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Lässige, gehässige Elftklässler

Freitags Wochentipp: Das Melodram »Nackt«, in dem es um gehackte Nacktfotos und Mobbing geht

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Was wir wissen: Seit Mittwoch war Annemarie Carpendale fast überall in Fernsehland zu sehen, um Boulevardmüll à la »taff« zu verkaufen. Dabei hatte man doch wochenlang mit giftgrüner Plakatwerbung gedroht, wenn an dem Tag das terrestrische Fernsehsignal DVB-T durch die modernisierte Version T2 ersetzt werde, seien bundesweit die Bildschirme schwarz. War gar nicht so, das Leben ging einfach weiter.

Allerdings würde man sich gelegentliche Sendepausen durchaus wünschen, angesichts einer kommerziellen Programmoffensive der besonderen Art. RTL nämlich legt allen Ernstes sein einst maßgebliches Comedy-Format »RTL Samstag Nacht« neu auf. Dicht gefolgt wird die öde Witzelei von - kein Witz! - der Serie »Ein Schloss am Wörthersee«, für die Roy Black vermutlich exhumiert oder geklont wurde.

Und dann ist auch noch Harry Wijnvoords »Der Preis ist heiß« zurück in der privaten Lostrommel. Von der Rückkehr des Hütchenspielers Salvatore (»Pronto Salvatore«) scheint der frühere Marktführer RTL offenbar nur noch einen Eventdreiteiler-Flop entfernt zu sein.

Womit wir beim Sender Sat1 wären, der auch schon bessere Zeiten erlebt hat. Aber eben auch weit schlimmere.

Am Dienstag (20.15 Uhr) wird von dem Melodramensender das neueste Melodram namens »Nackt« ausgestrahlt. Für Begriffsstutzige ist der Film mit »Das Netz vergisst nie« untertitelt. »Nackt« handelt von der Teenagerin Lara, von deren Handy Nacktbilder, die sie von sich für ihren ersten Freund gemacht hat, gehackt werden. Die Fotos tauchen plötzlich im Internet wieder auf. Die Folge: Brutalstmögliches Mobbing, das der Hacker nur für ein Lösegeld zu beenden vorgibt, was natürlich nicht passiert, woraufhin es zu einer Eskalation kommt, die Laras Familie weit an den Abgrund zerrt.

Wie so oft, wenn in der Glotze die Jugend zum Thema gemacht wird, strotzt hier nur alles so vor Klischees, wie es typisch ist für Sat1: von den lässig verwahrlosten Nerds über die poppig-kühlen Cyberkriminalitätsbullen bis hin zu einer Schule, die scheinbar nur aus gehässigen Elftklässlern besteht. Dass der Film dennoch überzeugt, liegt vor allem an der Schauspielerin Felicitas Woll, die Laras Mutter Charlotte verkörpert.

Die verzweifelt trotzige Mutter verbeißt sich so glaubhaft in den Kampf um Rehabilitation, dass man ihr als Zuschauer regelrecht durch den Flatscreen hindurch zur Hilfe eilen will.

Der Regisseur von »Nackt« heißt Jan Martin Scharf. Anders als in der Fernsehserie »Club der roten Bänder«, für die Scharf das Drehbuch mitverfasst hat, gibt es hier keine starken Kinder, dafür aber starke Frauen wie Charlottes Leidensgenossin Amal (grandios: Jasmina Al Zihairi). Gezeigt wird, wie brutal die Freiheit des Netzes mit der des Individuums kollidiert. Trotz aller Plattitüden haben wir es also hier mit einem sehenswerten Film zu tun.

»Nackt«, Sat1, Di., 20.15 Uhr

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