Diese Website verwendet Cookies. Wir können damit die Seitennutzung auswerten, um nutzungsbasiert redaktionelle Inhalte und Werbung anzuzeigen. Mit der Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Unsere Datenschutzhinweise.
Werbung

Unter entkommenen Sklaven

Martin Leidenfrost über eritreische Flüchtlinge, deren Sehnsucht nach Jerusalem und die Gewalt ägyptischer Schlepper

  • Von Martin Leidenfrost
  • Lesedauer: 4 Min.

Der Bus vom Flughafen Owda fährt ewig am neuen israelischen Grenzzaun entlang. Er ist 250 Kilometer lang, eine perfekte Asphaltstraße begleitet ihn, er schimmert silbern von den Bergrücken der Wüste. Diese Grenze war einmal offen, bis 2012 kamen etwa 35 000 eritreische Flüchtlinge über Ägypten nach Israel. Ich habe die Berichte bei mir, wie etwa 7000 von ihnen im Sinai drüben gekidnappt wurden. Beduinen, die so den traditionellen arabischen Handel mit schwarzen Sklaven wieder aufnahmen, hungerten die Eritreer aus, nötigten sie zu Zwangsarbeit, prügelten und quälten sie, hängten sie lebendig auf. Die Eritreerinnen vergewaltigten sie. Um Lösegeld zu erpressen, ließen sie ihre Opfer unter Folter ins Telefon schreien.

2012 sagte ein 17-jähriger Beduine der Organisation Human Rights Watch: »Ich kaufe sie für 10 000 Dollar, dieses Jahr habe ich schon 200 000 Dollar Profit gemacht. Drei von ihnen starben, weil ich sie zu heftig schlug. Bei mir im Viertel machen 15 Jungs dasselbe.« Eritreer in Israel, ist das eine europäische Expedition? Zunächst nur insofern, als die EU sie mit einer knappen Million Euro unterstützt.

Viele Eritreer leben in Eilat, am zwölf Kilometer schmalen Zugang Israels zum Roten Meer. Links sieht man Jordanien, dahinter Saudi-Arabien, rechts Ägypten. Erst neulich hat der lokale IS-Ableger im Nordsinai Christen massakriert und Raketen auf Eilat gefeuert; sie wurden abgefangen. Eilat ist ein ganzjähriger Badeort mit Delfinschau und umsatzsteuerfreiem Einkauf. Die Taue zur Begrenzung der kleinen eingehegten Schwimmzonen sind vermoost. Israel ist teuer, Eilat hat Gäste verloren.

Die eritreische Sonntagsmesse beginnt am Sabbat vor Sonnenaufgang. Ich betrete ihre koptisch-orthodoxe Kirche fünf Minuten zu spät, die eritreischen Familien sind um 6.05 Uhr schon versammelt, fast alle in weißes Tuch gehüllt. Am Eingang ziehen sie die Schuhe aus. Ich bekomme sogleich einen ihrer kinnhohen Stützstäbe gereicht und verstehe dies als Hinweis auf die Dauer der Messe. An der Größe der herumbalgenden Kinder ersehe ich, dass ihre Eltern alle nach 2007 gekommen sein mussten.

Die christliche Kunst, mit denen die Wände dicht behängt sind, erinnert häufig an die Herz-Jesu-Bilder, die auch mal in katholischen Bauernhöfen Mitteleuropas hingen. Ich mache in der Liturgie fast alles mit, das Knien mit der Stirn auf dem Boden und das Küssen der Ikonen. Die Zärtlichkeit der Eritreer müsste ich erst lernen, die tuchbedeckte Bibel etwa küssen sie auch mit Nase und Stirn, in Form eines blitzschnellen Abschmuddelns. Ihr Abendmahl begreife ich zunächst nicht - sie küssen die innere Handfläche eines Priesters. Da die Kidnapper im Sinai drüben Finger auszureißen pflegen, schaue ich manchmal bang auf ihre Hände.

Nach der fast dreistündigen Messe spreche ich mit einigen Gläubigen. Sie beschreiben mir Eritrea als einen Geheimdienststaat mit willkürlich langem Militärdienst, der unbezahlter Zwangsarbeit ähnelt. Sie bestreiten, dass der eritreische Diktator ihrer Kirche angehöre, er sei »Protestant« oder »Kommunist«. Sie erzählen, dass Israel ihnen anfangs »Refugees Welcome« zugerufen habe, dann wurde aber gegen Widerstand des Höchstgerichtes das »Anti-Infiltrationsgesetz« beschlossen. Es hat zur Folge, dass der ledige Tommy nun ein Jahr im Wüstenlager Holot rumsitzen muss. Vorher war er »Houseman« im »Leonardo Plaza«. Da Tommy so viel lächelt, kapiere ich nicht gleich, dass sein Bruder im Sinai ermordet wurde. »Sie riefen mich an, während sie brennendes Plastik auf seine Haut tropften. Sie wollten 40 000 Dollar. Ich wollte 10 000 überweisen, da warnten mich Eritreer aus dem Sinai: Tu das nicht, dein Bruder ist schon tot.« Die Kidnapper hätten beim Foltern gekifft.

Familienvater Micheale kam 2008, sudanesische und ägyptische Beduinen haben ihn »für 1500 Dollar geschleppt«. Drei aus seiner zwölfköpfigen Gruppe wurden von ägyptischen Uniformierten erschossen, drei verhaftet, zwei verwundet - »ich hatte Glück«. Die Eritreer in Eilat sprächen nicht über den Sinai, »ich weiß zum Beispiel nicht, ob meine Frau vergewaltigt wurde«. Da ich unter koptischen Christen rabiate Antisemiten kennengelernt habe, frage ich ihn: »Warum ausgerechnet Israel?« Er: »Wir lieben Juden. Bei uns will jeder einmal im Leben Jerusalem sehen.« Micheale geht in sein winziges Internetcafé arbeiten, und ich stelle fest, doch auf einer europäischen Expedition zu sein: Heute ziehen Eritreer durch die Wüste ans Mittelmeer, heute werden sie anderswo gefoltert.

Dieser Artikel ist wichtig! Sichere diesen Journalismus!

Besondere Zeiten erfordern besondere Maßnahmen: Auf Grund der Coronakrise und dem damit weitgehend lahmgelegten öffentlichen Leben haben wir uns entschieden, zeitlich begrenzt die gesamten Inhalte unserer Internetpräsenz für alle Menschen kostenlos zugänglich zu machen. Dennoch benötigen wir finanzielle Mittel, um weiter für sie berichten zu können.

Helfen Sie mit, unseren Journalismus auch in Zukunft möglich zu machen! Jetzt mit wenigen Klicks unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung

Solidarisches Berlin und Brandenburg

Corona ist nicht nur eine Gesundheitskrise. Es ist auch eine Krise des Sozialen. Wir beobachten alle sozialen und sozioökonomischen Entwicklung in der Hauptstadtregion, die sich aus der Verbreitung des Coronavirus ergeben.

Zu allen Artikeln