Der islamische Klischeereport

Der preisgekrönte Journalist Constantin Schreiber hat Moscheen in Deutschland besucht und daraus ein sehr selektives Bild gestrickt

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Es gibt Themen mit weniger Konfliktpotenzial als die Frage, was in deutschen Moscheen gepredigt wird. Und vieles deutete darauf hin, als hätte die ARD mit Constantin Schreiber eine gute Wahl getroffen, um das Thema anzugehen. Schreiber spricht arabisch, hat in vielen Ländern des Nahen Ostens gearbeitet. Mit seiner mit dem Grimme-Preis ausgezeichneten Sendung »Marhaba« erarbeitete er sich den Ruf eines Vermittlers zwischen Flüchtlingen und Deutschen. Im Minenfeld der Islamberichterstattung galt er bisher als gleichermaßen kompetent wie unverbraucht. Das dürfte sich seit letztem Montag geändert haben.

Da strahlte die ARD den ersten Teil von Schreibers »Moscheereport« aus. Die beiden weiteren Ausgaben laufen am 24. April und am 22. Mai. »Wer predigt dort, wer geht dort hin, was wird dort gepredigt und welche Rolle spielen Moscheen bei der Integration von Muslimen in die deutsche Gesellschaft?«, wollte der frisch ernannte Tagesschau-Moderator wissen und besuchte 13 der rund 2500 deutschen Moscheen. Fremd sei diese Welt, erklärt er zu Anfang und tut in den folgenden 15 Minuten alles, damit dem Zuschauer diese Welt noch fremder erscheint. »Es ist eine Schwelle, die nur wenige Deutsche überschreiten«, macht Schreiber gleich im ersten Satz die Fronten klar: Hier die Deutschen, dort die Muslime.

Schreibers erste Station ist die Hamburger Al-Nour-Moschee. Die Moschee nahe des Hamburger Hauptbahnhofs böte viel Material, um die Frage zu beantworten, was Moscheen zur Integration beitragen. Politiker priesen sie immer wieder als Bollwerk gegen Salafismus. Als sich im Herbst 2015 Hamburgs Behörden mit der Menge neu ankommender Flüchtlinge überfordert zeigten, bot die Moschee jede Nacht Hunderten Obdach und Verpflegung. Auch aufgrund ihr erfolgreichen Integrationsarbeit hat sich die Mitgliederzahl in den letzten Jahren versiebenfacht. Von all dem erfährt der Zuschauer des Moscheereports nicht. Stattdessen interessieren Schreiber auch im anschließenden Studiogespräch nur zwei Fragen: Warum spricht der Imam nicht besser Deutsch und warum beten Frauen und Männer getrennt? Sicherlich wichtige Fragen, aber reichen sie aus, um die Bedeutung der Moschee für die über 2000 Gläubigen zu bewerten?

Auch der nächsten Station nähert sich Schreiber mit einer Mischung aus gespielter Naivität und Abenteuerlust einer Safari-Expedition: »Berlin Neukölln. Die Gegend gilt als Problembezirk«, erklärt Schreiber, um im nächsten Satz die passende Erklärung anzubieten: »70 Prozent der Kinder haben einen Migrationshintergrund.« Mehrmals erfährt der Zuschauer, dass die Dar-as-Salam-Moschee vom Verfassungsschutz beobachtet wird. Dass dies in der Berliner Politik als nicht unumstritten gilt, die Moschee immer wieder für ihre Jugendarbeit gelobt wurde, der Imam der Moschee für seinen Einsatz gegen Extremismus im Jahr 2015 den Verdienstorden des Landes Berlin erhielt, erfährt der Zuschauer nicht.

Stattdessen nimmt ein Großteil des weiteren Beitrags die Rede des Imams Abdelfattah Mourou ein. Der tunesische Gastprediger fordert seine Zuhörer auf, den Dialog mit Nicht-Muslimen zu suchen. Er erzählt, dass Gläubige in Deutschland mehr Religionsfreiheit genössen als in seiner Heimat. »Was wollt ihr denn mehr?«, ruft er ins Mikro. Man könnte die Rede als leidenschaftliches Plädoyer für Integration interpretieren. Schreibers Kommentar stattdessen: »Das klingt alles sehr liberal…. Ich frage mich, ob das anders ist, wenn keine TV-Kamera dabei ist.« Es ist eine Logik, nach der die Muslime nur verlieren können: Entweder sind sie demokratiefeindlich und geben es zu. Und wenn sie es nicht tun, verstellen sie sich.

Es ist bezeichnend, dass die einzige Stelle der Predigt, die Schreiber im anschließenden Studiogespräch Anlass für ausgiebige Kritik gibt, sich später als Falschübersetzung entpuppt. Aus »150 000 Türken«, die als Gastarbeiter nach Deutschland kamen, macht Schreiber »150 000 Soldaten«. Vermutlich ist dies auch der Grund, warum die ARD den Beitrag mittlerweile kommentarlos aus ihrer Mediathek entfernte.

Wer dennoch wissen will, was sich hinter den Türen deutscher Moscheen verbirgt, dem sei die Studie des Osnabrücker Religionssoziologen Rauf Ceylan »Die Prediger des Islam« oder ein Gang in die nächste Moschee empfohlen. Die Türen stehen offen. Auch für Deutsche.

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