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Die zweite Hälfte der Welt

Im Kino: »I Am Not Your Negro« von Raoul Peck

  • Von Caroline M. Buck
  • Lesedauer: 4 Min.

Selten war die Montage von zwei Bildern so monströs erhellend wie diese: Im ersten Filmclip steht Doris Day in einer ihrer klassischen Komödien kurz vor der Entjungferung, Sternenglanz in den Augen, Glitzer am weichgezeichneten Kleid, die Flasche Sekt schon in der Hand, die gleich entkorkt werden soll. Im zweiten hängt eine Frau in Lumpen an einem Baum, den Strick um den Hals, den Kopf auf der Brust, der Körper baumelnd. Jung, schwarz, gelyncht, eines von vielen Opfern eines andauernden Prozesses, die Sklavenhaltermentalität mit den ihr innewohnenden Attributen Besitzstandsdenken und Gewaltbereitschaft aus den Köpfen und Aktionen weißer Amerikaner zu vertreiben.

Es ist Raoul Peck, der diese beiden Bilder gegenüberstellt, aber nicht er hat die Gegenüberstellung erdacht - sie stammt aus den Schriften von James Baldwin. Baldwin war Autor, Denker, Schwulenrechtler, ein afroamerikanischer Aktivist des Wortes, ein New Yorker, der lange (und lange reuefrei und ohne jedes Gefühl von Heimweh, wie er selbst zu Protokoll gab) in Südfrankreich lebte, wo er 1987 verstarb. Peck, großbürgerlich in New York aufgewachsen, auf Haiti geboren, später Spiel- und Dokumentarfilmregisseur mit internationaler Karriere und sozial relevanten Themen, hat über Lumumba Filme gemacht, über den Genozid in Ruanda und natürlich immer wieder über Haiti. In Baldwins Schriften, so schreibt Peck zu seinem Film, habe er die Argumente gefunden, die Analysen, die Einsichten, die ihm sein eigenes Leben zwischen den Fronten und Kulturen erst erklärlich machten.

Baldwin war so etwas wie der Ta-Nehisi Coates seiner Zeit, ein wütender, aber dabei weiter kühl analysierender Intellektueller, der sich und den Anderen (so sie denn zuhören mochten) sein und ihr Leben erklärte, seine schwarzen und ihre so ganz anderen weißen Erfahrungen - und die fundamentale Ungleichheit, auf der die Divergenz schwarzer und weißer Lebenserfahrung in den USA basiert. Baldwins Skizze zu einem unvollendeten Buch über drei seiner Freunde, die er an weiße Mörder verlor - Medgar Evers im Jahr 1962, Malcom X 1965, Martin Luther King Jr. 1968 - , bildet den Kern von Pecks Film. »Remember This House« hätte das Werk heißen sollen, aber über ein paar Dutzend Seiten kam es bis zu Baldwins Tod nicht hinaus. Um diese Skizze gruppiert Peck (der mit Unterstützung von Baldwins Familie und Nachlasswaltern filmte) Auszüge aus früheren Texten des Denkers.

Die lässt er lesen zu Bildern, die mal den Mann selbst zeigen, mal die später ermordeten Freunde, mal die Zeitläufte ganz allgemein. Peck nahm sich dabei Freiheiten mit der Bildebene: Die historischen Bilder wurden verändert, verfärbt, vergrößert, spezifische Details entfernt oder hervorgehoben, immer mit dem Ziel, sich die Deutungshoheit für die eigene Geschichte und Geschichtswahrnehmung von den etablierten Geschichtsinterpreten, sprich: der nicht in Frage gestellten weißen Mehrheitsmeinung, zurückzuerobern. Manchmal spricht James Baldwin auch selbst, vor der Kamera, ein eloquenter Talkshowgast und öffentlicher Redner. Einer, der für sich einstehen kann - und für andere. Wortgewandt, mit einem expressiven Gesicht und einem Auftreten, das man nicht so schnell vergisst. Ein Schreiber für die Rechte von Afroamerikanern, aber auch für Schwulenrechte, mit Reden und Texten von großer sprachlicher Präzision und Wucht.

Ende dieses Jahres jährt sich Baldwins Todestag zum dreißigsten Mal. Dass seine Worte heute so aktuell sind wie eh und je, ist ein trauriger Beweis für die Richtigkeit einer von Baldwins grundsätzlichen Thesen: Amerikas Geschichte und die Geschichte der Sklaverei, das ist ein und dasselbe - und eine schöne Geschichte ist das nicht. Peck setzt die Parallele zu heutigen Skandalen, zur heutigen Reaktion darauf in seinen Bildern fort, von der Lynchjustiz zu Baldwins Zeiten bis zu den Toten der jüngsten Jahre, die zur organisierten Gegenwehr und zu Black Lives Matter führten. »I Am Not Your Negro« war einer von drei Dokumentarfilmen zum Thema, die in diesem Jahr für einen Oscar nominiert wurden. Ein Film, der jeden Preis verdient hätte.

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