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Einen Sinn finden oder gar nicht leben

Das Stück »Zucken« von Sasha Marianna Salzmann am Maxim-Gorki-Theater

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Den Menschen an den Rändern der Gesellschaft eine Stimme zu geben - das war die Gründungsintention des von Sasha Marianna Salzmann und Maxi Obexer ins Leben gerufenen »Neuen Instituts für Dramatisches Schreiben«. In Koproduktion zwischen dem Maxim-Gorki-Theater und dem »Jungen Theater« Basel ist ein Stück von Marianna Salzmann entstanden, das auf Gespräche mit Jugendlichen zurückgeht, die sich an den Rand der Gesellschaft gedrängt sehen. Diese Gespräche hat die Autorin mit jungen Menschen in Basel geführt, mit Heranwachsenden, die sich in einer Lebenssituation befinden, in der sie entscheiden müssen, ob sie sich einrichten wollen in der bürgerlichen Wohlanständigkeit oder ob sie aufbegehren wollen gegen die Zwänge, die ihnen von Elternhaus und Gesellschaft auferlegt worden sind.

In Sebastian Nüblings Inszenierung mit sieben Jugendlichen aus Basel und Berlin äußern die ihren Protest einzeln oder in der Gruppe, in resignierendem oder aufmüpfigem Gestus. Das geschieht spontan ohne langes Überlegen und Taktieren. Ihr Selbstverwirklichungsversuch ist ein Aufglimmen, ein Zucken eben, wie es der Titel des Stücks ankündigt.

Gesprochen wird auf Deutsch, Schwyzerdeutsch, Russisch und Arabisch. Sie schreien, flüstern, singen ihren Protest heraus. In den Textpausen entlädt sich die Wut in ungehemmten Tanzeinlagen oder körperlichen Attacken. Mit realen Boxhandschuhen reagieren sie ihre Wut mit Faustschlägen gegen fiktive Wände und real vorhandene Sessel ab, jagen sich in pantomimischen Fechtduellen über die ganze Breite der Bühne. Szenenüberschriften wie »Wüste«, »Wind« oder »Wohin« sind auf der Leinwand im Hintergrund zu sehen ebenso wie die Übersetzung eines arabischen Sinngedichts, das ein Junge einer Onlinepartnerin zusendet. An gleicher Stelle ist das im Wortlaut wiedergegebene Telefongespräch zu lesen, das der junge Dima aus dem Kampfgebiet in der Ostukraine mit seiner Familie führt. Später sieht man das glückliche Gesicht eines Mädchens mit Kopftuch, das ihren Lebenssinn im Wiederaufbau einer Schule in der Region gefunden hat.

Zu Beginn stürmen die Jugendlichen auf die Bühne, werfen sich auf Ledersessel, ohne dabei den Blick von ihren Handys zu nehmen. Ein junges Mädchen tritt hervor und erklärt mit heiligem Zorn, in Zukunft alles ablegen zu wollen, was man sie lehrte, nie wieder mit »Messer und Gabel am Tisch« essen zu wollen. »Außerhalb der Zeit« wolle sie fortan sein, in der Wüste, die sie »trägt wie eine Mutter«. Ihre Ausstiegserklärung wird lauthals und im rhythmischen Sprechgesang von der Gruppe wiederholt.

Dann unterhalten sich über eine Internetverbindung ein junges Mädchen und ein arabischer Junge - er lässig im Sessel fläzend, sie wütend auf und ab gehend am linken Rand der Bühne. Offensichtlich will sie vor ihrer ungeliebten Mutter fliehen und sich als Kämpferin dem Dschihad anschließen. Er überspielt ihr ein arabisches Gedicht, das dem Leser empfiehlt »abzuschalten«, und vertröstet sie auf ein Wiedersehen in einem Jahr. Offenbar sind ihm ihre Berichte von Polizeiverhören ebenso wie ihre Gewalt- und Amoklaufphantasien unheimlich geworden. Zurück bleibt ein Mädchen in Totalverzweiflung: »Mein Herz ist ein roher Fleischklumpen, und die Welt ist der Grill«. Sie ist eine Unberatene, die sich in Zukunft zwingen will, zum »Codex« zurückzukehren. Fast übergangslos fällt der Blick auf eine Gruppe, die im hämmernden Rhythmus einen fiktiven Widerpart attackiert, der seinen Frieden mit der Welt machen will und trotzdem in einen Amoklauf in einem Kaufhaus gerät. Diese Gruppe der Gleichgesinnten outet sich als terroristische Zelle und erklärt sich solidarisch mit den braven Bürgern, die mit »falschen Hoffnungen in einem falschen System« leben. Die Gruppe lädt die Bürger zur »Party der Unterbemittelten« ein.

Dem Gruppenauftritt folgt eine Reihe von Szenen um scheiternde oder erfüllte Partnersuche. Ein trotziges junges Mädchen fühlt sich von ihrem Freund »verarscht« und schlägt ihn mit gekonnten Faustschlägen zu Boden. Zwei junge Männer entdecken ihre Seelenverwandtschaft, weil sie in ihren Elternhäusern die gleichen nervenden Vorwürfe und Moralpredigten hören. Aus der seelischen Nähe wächst - für beide überraschend - die körperliche Berührung und sexuelle Erfüllung. Als hätte es für die Dramaturgie des Abends eines Zuwachses an Zukunftszuversicht gebraucht, folgen dann in Bild und Ton Berichte von der Ukrainefront und vom Wiederaufbau in Kurdistan. Die darin vermittelten Glücksmomente werden abschließend aufgegriffen von der Gruppe, die sich in ihrem Glauben an eine sinnvolle Alternative bestärkt fühlt. Die Jungen und Mädchen bekennen sich zur Alternative; sie wollen »einen Sinn finden oder gar nicht leben«. Nebeneinander im Sessel sitzend rufen sie ihre Zukunftsgewissheit in den Zuschauerraum: »Jeden Tag stehen wir auf und wissen wofür, wir tragen uns, halten uns.«

Bei aller sympathisch berührenden kollektiven Ausdrucksentschlossenheit, bei aller Glaubwürdigkeit der Behauptungen - die darstellerischen und inszenatorischen Mittel spielen sich bald leer. Noch so gekonnte Tanzeinlagen und Fechtimitationen können auf Dauer die individuelle Zeichnung von handelnden dramatischen Figuren und ihrem biografischen Hintergrund nicht ersetzen.

Nächste Vorstellungen: 3., 4. Juni

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