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Höllengeister zu Faschingsfiguren!

Keith Warner inszenierte an der Dresdner Semperoper Ferruccio Busonis »Doktor Faust« - am Pult: Tomáš Netopil

  • Von Irene Constantin
  • Lesedauer: 5 Min.

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Ferruccio Busoni hatte Großes vor, ganz große Oper und für die suchte er einen Helden. Wer könnte es werden? Der ewige Jude kam ihm in den Sinn, der Zauberer Merlin, auch Dante oder Leonardo da Vinci, schließlich Don Juan. Sie taugten alle nicht, Don Juan schon gar nicht. »Meister Wolfgang ist’s zu gut gelungen, für immer hat er diesen Sang gesungen«, reimte Busoni. Ein »Meister Wolfgang« hat zwar auch den von ihm schließlich auserkorenen Helden letztgültig besungen, aber musikalisch war mit der Figur durchaus noch was zu machen. »Doktor Faust« heißt Busonis Opus summum und handelt - Goethe bewusst meidend - von dem zauberkundigen Magister, Handleser, Abenteurer, Luft- und Feuerdeuter des alten Puppenspiels und der Tragödie des Christopher Marlowe.

Busonis großer Wurf, zu dem er auch das Textbuch schrieb, blieb jedoch unvollendet. Von seinem Schüler Philipp Jarnach komplettiert, wurde »Doktor Faust« 1925, ein knappes Jahr nach Busonis Tod, in Dresden uraufgeführt. Nun die Wiederauferstehung des legendären Wahrheits- und Glückssuchers samt seinem ewigen Widersacher auf derselben Bühne, in der Fassung des britischen Musikforschers Anthony Beaumont. Hatte bei Jarnach der Teufel das letzte Wort, so ist Faustens Seele bei Beaumont gerettet. Ein neu aufgetauchtes Skizzenblatt Busonis legt dies nahe.

Es wäre allerdings auch mehr als unpassend gewesen, hätte die Dresdner Neuproduktion ein böses Ende genommen, so wunderschön wie sie war. Der edle Spielort ist eine Art altgriechischer Tempelhalle, ein bis in die Tiefe der Bühne reichender Wald von kannelierten Säulen, die in den Bühnenhimmel fahren können und nach unten leuchten. Mal mehr, mal etwas weniger Säulen und einige Architektur-Versatzstücke ergeben die Ruine einer gotischen Kirche, den Hof des Fürsten von Parma, eine Wittenberger Kneipe, schließlich einen aufgeräumt öden Hinterhof. Ausgerechnet dort überträgt Faust am Ende seine Seele auf den neugeborenen Sohn einer Bettlerin. Weder Gott noch gar der Teufel kriegt sie.

Wenn Busonis Doktor Faust in die Opernhandlung eintritt, hat er das Problem mit Gretchen bereits hinter sich, aber wohl nichts daraus gelernt. Drei gespenstische Studenten aus Krakau bringen ihm ein Zauberbuch, und sofort beginnt er, damit die Hölle zu beschwören. Diese präsentiert ihm fünf Helfer; alle sind Faust zu langsam. Erst der sechste, ungebetene, wird engagiert, weil er so schnell ist wie der menschliche Gedanke. Was auch nötig ist, denn dem Faust sitzen seine Gläubiger auf der Pelle. Mephistopheles findet sich nach Unterzeichnung des bekannten Pakts bereit, sie ganz beiläufig zu eliminieren. Dasselbe Schicksal ereilt Gretchens Bruder, ausgerechnet in der Kirche. Fausts Kavalierstour zwecks Erkenntnis der Welt und der menschlichen Natur endet ebenfalls ziemlich tödlich. Sie führt an den Hof von Parma, wo der Fürst gerade heiratet. Faust verführt die Herzogin an ihrem Hochzeitstag.

Ein Jahr später wird Mephisto in einer Studentenkneipe zu Wittenberg diese Story zum Besten geben und dabei erwähnen, dass die Herzogin verstarb und Faust zum Abschied ihr Neugeborenes übergeben habe, das unterwegs aber leider auch gestorben sei. Auf das betretene Schweigen der Saufbrüder hin zeigt Mephisto ihnen das vermeintliche Kind. Es entpuppt sich als Strohpuppe - welche verbrannt wird. Aus dem Rauch entschwebt die schöne Helena, aber Faust kriegt sie so wenig zu fassen, wie es Busoni gelang, diese Szene zu komponieren, und dem Regisseur Keith Warner, sie zu inszenieren. Eine eher vollschlanke Platinblondine in grünschimmernden Leggins darf sich auf einer Tafel räkeln und soll so die Inkarnation des vollkommensten aller Weiber vorstellen. Zumindest dem weiblichen Teil des Opernpublikums werden sich einige Fragen aufgedrängt haben.

Eine Art von schimmernder Gelecktheit lag ohnehin über der ganzen Inszenierung. Wie hochglänzender Firnis glättete sie die mörderischen Kruditäten dieser fantastisch düsteren Weltfahrt, machte Höllengeister zu Faschingsfiguren und aggressive Spießer zu einer unbeholfenen Tanzgruppe. Alles sehr brav, bis auf Mephisto selbst. Die völlig pathosfreie Beiläufigkeit seiner Mordtaten, kontrastiert von beachtlichen Entertainment-Qualitäten, konnte einem doch gelegentlich den Atem verschlagen. Erheiternd wiederum das Auftauchen von Andy Warhol und Neil Armstrong, Einstein und Busoni selbst.

Die musikalische Vollendung des Schönen bot das Spiel der Dresdner Staatskapelle unter Tomáš Netopil. Busoni hat seine musikalische Stilrichtung »Junge Klassizität« genannt und damit den Klangcharakter des Werkes ideal beschrieben: frisch, offen, originell, aber weitestgehend schmerzfrei. Es ist eine Musik, die man im Hochglanz-Sound spielen kann, in auserlesenen Farben, die dunklen, unheimlichen, absichtlich banalen eingeschlossen, und zu jeder Szene im absolut richtigen Geschmack. Busoni beschwört eine enzyklopädische Vielfalt von Formen und Formeln der absoluten Musik herauf, Märsche und Tänze, ein Orchester-Adagio oder ein altmeisterliches Orgelstück. Busoni war Anti-Wagnerianer, seine Musik sollte nicht überrumpeln, sondern die Bühnenhandlung verstandesklar kommentieren. Ganz gelang das nicht; streckenweise ist sie doch sehr illustrativ und opulent.

Opulent auch die Sängerstimmen. Lester Lynch klang so mühelos und volltönend, als wäre die riesige Titelpartie des dreistündigen Werkes ein Spaziergang für Bariton. Nicht zu reden von den schwierigen Textmengen, die stimmgewaltig zu bewältigen waren. Aber selbst im langen Schlussmonolog noch immer eitel Wohllaut. Ganz gegen alle musikalischen »Faust«-Traditionen hat Busoni den Mephistopheles als hohen Tenor besetzt. Mark Le Brocq schmeichelte, giftete, tänzelte und fabulierte sich grandios durch diese höchst dankbare Rolle. Selbst zum Nachtwächter abgehalftert, durfte er noch ironische Untertöne produzieren. Manuela Uhl musste alles auf eine Karte setzen, auf eine einzige Überwältigungs- und Liebesarie. Sie gewann; nicht zu lyrisch, sondern mit genau dem Maß an Distanz, das Busoni wohl vorschwebte. Alles mit einem gehörigen Maß an mittelalterlichem Klang-Mystizismus zu umrahmen, gelang dem hervorragenden Dresdner Opernchor.

Nächste Vorstellung am 20.4.

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