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Von Heiligen, Magiern und Mördern

Vicente Alfonso gelang eine spannende Mischung aus Krimi, Milieustudie, politischer Geschichtsschreibung und Liebesgeschichte

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Der 1977 in der nordmexikanischen Stadt Torreon geborene Vicente Alfonso, Sohn eines Minenarbeiters, ist hierzulande bisher ein völlig unbeschriebenes Blatt. Dabei wurde sein jetzt ins Deutsche übersetzter Roman »Die Tränen von San Lorenzo« in seiner mexikanischen Heimat bereits prämiert. Der gerade einmal gut zweihundert Seiten lange Roman ist eine wirklich gelungene Mischung aus Krimi, Milieustudie, politischer Geschichtsschreibung und Liebesgeschichte.

Vicente Alfonso: Die Tränen von San Lorenzo. Roman. A. d. Span. v. Peter Kulzen.
Unionsverlag. 224 S., geb., 16,99 €.

Erzählt wird das nur schwer auf den Punkt zu bringende komplexe Romangeschen von einem Psychotherapeuten namens Alberto Albores. Der versucht nach dem Tod eines Patienten die ungeheuerliche Geschichte eines Zwillingspaares und eines Mordes zu recherchieren, um sich selbst über den eigenwilligen Fall klar zu werden.

Das Verwirrspiel mit den beiden eineiigen Zwillingsbrüdern Romulo und Remo Ayala zieht sich als tragendes Motiv durch den ganzen Roman. Autor Vicente Alfonso hat selbst einen Zwillingsbruder und wollte, wie er sagte, dieses Phänomen literarisch aufarbeiten.

Wie in einem Puzzle fügt der Psychotherapeut Alberto Albores die einzelnen Teile dieser sich über Jahrzehnte hinweg ereignenden Geschichte ineinander. Da ist zum einen ein Magier, der auf Jahrmärkten auftritt und von den Zwillingen bei einer spektakulären Entfesselungsnummer unterstützt wird. Dazu gesellt sich irgendwann eine Frau namens Magda, auch genannt La Nina, die angeblich Wunder vollbringen und Kranke heilen kann. Es gibt einen alkoholkranken Journalisten, der durch das wüstige Nordmexiko gondelt und seine Reportage über besagte Wunderheilerin nie fertigzubringen scheint. Außerdem geht es um die verschollene Mutter der Zwillinge, ihren Großvater, einen brutalen Großgrundbesitzer und um kommunistische Guerilleros, die zusammen mit landlosen Bauern militant gegen die bestehende Ordnung kämpfen.

Immer wieder spielen aber auch ein ungeklärter Mordfall, der Brand in einem Internat und ein legendäres Fußballspiel eine Rolle. Bei dem Fußballspiel wird eine ganze Stadt in Atem gehalten; es kommt zu massiven Ausschreitungen und Plünderungen, bei denen versucht wird, den Schiedsrichter zu lynchen. Aber auch lange Therapiesitzungen, das unmenschliche amerikanisch-mexikanische Grenzsystem, jede Menge unterschlagenes Geld und reichlich erotisches Begehren spielen in diesem Roman eine Rolle.

Vicente Alfonso macht es dem Leser nicht immer ganz leicht, denn er springt von einer Erzählebene in die nächste, wechselt von 2010 in die 1990er Jahre, dann schnell mal wieder zurück, um dann in die späten 1960er Jahre abzutauchen. Das macht den Roman unglaublich schnell und verleiht der Erzählung ein sehr hohes Tempo.

Wirklich beachtlich ist außerdem, wie viel Personal und Handlung in diesen vollgepackten, aber keineswegs überfrachteten Roman hineinpassen. Das hat vor allem mit Vicente Alfonsos unspektakulärer, aber sehr pointierter Prosa zu tun, die immer recht genau auf den Punkt kommt. Wobei der Leser den Überblick nicht verliert und immer wieder vom Autor abgeholt und zurück in die Spur gebracht wird.

Obwohl schon während des Romans von Mord über Heiligenverehrung, Zaubertricks, Erotik bis Kleinstadtrandale ein buntes Repertoire an mexikanischer Folklore und globalisierter Popkultur geboten wird, wartet am Ende noch ein furioses Finale auf den Leser. »Die Tränen von San Lorenzo« bleiben bis zur letzten Seite spannend.

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