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»Bin doppeldeutig«

Christian Lehnert brilliert mit Essay-Blättern über Verluste und Verrat

  • Von Hans-Dieter Schütt
  • Lesedauer: 5 Min.

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Das ist die Erfahrung der Jahre: Man kommt ins Gespräch mit seinem immer ausführlicher werdenden Schatten, und von Stunde zu Stunde gewinnt das Alte seine Wahrheit zurück, dass es einem die Kehle zuschnüren kann. Christian Lehnert aber frohlockt: »Auf in die Wahrheit der Verluste!« Es ist ein Ruf, der ins Zentrum des Christentums führt - das nämlich nicht Institution ist, nicht »Volkskirche«, sondern »ein Sog und Sehnen, ein Wehen in eine andere Welt«.

Christian Lehnert: Der Gott in einer Nuß. Fliegende Blätter von Kult und Gebet.
Suhrkamp. 237 S., geb., 20 €.

Der Dichter, Pfarrer und Theologe - in Dresden geboren, in Leipzig Liturgiewissenschaftler - hat mit seinem Buch »Der Gott in einer Nuss« einen Essay über den Gottesdienst als Ritual und Seelenbedürfnis vorgelegt, es sind zweiundachtzig »Fliegende Blätter von Kult und Gebet«. Es ist eine ergreifende Besinnungsbitte, die aus der Trauer und dem Zorn über jede zeremonielle kirchliche Gemütlichkeit immer wieder zur fordernden Selbstbeobachtung wird. Wie kann Schwäche Selbstbewusstsein gewinnen, ohne Muskeln zu bekommen? Wie kann Hoffnung davor bewahrt werden, stets nur das Greifbare zu meinen?

Die Sehnsucht, so Lehnert, »entwirft sich die Erscheinungen, die sie sucht, und verliert sie, um sie zu vermissen«. Das Defizit als Kern Gottes. Er ist »meiner Seele nah, so oft ich ihn vermiss«. Das Vermissen als kraftspendende Umkehrung des Missionierens: Lehre dich, das Allmögliche just in der Leere zu sehen; bekenne dich zu dem, was dir an und in der Welt unbekannt bleiben wird; ganz da zu sein heißt, auch ganz bei dem zu sein, was nicht da ist.

Hilfreiche DDR-Mitgift: »Man gab meiner Generation nichts mit auf den Weg.« Auch so kann Offenheit entstehen. Zugigste Existenzweise. Religion, so Lehnert, stellt uns vor die Prüfung, die allem Leben innewohnt, es ist ein »stabilisierendes oder verunsicherndes Treiben«. Der Dichter steht und geht, tastet und taumelt, zögert und wandelt auf der Seite der Verunsicherung - im täglich befreienden wie täglich folternden Widerruf alles Bestehenden. Leben im Schmerz eines Gestorbenen - und der immer aufs Neue Sterbenden. Sieh dich nur um in der Welt.

Die Blätter folgen dem Ablauf einer Messe, entzünden sich an den Vorgaben eines lutherischen Abendmahlgottesdienstes. Lehnert erzählt Gleichnisse, steigt in die Geschichte des Klerus, wird heimgesucht von Gesichten seiner sächsischen Dorfpfarrzeit, »angefüllt von alternden Dingen und betagten Menschen«. Er taucht in die Hintergründe eines Soldaten-Holzkreuzes auf einem Friedhof, und wo er Menschen porträtiert, steigert sich das konkrete Bild - ob kleine Hände im Sandkasten oder eine blutende Stirn auf einem Bauernhof - zur verrätselten Allegorie: Menschheit zwischen Geworfenheit und Gnade.

Von diesem Autor stammt das Wort von der »unsichtbaren Kirche«, sie sei »eine Strömung mit unabsehbaren Folgen«. Unter diesem Aspekt befragt Lehnert den Gottesdienst, ruckt fordernd an den Gewohnheitsfesseln, die jedes festgefügte Zeremoniell dem freien Denken anlegt. Wer ich bin und »was ich weiß«, so Lehnert, »zersetzt sich in den unermesslichen Räumen, die sich um mich und in mir öffnen. Ich werde doppeldeutig, wie die Welt, die ich bewohne.« Das Poröse als Elixier, als eine Erschwernis, der sich bewusst auszusetzen sei. Das Spirituelle ist also keine Entspannungsübung, es ist schwerste Arbeit, denn: Welches Gemüt ist wirklich so tapfer, sich fortwährend offenen Denk- und Gefühlsverhältnissen auszusetzen?

Ja, jeder Mensch will Einverständnis, und jeder bleibt gar zu gern ein Entertainer im Zirkus einer Unfreiheit, die er sich selber und anderen als selbstgewählten Auftrag verkauft - als Einsicht in irgendwelche selbstgezimmerte Notwendigkeit. Du beherrschst dein Leben? Du weißt, wo’s langgeht? Ach, triff auf einen anderen Menschen, und du steckst in der Entfremdung.

Wenn es einem schlecht geht, denkt man an das Leben; wenn’s einem gut geht, an den Tod. Die Waage. Verharren, Verwirrtsein im nicht Lösbaren der Existenz, und genau da setzt für Christian Lehnert Gottesnähe an: Es gibt Begriffe, Bilder, die gibt es einzig deshalb, weil sie etwas benennen, das fehlt. Und das nicht leichtfertig mit Täuschung gefüllt werden darf. Es gibt Dinge, die ergreifen wir beim Wort, um zu spüren, wie sich die Gewissheiten entziehen. Beides gehört zusammen, das Ergreifen wie der Entzug. Heil und Hölle.

Es ist von bezwingender Logik, dass Lehnert euphorisch wird: »Wunderbar, dass es in der Bibel eine Figur wie Judas gibt! Jede Heilsgewissheit braucht ihren Verräter.« Ja, mehr Erfahrung, als auf einen einzigen festen Standpunkt geht, ist schnell gemacht. Und Glaube, der auf seine Unerschütterlichkeit stolz ist, gleicht Eisen, das den Rost für eine Lüge hält. Wie der Dogmatiker die Vielfalt als Feind betrachtet. Und der Parteisoldat nie die Front in sich selber zulässt. Und der Politiker nie sich selber zweifelnd ins Wort fällt.

Weltende, Verlorenheit, Apokalypse, Tod, Jüngstes Gericht, aber auch Geburt, Mythengewalt und Überschaum der Liebe - kleiner geht’s nicht bei diesem für mich bedrängendsten poetischen Metaphysiker unserer Zeit. Christian Lehnert ist ein inständig anstrengender, ein beglückend und konsequent Einzelner der Sprachsuche, aber seine radikale Leidenschaft fürs unverbrauchte Wort ist doch gerichtet auf die Würde des Zwiegesprächs - Schreiben als Forschung nach Quellen der gegenseitigen Bekräftigung zwischen Autor und Leser.

Also lies und sieh: Allmächtig ist, was undefinierbar bleibt. Gott wie alles in der Welt - wo wir etwas als einzig groß, gut und wahr preisen, ist sofort ein Teufel da, der darüber lacht.

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