei nicht erscheinen.

»Schon beim ersten Wort, das am Unerzählbaren zerschellt«, schreibt Aslı Erdoğan darin, »zeichnet sich natürlich ein Scheitern ab: am Wort Krieg. … Denn ist Schreiben letztlich nicht von Anfang an ein Befreiungsversuch, die hartnäckige Suche nach einer Freiheit, die sich früher oder später erschöpft? Krieg dagegen ist ein unwiderrufliches Urteil.«

Aslı Erdoğan: Nicht einmal das Schweigen gehört uns noch. Essays. Aus dem Türkischen von Sabine Adatepe, Oliver Kontny, Gerhard Meier und anderen. Knaus Verlag, 192 S., geb., 17,99 € (ab 20. März erhältlich).

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