Von Tom Mustroph

Von »Agent Orange« zu Protein-Pharming

Die Künstlerin Kirsten Stolle untersucht in der Galerie Nome historische und aktuelle Eingriffe der chemischen Industrie in Natur und Gesellschaft

Von Tom Mustroph

Das waren noch Zeiten. In den 50er Jahren platzierte der US-Chemiekonzern Monsanto große Anzeigen für Produkte wie neue Textilien, Backzutaten und Unkrautvernichtungsmittel in Zeitungen und Magazinen, die alle in dem Motto mündeten: »Monsanto dient der Industrie, die der Menschheit dient.« Da war Konsum noch nicht als Selbstzweck gedacht. Und industrielle Forschung musste sich sogar in der Werbung den Anschein geben, der Menschheit dienen zu wollen und nicht in erster Linie den Konten der Aktionäre.

Auf diese fast pittoresk wirkende Ära des Kapitalismus macht die US-Künstlerin Kirsten Stolle in ihren Collagen, die derzeit in der Galerie Nome in der Dolziger Straße ausgestellt werden, aufmerksam. Es handelt sich dabei aber um eine Sekundärbotschaft. Denn in ihrem Projekt »Proceed at your own risk« untersucht Stolle, wie die chemische Industrie damals und heute in den Alltag eingreift und eine neue, artifizielle Natur schafft. Das Projekt ist in zwei Teile gegliedert. »Monsanto Intervention« operiert mit den historischen Monsanto-Anzeigen. Die preisen etwa Holzschutzmittel und Insektenvernichtungsmittel an, lassen aber den Hinweis auf den Krebs erregenden Bestandteil Dioxin aus. Dioxin war auch eine wichtige Komponente von Agent Orange, der berüchtigten Chemiewaffe im Vietnamkrieg, die Millionen Vietnamesen, aber auch Tausende US-Soldaten schädigte.

Stolle ergänzt die Anzeigen mit Ornamenten und Illustrationen. Vor allem aber schwärzt sie einzelne Wörter, wie es häufig bei der Herausgabe einst der Geheimhaltung unterlegener Dokumente durch die Behörden geschieht. Die Künstlerin verweist so auf die zahlreichen Prozesse gegen Monsanto, bei denen der Konzern durch offensichtliche Lügen und zu seinen Gunsten manipulierte Studien unrühmlich auffiel. Zugleich werden einzelne Wörter wie »Krieg«, »Zerstörung« und »getötet« herausgestellt. Schon in den Anzeigen waren, so zeigen Stolles Manipulationen, die Botschaften über das zerstörerische Potenzial der Produkte versteckt. Man hat sie nur nicht immer lesen wollen.

Ist diese Serie von einem guten Dutzend Arbeiten vor allem eine historische Aufarbeitung, so beschäftigt sich Stolle in dem zweiten Projekt »Animal Pharm« mit einem hochaktuellen Thema: genmanipulierten Pflanzen und Tieren. Auch hier ist Monsanto als Hersteller genmanipulierter Soja - und zugleich von Unkrautvernichtungsmitteln, gegen die nur diese Sojasorte resistent ist - im Visier. Spezifischer aber wendet sich die Künstlerin dem Pharming zu: der Produktion von Proteinen, Hormonen und anderen Wirkstoffen in Tieren.

2009 erlaubte die FDA (Food and Drug Administration, Arzneimittelzulassungsbehörde) in den USA erstmals die genetische Veränderung von Kühen, Ziegen und Schafen, damit in ihrer Milch diese Wirkstoffe »angebaut« werden können. Tiere werden so zum Pharma-Acker. Und Stolle fügt tierische Organe und Körperteile mit dem technischen Instrumentarium aus Laboren sowie technischen Zeichnungen zu neuen Mischwesen aus Natur und Technik zusammen.

»Ich hörte zuerst von Ziegen, die durch DNA-Veränderungen so ›umgebaut‹ wurden, dass sie verschiedene menschliche Proteine in ihrer Milch produzierten. Aus diesen Proteinen werden zahlreiche Medikamente hergestellt. Viele dieser transgenen Tiere leben auf Universitätsfarmen, die wiederum von der öffentlichen Hand wie auch von Pharmafirmen finanziert werden. Für mich stellen sich da ethische Fragen, wenn tierische und menschliche Gene vermischt werden. Wer überwacht die Gesundheit der Tiere? Wie werden sie und ihre Milch von der normalen Population ferngehalten?«, schilderte Stolle in einem Interview ihre Besorgnis. Bei ihren Recherchen stieß sie auf Sicherheits- und Kontrolllücken und vor allem auf mangelnde Transparenz seitens der Unternehmen und der zuständigen Behörden.

Kirsten Stolle, die selbst durch transgenes Soja Gesundheitsprobleme hatte, nutzt ihre Kunst als warnendes Instrumentarium. Ihre Zeichnungen und Collagen weisen aber auch eine poetische Schönheit auf, die über diesen Alarmaspekt hinausgeht. Die Neukonfigurationen künstlich modifizierter Lebewesen üben einen ganz eigenen Reiz aus. Sogar eine Spur Technikbegeisterung ist herauszulesen. Anleihen nimmt Stolle auch beim Subgenre der botanischen Zeichnungen. Sie schafft Hybriden aus Kunst und naturwissenschaftlicher Darstellung.

»Proceed at your own risk« ist eine Ausstellung mit Werken, die in einer antiquiert wirkenden Technik hergestellt wurden, deren Inhalte aber in die Zukunft weisen. Ein reizvolles Paradoxon. Und ein Verdienst, das Thema »Pharming« in die Welt der Kunst einzuführen.

»Kirsten Stolle: Proceed at your own risk«, bis zum 8. April in der Galerie Nome, Dolziger Str. 31, Friedrichshain

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