Von Uwe Stolzmann

Jung, aber nicht böse

Litauens Literatur in Bewegung

Erklärtes Anliegen der Leipziger Buchmesse ist es seit Jahren, den Besuchern die Literaturen und Gesellschaften mittel- und osteuropäischer Länder näherzubringen. Schwerpunktland ist in diesem Jahr Litauen.

Knapp drei Millionen Menschen leben in dem baltischen Staat. Jedes Jahr verlassen Zehntausende das Land; 1,5 Millionen Litauer sollen im Ausland leben. 1918 wurde Litauen zum ersten Mal unabhängig, 1990 ein zweites Mal. Bis dahin gab es staatseigene sowjetische Verlage. Beliebte Themen vieler Autoren waren die mystifizierte Vergangenheit, insbesondere der Kampf gegen Deutschritter und Faschisten, der Wald, das ländliche Idyll. Nach der Wende spielten neue Dichter, Erzähler, Intellektuelle im jungen Staat eine große Rolle, sie waren Idole, man hörte auf ihre Meinung. In den ersten Jahren nach der Unabhängigkeit kamen Massen zu Meetings. Von dieser Euphorie ist nichts geblieben.

Auch die Buchindustrie erlebte ab 1991 einen kurzen Boom: 500 Verlage entstanden; manche publizierten nur ein Buch pro Jahr. Nur ein paar Jahre, dann war der Rausch vorbei. Die Angaben über die heutige Zahl der Verlage gehen weit auseinander: Sind es 100? Oder eher 400? Wer heute mehr als 2000 Bücher verkauft, hat einen Bestseller gelandet.

Neue Themen und Stoffe kamen ab den Neunzigern auf: Memoiren von »Waldbrüdern« etwa, den Partisanen im Kampf gegen die sowjetischen Besatzer, und Erinnerungen der Exilierten. In letzter Zeit stellen sich Autoren auch der jüngeren Vergangenheit. Die traditionelle »Bauernliteratur« nimmt ab, viele jüngere Autoren sind in Vilnius aufgewachsen. Leichte Kost dominiert, etwa journalistische Texte und Ratgeber. Der Mitteldeutsche Verlag wollte zur Messe »junge, böse Stimmen« in einer Anthologie versammelt sehen. Die Herausgeberin fand junge Stimmen - aber keine bösen. Die Autoren suchen das Gleichgewicht zwischen der chaotischen Vergangenheit und einer Gegenwart, die auch nicht leicht zu verstehen ist.

Es gibt in Litauen heute zwei Poesiefestivals, eine populäre Buchmesse mit 60 000 Besuchern, einen Buchpreis mit einer Shortlist. Slam Poetry ist lebendig. Regelmäßig finden Lesungen statt, auch in Privatwohnungen. Zur Leipziger Buchmesse reisen nun rund 100 Autorinnen und Autoren an, die an 60 Veranstaltungen zum Schwerpunktland teilnehmen werden.

Die Buchmesse wird an diesem Mittwochabend mit der Verleihung des Buchpreises zur Europäischen Verständigung eröffnet. Der französische Schriftsteller und Übersetzer Mathias Énard erhält die mit 20 000 Euro dotierte Auszeichnung für seinen Roman »Kompass«. Von Donnerstag bis Sonntag, jeweils von 10 bis 18 Uhr, öffnen dann die Messehallen ihre Tore. Das Gelände steht von Beginn an nicht nur den Fachbesuchern, sondern auch dem Publikum offen. Mehr als 2000 Aussteller präsentieren in Leipzig ihre Neuerscheinungen. Parallel zur Messe findet auch in diesem Jahr das Lesefest »Leipzig liest!« statt. Auf 160 Messebühnen und an rund 410 Orten in der Stadt sind rund 3500 Lesungen, Gesprächen, Diskussionsrunden und Konzerte geplant. mit Agenturen

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