Als die Diplomatie auf vier Pfoten kam

In »Der Zoo der Anderen« erzählt Jan Mohnhaupt von der Rivalität zwischen Tierpark und Zoologischem Garten

  • Von Christian Baron
  • Lesedauer: 4 Min.
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Mit einem Mal waren die Fronten geklärt: In der Nacht zum 13. August 1961 begann der Bau der Berliner Mauer. Einer ihrer größten Fans dürfte Heinz-Georg Klös gewesen sein. Der Veterinärmediziner leitete seit 1958 den Zoologischen Garten in Berlin und kämpfte gegen einen Publikumsschwund, dessen Hauptgrund er im Ostteil der Stadt ausmachte. Drei Jahre zuvor war in Friedrichsfelde der Tierpark eröffnet worden, der bis heute zu den schönsten Landschaftszoos der Welt gehört und den der Zoologe Heinrich Dathe als Direktor frühzeitig als eines der beliebtesten Ausflugsziele der Stadt etablierte. Auch viele Westberliner zog es ab 1955 zur Tierschau eher in den Osten, denn der bot im Vergleich zum kriegsversehrten Betonklotz im Stadtteil Tiergarten weitläufige Freigehege und ein erholsames Flair. In deren Genuss sollten nach dem Abriegeln Westberlins fast nur noch die Einheimischen kommen, wodurch sich Klös in der marktwirtschaftlichen BRD nicht mehr in erster Linie an den Besucherzahlen messen lassen musste. Stattdessen nahm eine erstaunliche Rivalität ihren Lauf.

Denn ab sofort sollte die Konkurrenz zum symbolischen Stellvertreterkampf werden, der Klös und Dathe wider Willen zu Repräsentanten des jeweiligen politischen Systems machte. Merkwürdig, dass lange niemand diese besondere Geschichte des Kalten Krieges aufgeschrieben hatte. Der Journalist Jan Mohnhaupt, der jahrelang für eine Westberliner Lokalzeitung über den Zoo und den Tierpark berichtete, hat das in seinem Buch »Der Zoo der Anderen« nachgeholt. Seine chronologische Beschreibung bis 1990 ist vor allem eine jovial gestaltete Anekdotensammlung. Der 34-Jährige hat recherchiert, gesichtet und aufbereitet, was man ihm in Archiven und Gesprächen an Begebenheiten zugetragen hat. Da wäre etwa der Weißkopfseeadler, den der US-amerikanische Justizminister Robert Kennedy 1962 als Symbol der Freiheit für den Zoo mitbrachte und auf den Namen des damaligen Westberliner Bürgermeisters taufte. Eine Vorlage, die das SED-Zentralorgan »ND« natürlich annahm und genüsslich titelte: »Willy Brandt sitzt hinter Gittern.«

Weil die USA die Pandadame Chi Chi wegen ihrer chinesischen Herkunft nicht einreisen ließen, bot ein österreichischer Tierhändler den im Moskauer Zoo zwischengeparkten Bären 1958 dem Berliner Zoo ebenso an wie dem Tierpark. Während Klös zögerte, griff Dathe sofort zu und sorgte dafür, dass Chi Chi binnen drei Wochen 400 000 Besucher anlockte. Es sollte 22 Jahre dauern, bis Klös die beliebten Tiere auch in seinem Areal unterbringen durfte. Der damalige Bundeskanzler Helmut Schmidt hatte in China die Panda-Diplomatie für sich entdeckt und Klös gleich ein Bärenpaar mitgebracht. Ein politisches Zeichen des überzeugten Kalten Kriegers Schmidt, der mit dieser Entscheidung den sowjetischen Botschafter in Bonn gegen sich aufbrachte.

Beide Seiten reklamierten für sich, den besten, artenreichsten, schönsten Zoo zu haben. Dathe, weit weniger ideologiefest als Klös, schien einerseits cleverer darin zu sein, der Politik die Bedeutung des Tierparks für die Bevölkerung schmackhaft zu machen. Er hatte es andererseits aber auch viel leichter als Klös. Während der Westdeutsche mit Anfang dreißig die Leitung des deutschlandweit ältesten Zoos von der renommierten Katharina Heinroth übernahm, hatte Dathe in seinem Reich von Beginn an das Sagen. Er traf beim Aufbau des Tierparks auf beeindruckende Mithilfe der Berliner, auch in Politik und Wirtschaft löste der zweite Berliner Zoo einen Hype aus: Ein Bettenhersteller lieferte Störche, die Kinderzeitschrift »Bummi« spendete Giraffen, »Neues Deutschland« stellte einen Elefanten, der »VEB Kälte« und die »Konsumgesellschaft Köpenick« ließen jeweils einen Eisbären im Tierpark einziehen und vom Wachregiment der Stasi kamen zwei Brillenbären.

Mohnhaupt schreibt von all dem nicht nüchtern, er verfällt aber auch keiner Seite gegenüber in einen (bisweilen verführerisch naheliegenden) hämischen Ton. In Klös erkennt er einen machtbewussten Mann, der den Zoo aus schweren Zeiten herausmanövrierte. Dathe würdigt er als den vielleicht bedeutendsten deutschen Zoologen des 20. Jahrhunderts, der er trotz seiner schändlichen Absetzung im Jahr 1990 bleiben wird.

Gerade aus heutiger Sicht, da Zoo und Tierpark in Personalunion durch den steifen Bürokraten Andreas Knieriem geleitet werden, dürfte der Blick in die Vergangenheit bei betagteren Lesern nostalgische Gefühle wecken. Denn Klös und Dathe stellten ihren tierkundlerischen Ehrgeiz immer über betriebswirtschaftliche Ziele. Heute ist das anders: In ihrer Februarausgabe berichtete die Gewerkschaftszeitung »Ver.di Publik«, dass die Berliner Zoobeschäftigten republikweit am schlechtesten bezahlt werden. Das Einstiegsgehalt für Tierpfleger liege monatlich 330, für Kassierer und Kontrolleure sogar 360 Euro unterhalb der tarifvertraglichen Vereinbarung. Da Arbeitskraft hier so wenig zählt, wundert es nicht, dass Mohnhaupts kenntnisreiches Buch den Eindruck vermittelt, die Glanzzeiten beider Stätten seien trotz der weiterhin idealen Rahmenbedingungen vorbei.

Jan Mohnhaupt: Der Zoo der Anderen. Als die Stasi ihr Herz für Brillenbären entdeckte und Helmut Schmidt mit Pandas nachrüstete. Hanser Verlag. 304 S., geb., 20 €.

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