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Siehe da, ein Mensch!

Arno Frank zeigt sich in seinem Romandebüt »So, und jetzt kommst du« überraschend empfindsam

  • Von Christian Baron
  • Lesedauer: 5 Min.

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Wer von dem linksliberalen Kulturjournalisten Arno Frank nur dessen Artikel aus der »Taz« oder von »Spiegel Online« kennt, der wird hinter dem Namen kaum einen sensiblen und bescheidenen Mann vermuten können. In vielen seiner Texte scheint eine ordentliche Portion Menschenhass durch. Immer salopp und oft sardonisch schreibt der Mittvierziger über Politik, Popkultur und besonders gerne über das Fernsehen. Er gehört zu den begnadeten Autoren, in deren Visier man selbst lieber nicht geraten will. Denn Frank schreibt nicht nur unterhaltsam, sondern auch apodiktisch: Er ist sich seines wie eine schnelle Folge pointiert gesetzter Peitschenhiebe über den jeweiligen Gegenstand herniederkrachenden Urteils meist absolut sicher. So sicher, dass es auch unter treuen Lesern welche geben dürfte, die sich diesen dampfwalzenden Stilisten nicht als nette Kneipenbekanntschaft vorstellen mögen.

Wie so häufig, zeigt sich bei genauerem Hinsehen auch dieser Draufhauer als einer, der schon viel einstecken musste. In seinem gerade erschienenen Buch »So, und jetzt kommst du« ist nicht nur die Schreibkunst des Arno Frank auf der Langstrecke zu genießen. Nein, der Autor offenbart sich als maximal empfindsam und zugleich minimal larmoyant. Während des Lesens kommt einem Napoleons spontane Reaktion beim ersten leibhaftigen Anblick Goethes in den Sinn: Siehe da, ein Mensch!

Auf dem Buchcover steht zwar »Roman«, und das Werk erfüllt auch alle für diese Bezeichnung notwendigen Kriterien. Der Verlag aber wirbt mit dem berühmten Slogan »Nach einer wahren Geschichte«. Arno Franks Ich-Erzähler, dessen Familienname mit dem des Autors identisch ist, geht 1984 in die neunte Klasse des Albert-Schweitzer-Gymnasiums in Kaiserslautern. Das ist eine besonders elitäre Schule in der kleinen Großstadt in Rheinland-Pfalz, in der auch Arno Frank geboren und aufgewachsen ist. Er war jedoch nicht Teil der hier sonst zum Abitur geprügelten Hochwohlgeborenen aus Anwalts-, Ärzte- oder Studienratshaushalten, sondern hat sich als eines von wenigen unter vielen begabten Arbeiterkindern dorthin gemogelt.

Der Vater des Ich-Erzählers ist ein mäßig begabter Gebrauchtwagenhändler namens Jürgen aus einem verschlafenen Vorort namens Hohenecken. Jürgen Frank träumt vom großen Geld und trichtert seinem Sohn allerlei Weisheiten ein, die auf eine völlig korrekte Analyse und total dämliche Konklusionen schließen lassen. »Von ehrlicher Arbeit ist noch nie jemand reich geworden«, lautet eine der klugen Einsichten. Eine bedenkliche Schlussfolgerung, die der Vorstadtgeschäftemacher unablässig wiederholt, ist diese: »Jeden Tag steht ein Dummer auf. Es gibt eben Dummköpfe. Man muss sie nur finden. Oder, besser noch, sich von den Dummköpfen finden lassen.« Seine Belehrungen garniert er gern mit dem Spruch »So, und jetzt kommst du«, der die eigene Gewitztheit unterstreichen soll.

Jürgen ist ein bauernschlauer Vorstadtgauner, der so genial zu sein glaubt wie Al Capone und der Hauptmann von Köpenick zusammen. Ein armer Tropf, der seine Minderwertigkeitskomplexe hinter Überheblichkeit versteckt und ständig dem Realitätsverlust anheimzufallen droht. Als der Vater seine dauerlächelnde Frau, die drei Kinder und die zwei Hunde in den hellgrünen Mercedes-Benz-Kombi der E-Klasse »aus dritter Hand« steigen lässt und allesamt mit quietschenden Reifen die Pfalz in Richtung Südfrankreich verlassen, da herrscht Gewissheit: Er ist ein Hochstapler.

Dessen Sohn lässt Arno Frank nun einen atemberaubenden Road-Trip erzählen, währenddessen lange niemand das Familienoberhaupt fragt, wo genau eigentlich der »Arsch voll Geld« herkommt, von dem der Vater immer redet. Der lässt die Franks monatelang in einem Luxus mit Villa, Pool, Vespa und Privatschule leben. Immer wieder gelingt gerade noch rechtzeitig die Weiterflucht vor der ihnen hinterherjagenden Polizei. Überhaupt, fragt sich der Erzähler, was ist das nur für eine Maßeinheit, »ein Arsch voll«? Bedeutet es, dass man bis ans Ende aller Tage in Saus und Braus leben kann oder lediglich, dass irgendwann die Kohle weg ist und der pfälzische Alltag zurückkehren muss?

An Stellen wie diesen entfaltet Arno Frank seine größte schriftstellerische Stärke, in der gleichzeitig eine Schwäche des Romans liegt. Das Buch schildert die wahnwitzigen Ereignisse aus der Perspektive eines Pubertierenden. Eine Herausforderung, der Frank sich nicht durchgängig gewachsen zeigt. Kann ein bestenfalls Vierzehnjähriger zufällig den Namen des »sozialistischen Präsidenten Portugals« kennen? Und welchem kleinen Jungen fallen gnadenlos poetische Sätze ein wie dieser: »Selbst auf der Fahrt zur Schule schaut mir das Meer über die Schulter.« Über seine dramaturgische Atemlosigkeit hinaus ist dieser Roman jedenfalls sprachlich glänzend komponiert.

Das trifft auf alle inhaltlichen Ebenen zu: Frank lässt seinen Helden beschreiben, wie folgerichtig die jedes neue Ungemach ins Unbewusste weggrinsende Mutter irgendwann zusammenbrechen muss. Und er findet die richtigen Bilder für den beklemmenden Emotionshaushalt des Protagonisten. Da räsoniert er über seine eigene, vielleicht ebenso unausweichlich traurige Zukunft. Oder er hört angststarr auf der Rückbank mit an, wie sein Vater im Angesicht des Einsturzes seines Lügengebäudes kurz darüber nachdenkt, das Auto mit allen Insassen gegen einen Brückenpfeiler zu steuern.

Wenn Arno Frank auch nur die Hälfte dessen wirklich erlebt hat, wovon er hier schreibt, dann hat der Journalist seiner Leserschaft neben wundersamen Lektürestunden auch einen Schlüssel zu seiner verletzten Seele geschenkt.

Arno Frank: So, und jetzt kommst du. Roman. Tropen Verlag. 352 S., geb., 22 €. Buchpremiere am Freitag, dem 31. März, um 20 Uhr im Roten Salon der Volksbühne in Berlin.

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