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Als die Sonne sich verfinsterte

Der Historiker Philipp Blom schildert die sozialen Folgen der »Kleinen Eiszeit«

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Von dem französischen Soziologen Émile Durkheim stammt der Satz: Soziales ist nur durch Soziales zu erklären. Das mag in den meisten Fällen zutreffen, allerdings gibt es Ausnahmen. Auch klimatische Umbrüche können den Verlauf der Geschichte äußerst nachhaltig beeinflussen.

Philipp Blom: Die Welt aus den Angeln. Eine Geschichte der Kleinen Eiszeit von 1570 bis 1700 sowie der Entstehung der modernen Welt.
Hanser. 302 S., geb., 24 €.

In seinem Buch »Die Welt aus den Angeln« schildert der Historiker Philipp Blom einen solchen Fall: die Kleine Eiszeit. So wird die Klimaperiode zwischen 1570 und 1700 bezeichnet, in der die durchschnittliche Temperatur in Europa um ein bis zwei Grad sank. Wissenschaftler vermuten, dass eine verminderte Sonnenaktivität und ein verstärkter Vulkanismus dafür verantwortlich waren.

Die Folgen betrafen vor allem die Landwirtschaft. Es gab Missernten und Hungersnöte, die zu mehreren Bauernaufständen führten. Aber auch der Adel wurde von der wirtschaftlichen Misere empfindlich getroffen. Denn er konnte seinen ausschweifenden Lebenswandel nur dann finanzieren, wenn die Bauern genug ernteten und Steuern zahlten.

Zunächst suchte man wie üblich nach Sündenböcken für die sich häufenden Ernteausfälle und fand sie in den Hexen, die gnadenlos verfolgt wurden. Allerdings gab es auch Menschen, die ihren Blick auf die Natur selbst richteten. Sie experimentierten mit neuen Anbaumethoden, führten zusätzliche Getreidesorten ein, intensivierten die Düngung. Und sie gaben ihre Erkenntnisse in Druck, was für deren rasche Verbreitung sorgte. Fortan produzierte die Landwirtschaft zunehmend für den Markt, auch der Fernhandel expandierte und füllte die Kassen der nach Geld gierenden Herrscher. Ausgetragen wurde diese wirtschaftliche Revolution auf dem Rücken der Armen, »die keinen Anteil an dem neu entstandenen Wohlstand hatten oder bekommen sollten«, wie Blom schreibt.

Eine folgenreiche Wendung nahm die ökonomische Entwicklung Anfang des 17. Jahrhunderts in England. Die Grundbesitzer gingen hier dazu über, die sogenannten Commons, das Gemeindeland, für die Schafzucht zu verwenden, um die Wollproduktion zu steigern. Dadurch verloren viele Bauern ihre Existenzgrundlage. Sie zogen in die Städte, wo sie das Proletariat für die Industrie bildeten. Es vollzog sich, was Marx die ursprüngliche Akkumulation nannte. Der Kapitalismus stand in den Startlöchern.

Blom versteht es, Geschichte kenntnisreich und fesselnd zu erzählen. Auch wenn er den Einflüssen der Kleinen Eiszeit auf den historischen Verlauf große (an manchen Stellen vielleicht zu große) Bedeutung beimisst, geht er ganz im Sinne Durkheims auch den sozialen Ursachen von sozialen Veränderungen auf den Grund. Und er beleuchtet deren geistiges Umfeld. So finden sich in dem Buch detaillierte Ausführungen über Giordano Bruno, René Descartes, Baruch de Spinoza, Bernard Mandeville, Athanasius Kircher. Lehrreich ist auch das Kapital über Voltaire, den Blom konsequent als Kind seiner Zeit begreift. Und an dessen Beispiel er zeigt, dass Menschen, die in Wort und Schrift für soziale Reformen werben, durchaus ängstlich auf ihren eigenen Vorteil bedacht sein können. Als Aufklärer und Stilist sei Voltaire hingegen bis heute eine Quelle der Inspiration, und »sein Genie, Dummheiten aufzuspießen, hat nichts von seiner Aktualität verloren«, so der Autor.

Am Ende des Buches thematisiert Blom noch einmal die Probleme des Klimawandels aus vergleichender Perspektive. Während der Kleinen Eiszeit war es ein natürlicher Kälteeinbruch, der zu sozialen Verwerfungen führte, die einen wichtigen Grundstein für die Umwälzung der Gesellschaft legten. Heute wird die Welt durch einen anthropogen verursachten Temperaturanstieg bedroht. Sollte sich dieser ungebremst fortsetzen, dürften angesichts der gegenwärtigen Bevölkerungsdichte die Folgen für Millionen Menschen verheerend sein. Dennoch »reagieren wir auf den Klimawandel kaum effizienter als unsere Vorfahren«, meint Philipp Blom. Und das liegt nicht nur an der Ignoranz vieler Menschen, sondern auch und vor allem an einem Wirtschaftssystem, das Wachstum durch Ausbeutung zu einem Fetisch erhoben hat.

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