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Straßenschlachten nach erneuter Polizeigewalt in Paris

Chinese von Beamten im Einsatz erschossen / Gewalttätige Auseinandersetzungen in der Innenstadt

Erneut brennen in Paris die Straßen, erneut aus Protest gegen Polizeigewalt. Seit Montagmorgen veranstalten Demonstranten eine Mahnwache vor der Polizeipräfektur im 19. Arrondissement, die sich in den Abendstunden an zwei Tagen infolge zu heftigen Auseinandersetzungen mit der Polizei entwickelte. Schauplatz der Proteste ist diesmal kein Vorort, sondern ein multikulturell geprägtes Viertel der Pariser Innenstadt. Auslöser für die Proteste ist der Tod eines 56-jährigen Familienvaters chinesischer Abstammung während eines Polizeieinsatzes.

Unter welchen Bedingungen Shaoyo Liu von einem Beamten erschossen wurde, ist noch unklar. Am Sonntagabend wurde die Polizei zu einer Privatwohnung im Nordosten der Innenstadt gerufen, informiert von einem besorgten Nachbarn aufgrund eines »Familienstreits«. Der Nachbar habe von einem umherlaufenden Mann mit einem Messer in der Hand gesprochen. Die Polizei gibt an, Shaoyo Liu in der Wohnung vorgefunden zu haben. Er sei mit einer Schere auf die Beamten losgegangen. Ein Polizist habe dann aus Gründen der Selbstverteidigung geschossen, in der Folge starb Shaoyo Liu.

Die Familie des Opfers erzählte jedoch eine andere Version der Geschichte. Shaoyo Liu habe zwar eine Schere in der Hand gehabt, sei damit aber nicht auf die Polizisten losgegangen, sondern habe lediglich gekocht. Mit der Schere habe er gerade die Fische aufgeschnitten, als die Beamten in die Wohnung gekommen seien. Er sei vor den Augen seiner Kinder erschossen worden. Ohne Grund, gibt seine Tochter an. Die Polizei habe lautstark gegen die Tür gehämmert. »Ich habe gerufen: ‘Beruhigen Sie sich, nicht so laut’, aber sie haben nicht aufgehört. Sie haben die Tür aufgebrochen, ein Schuss hat sich gelöst und mein Vater lag auf dem Boden«, zitiert die Pariser Tageszeitung »Le Parisien« die Tochter des Opfers. Das Video der Erklärung von der Familie machte schnell auf Facebook die Runde.

Eine Nachbarin berichtet in der linksliberalen Tageszeitung »Libération«, der Nachbar habe psychische Probleme gehabt und sei bereits mehrmals durch den Wohnblock geirrt, weil er seine Wohnungstür nicht finden konnte.

Bereits im Laufe des Montags sammelten sich Menschen vor der Polizeipräfektur des 19. Arrondissements zu einer Mahnwache für den gestorbenen Mann und seine Familie. Die Mahnwache wird seither aufrecht erhalten. In der Nacht auf Dienstag wurden bei den Auseinandersetzungen 35 Demonstranten festgenommen. Am Dienstagabend radikalisierten sich die Proteste weiter. »Lasst die Gefangenen frei« wurde skandiert, ebenso »Gerechtigkeit für Shaoyo Liu« und »Polizei: Mörder!«. Auf der »Villa Curial« sammeln sich viele jungen FranzösInnen chinesischen Hintergrunds zusammen, die das Viertel stark prägen, sowie radikale Linke und besorgte StudentInnen.

»Die Frage des Abends war nicht wirklich, ob es zu Auseinandersetzungen mit den Sicherheitsbeamten kommen würde, sondern eher wann«, beschreibt ein Beobachter der »Libération« die angespannte Stimmung. Zwei Kommunalabgeordnete chinesischen Hintergrunds hätten anfangs noch versucht, die Menge zu beruhigen, doch ohne Erfolg. Als die Straßenkämpfe nach mehreren Flaschenwürfen und der Explosion eines Feuerwerkskörpers losbrachen, hätten die Politiker die Straße verlassen. Die Polizei habe Tränengas eingesetzt.

Bereits im Februar war es in Paris zu starken Protesten gegen Polizeigewalt gekommen, nachdem ein junger Schwarzer bei einer Festnahme im Vorort Bobigny verprügelt und mit einem Polizeiknüppel vergewaltigt worden war. Damals hatten rund 2000 wütende BürgerInnen »Gerechtigkeit für Théo« gefordert und zwei Wochen lang Autos angezündet und sich Straßenschlachten mit der Polizei geliefert. Als Antwort lockerte die französische Regierung Mitte Februar die Regeln für den Schusswaffengebrauch in der Polizei. Die Beamten dürfen sich seither »in Notwehrsituationen« nach einer Vorwarnung einfacher mit ihrer Waffe verteidigen.

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