Von Philipp Hedemann

Landnahmen mit deutscher Beteiligung

Kerstin Nolte über den »Aufkauf« immer größerer Flächen in Ländern des Globalen Südens

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Was versteht man unter Landgrabbbing?
Seit dem massiven Anstieg der Lebensmittelpreise 2007/2008 wird im Globalen Süden vermehrt Land erworben. Im Begriff Landgrabbing (Landnahme) schwingen negative Konnotationen mit - beispielsweise, dass Land unrechtmäßig erworben wird, dass es keine Konsultationen mit der lokalen Bevölkerung gibt und Menschenrechte verletzt werden. Jeder Fall ist unterschiedlich, daher sollte man genau hinsehen, bevor man von Landgrabbing spricht.

Zur Person

Kerstin Nolte forscht am renommierten German Institute of Global and Area-Studies (GIGA) in Hamburg zu den weltweiten Chancen und Gefahren landwirtschaftlicher Großinvestitionen.

Wie viel Land wird weltweit verkauft oder verpachtet?
Das Phänomen ist von Intransparenz gekennzeichnet, daher gibt es keine offiziellen Statistiken. Die Land-Matrix-Initiative betreibt die umfassendste Datenbank. Sie erfasst Pachten und Käufe in Ländern mit mittleren und niedrigen Einkommens seit dem Jahr 2000 ab einer Fläche von 200 Hektar. Sie dokumentiert über 1300 Fälle. Insgesamt geht es um mehr als 48 Millionen Hektar. Zum Vergleich: Deutschland ist 35,7 Millionen Hektar groß.

Was machen die Investoren mit dem Land?
Ein Großteil wird für die Landwirtschaft genutzt. Angebaut werden Nahrungsmittel, Agrokraftstoffe, Futtermittel und Pflanzen für die Kosmetik- und Medizinproduktion. Auch für Forstwirtschaft, Bergbau, Naturparks und Tourismus wird Land gepachtet oder erworben. Vor einigen Jahren ging man noch davon aus, dass viel Land für Spekulationen eingesetzt wird. Heute wissen wir aber, dass auf etwa 70 Prozent der landwirtschaftlich genutzten Flächen bereits mit der Produktion begonnen wurde.

Sind die Landakquisitionen Fluch oder Segen?
Ob es sich um Landgrabbing mit verheerenden Folgen für die lokale Bevölkerung oder um eine Entwicklungschance durch längst überfällige Investitionen in die Landwirtschaft handelt, ist nach wie vor unklar. Klar ist hingegen: Die Situation von Kleinbauern ist in vielen Ländern dramatisch. Dies zeigt sich nicht zuletzt an wiederkehrenden Hungersnöten. Die Investitionen in die Landwirtschaft können theoretisch die Ernährungssicherheit verbessern, zu dringend erforderlichen Technologietransfers führen, die Infrastruktur fördern und Arbeitsplätze schaffen. Allerdings zeigen viele Projekte in der Praxis auch negative Konsequenzen. So werden teilweise lokale Bevölkerungen vertrieben. Der fehlende Zugang zu Land kann ihnen dann die Lebensgrundlage entziehen. Zudem werden die hohen Erwartungen vielfach nicht erfüllt. Oft werden weniger Arbeitsplätze als erhofft geschaffen, die Arbeitsbedingungen sind meist hart und die Verdienstmöglichkeiten teilweise nur saisonal. Ferner werden Wälder abgeholzt oder Ökosysteme zerstört.

Was müsste passieren, um die Investitionen zu einer »Win-Win-Situation« zu machen?
Die Menschen vor Ort müssten von Anfang an in die Planung einbezogen werden. Es muss gewährleistet werden, dass sich ihre Situation durch das Projekt auf keinen Fall verschlechtert und ihre Bedürfnisse berücksichtigt werden. Und es muss nachhaltig geplant und gewirtschaftet werden. Monokulturen, intensive Bewässerung und Überdüngung können kurzfristig zu hohen Erträgen führen, laugen aber auf Dauer die Böden aus und zerstören damit die Lebensgrundlage. Investoren, die in extrem armen Kontexten investieren, kommt eine besondere Verantwortung zu. Intensiver und andauernder Austausch mit der Bevölkerung ist dafür eine Grundvoraussetzung.

Wo findet Landgrabbing statt?
Land wird auf der ganzen Welt erworben. Besonders betroffen ist Afrika, sowie Südostasien, Osteuropa und Lateinamerika. Investoren suchen in der Regel fruchtbares Land, das gut an Märkte und Infrastruktur angeschlossen ist. Während in den Industriestaaten fast alles Land bereits intensiv bewirtschaftet wird, ist dies in vielen ärmeren Regionen noch nicht der Fall. Das bedeutet jedoch nicht, dass das Land ungenutzt ist. Oft wird es von Kleinbauern bewirtschaftet, auch wenn ihre Erträge deutlich unter denen der kommerziellen Landwirtschaft liegen. Temporär brachliegendes Land ist zudem oft Weideland.

Woher kommen die Investoren?
Aus aller Welt. Weil sie finanzstark sind, spielen Industriestaaten wie die USA und Großbritannien eine herausragende Rolle. Viele Investoren kommen jedoch auch aus Schwellenländern wie Indien und China. Auch landarme, aber bevölkerungsreiche und wohlhabende Länder wie Saudi-Arabien engagieren sich. Viele der Firmen haben ihren Sitz in Steueroasen. Nicht zu vernachlässigen sind auch einheimische Investoren, unter ihnen sind viele städtische Eliten.

Mischen deutsche Firmen mit?
Ja, vor allem in Afrika und Osteuropa. Die Firma Amatheon Agri mit Sitz in Berlin betreibt beispielsweise mehrere Farmen in Uganda, Sambia und Simbabwe.

Können verbriefte Landrechte Bauern in Schwellen- und Entwicklungsländern vor Landraub schützen?
Klar verbriefte Eigentumsrechte können Bauern helfen, sich gegen Enteignungen zu wehren. Diese Rechte müssen dann aber auch gesetzlich durchgesetzt werden, und dabei hapert es in vielen Ländern noch.

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