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Milde frech

Jewgeni Jewtuschenko

  • Von Friedemann Kohler
  • Lesedauer: 3 Min.

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Für sein Gedicht über Babi Jar wird Jewtuschenko dermaleinst in den Himmel kommen« - das schrieb die Zeitung »Die Welt« 2003 über den russischen Dichter Jewgeni Jewtuschenko. Es ist sein berühmtestes Werk.

1961 erregte Jewtuschenko weltweites Aufsehen: Er schrieb über den 1941 von den Deutschen verübten Massenmord an den Kiewer Juden in der Schlucht von Babi Jar - ein Verbrechen, das auch in der Sowjetunion aus Antisemitismus verschwiegen wurde. Es war mutig, dass der Russe Jewtuschenko sich an die Seite der Opfer stellte: »Ich bin alt heute, so alt wie das jüdische Volk. Ich glaube, ich bin jetzt ein Jude.«

Doch Anfang der 1960er Jahre konnte man so etwas in der Sowjetunion sagen. Es herrschte ein neuer, etwas freierer Geist, der Diktator Josef Stalin war 1953 gestorben. Der Sibirier Jewtuschenko, geboren 1932, wurde zu einer prägenden Stimme dieses kulturellen Tauwetters. Mit seinen Dichterkollegen Andrej Wosnessenski und Bella Achmadulina, seiner ersten Frau, stand er für eine neue Generation von Poeten.

»Stalins Erben« überschrieb Jewtuschenko 1963 ein anderes wichtiges Gedicht. Die Hinterlassenschaft des Diktators spuke noch in den Köpfen herum, warnte er. »Verdoppelt die Wachen, verdreifacht sie vor diesem Grab! Damit Stalin für immer darinnen bleibt«, schrieb er.

Im lyrikbegeisterten Russland sind Dichter schon immer mehr als Dichter gewesen, und Jewtuschenko war über Jahrzehnte so etwas wie der Popstar der russischen Poesie. Wenn er seine Gedichte vortrug, ein großgewachsener, hagerer Mann mit singender Stimme, dann lauschten ihm Hunderte und Tausende.

»Verse klangen in voller Stimme von der Bühne herab, sie brachten das Land zum poetischen Nachdenken über das Leben, wurden zur Atemluft für mehrere Generationen« - so erinnert sich Nina Jagodinzewa vom russischen Schriftstellerverband an Jewtuschenkos Lesungen.

Die Freiheit des Tauwetters hatte aber ihre Grenzen, die sowjetische Kulturpolitik wurde wieder frostiger, und Jewtuschenko übte sich wie viele seiner Generation in Kompromissen. In seinen Werken spielte er auf sowjetische Bürokratie, auf Zensur und Geschichtsverfälschungen an, setzte sich für verfemte Kollegen ein. Aber anders als etwa der Literaturnobelpreisträger Alexander Solschenizyn brach er nie mit dem System. »Milde frech gegen die Obrigkeit, doch gleichzeitig privilegiert« - so charakterisierte »Die Welt« Jewtuschenko.

Der Schriftsteller schuf auch Prosa und Drehbücher und arbeitete als Regisseur. In Deutschland wurde er mit seinen autobiografischen Romanen »Stirb nicht vor deiner Zeit« (1994) und »Der Wolfspass. Abenteuer eines Dichterlebens« (2000) bekannt.

Mit dem Zerfall der Sowjetunion 1991, dem Beginn der armen und unruhigen Reformjahre in Russland verloren die Schriftsteller an Bedeutung. Deshalb lebte und lehrte Jewtuschenko ab 1992 immer wieder auch in den USA an der Universität von Tulsa in Oklahoma. Dort ist er am Samstag mit 84 Jahren verstorben. dpa/nd

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