Von Christian Baron

Was bleibt, ist Ratlosigkeit

Am Deutschen Theater Berlin ist Arthur Millers kapitalismuskritischer Klassiker »Tod eines Handlungsreisenden« zu sehen

714a55b35e580d0b.jpg
Von jeder Tour kehrt Willy Loman (Ulrich Matthes, links) mit verzweifeltem Gemüt zu seiner Frau Linda (Olivia Grigolli) nach Hause zurück.

Alle politischen Dauerthemen dieser Tage sind in diesem Stück enthalten: der drohende Aufstieg rechter Demagogen im Zeichen tief sitzender Abstiegsängste der Mittelklasse, die Unausweichlichkeit lebenslanger Armut im Lichte der immerwährenden Hoffnung eines sozialen Aufstiegs; vor allem aber die Illusion der Leistungsgerechtigkeit, wo sich die westlichen Wohlstandsnationen längst in reine Erfolgsgesellschaften verwandelt haben. Du kannst alles erreichen, wenn du dich nur genug anstrengst? Dieser gequirlte Quatsch des amerikanischen Traums galt im Kapitalismus noch nie, heute aber lässt er sich noch viel weniger realisieren als vor knapp 70 Jahren, als »Tod eines Handlungsreisenden« im Londoner Phoenix Theatre uraufgeführt wurde. Wer was mit welchen Mitteln geerbt oder erreicht hat, das ist mittlerweile nahezu gleichgültig. Wichtig sind fast nur zählbare Ergebnisse.

Genau darauf ist Willy Loman fixiert, der Protagonist in Arthur Millers großem Klassiker aus dem Jahr 1949. Unzufrieden mit seinem langen Erwerbsleben als durch die Lande tuckernder Verkäufer, projiziert der 63-Jährige die eigenen verpassten Ziele von Ruhm und Reichtum auf seine Söhne Biff und Happy. Ihnen soll es besser ergehen als ihm selbst. Darum trichtert der Strauchelnde seinen erwachsenen Kindern ein auf Sachzwängen gründendes Wertesystem ein, das ihnen die nach freier Wahl des Lebenswegs dürstenden Kehlen zuschnürt. Regisseur Bastian Kraft hat die Hauptrolle für seine Neuinszenierung am Deutschen Theater Berlin stilsicher mit Ulrich Matthes besetzt. Der verleiht seinem tragischen Helden durch bedeutungsschweres Spiel eine emotionale Dringlichkeit, die diesen Willy Loman als Max Mustermann einer hysterischen Gegenwart erscheinen lässt.

Sein Nachname klingt aus guten Gründen nach dem englischen Adjektiv »low« (niedrig, gering, tief, leise). Von jeder Tour kehrt er mit struppigem Haar im schlecht sitzenden Anzug mit gebückter Haltung und verzweifeltem Gemüt total erschöpft nach Hause zurück. Ihn entkräftet aber nicht etwa die Mühsal des Kilometerfressens, sondern das sich verstärkende Empfinden, im Leben nicht vorangekommen zu sein und obendrein die Frucht seines Leibes noch perspektivloser durch die komplexe Krisenwelt stolpern zu sehen. Happy (Camill Jammal) ist ein in den Tag hinein lebender Womanizer und Biff (Benjamin Lillie) ein zorniger junger Loser. Letzterer ist bei Miller auch die zweite Hauptfigur. Lillie spielt seinen Part glaubwürdig und solide, weil er Matthes wohl nicht die Show stehlen will. Ständig schwant einem, dass er sein Temperament zügelt und sein Können nicht voll ausspielt. Das wiederum ist dem unaufhörlichen Zusteuern auf den dramatischen Höhepunkt zuträglich: Wie aus dem Nichts explodiert die zwischen Verschweigen und Vorwürfen wechselnde Fassade in jener Szene, da Willy seinem renitenten Sohn inmitten eines wilden Wortgefechts entgegenschreit: »Häng dich doch auf in deinen Trotz!«

Die von Ben Baur gebaute Bühne enthält als Requisiten nur ein paar Stühle und einen klobigen Tisch, der Raum ist nach hinten weitläufig geöffnet. Das macht es bisweilen schwer, die bis zum erwähnten Highlight meist besinnlich vorgetragenen Dialoge akustisch zu verstehen. Es ermöglicht aber zugleich zwei optische Effekte, die den Hamsterradzuschnitt des Gemeinwesens und die psychische Labilität des Willy Loman mit einfachen Mitteln einfangen. Mehrmals sitzt er nach dem Wehklagen seiner Frau Linda (brillant larmoyant: Olivia Grigolli) einfach nur da. Während darüber zu sinnieren ist, ob er nun lethargisch geworden ist oder meditativ Kraft tankt für den nächsten Anlauf im Kampf um die Lebenssehnsüchte, dreht sich die Bühne unter bebenden Musikklängen immer rasanter. Gleichzeitig sind, wie über die gesamte Spieldistanz, Schattenrisse der Darsteller zu sehen.

Immer wieder projiziert Kraft auch Willys Visionen und Traumbilder an die Wand. Zum Beispiel begegnet er dem Schattenbild seines verstorbenen Bruders Ben, der zu dem geworden ist, der Willy selbst so gern wäre: ein reicher und geachteter Mann. Der Schmerz ob des eigenen bescheidenen Daseins spiegelt sich im Neid auf den erfolgreichen Freund und Nachbarn Charley (Harald Baumgartner) wider. Am deutlichsten wird die Diskrepanz zu diesen so bewundernd wie missgünstig beäugten Vorbildern in jener Szene, in der Willy durch seinen deutlich jüngeren Chef Howard Wagner (Moritz Grove) entlassen wird. Matthes’ kniefälliger Willy wütet und weint, schreit und wimmert, fordert und fleht. Das vermittelt genau den widersprüchlichen Eindruck vom Charakter eines Absturzgefährdeten, der es derzeit so schwer macht, in der politischen Großwetterlage eine plausible Perspektive auf die so irrationalen Auswirkungen der sich verschärfenden Ungleichheitsverhältnisse zu finden.

Bastian Kraft hat den Text mit Dramaturg Ulrich Beck im Sprachduktus behutsam aktualisiert und so gekürzt, dass ein Abend von gerade einmal 100 Minuten herausgekommen ist. Sie haben es geschafft, die kapitalismuskritische Substanz dieses herausragend geschriebenen Stückes zu erhalten. Das ist eine eigenständige, große künstlerische Leistung und funktioniert auch dank des Ensembles so gut. Der Abend ist bestes Schauspielertheater, das Jahrzehnte alte Figuren aus den USA der 1940er Jahre ins Heute holt, ohne dass ihnen auch nur der geringste Staub der Zeiten anzumerken wäre.

In seinem Regiekonzept vertraut Kraft ganz auf die Wirkung der Dialoge. Und er verzichtet darauf, Millers Story in ein eindimensionales Deutungskorsett zu zwängen. Was dadurch bleibt, ist dieses eine Gefühl, das die politische Verfassung so vieler in diesen Tagen treffend kennzeichnet: die reine Ratlosigkeit.

Nächste Vorstellungen: 23., 30. März

Artikel weiterempfehlen und ausdrucken