Werbung

Jewöhnlich rejnet’s jräßlich

Was ist eigentlich der Berliner für eine Type? Ein neues Buch versammelt Berlinerische Lyrik von 1830 bis heute

Echt jetzt? Ihr wollt Geld von mir?

Ja, herrgottnochmal, es kostet!

Auch, wenn's nervt – wir müssen die laufenden Kosten für Recherche und Produktion decken.

Also, mach mit! Mit einem freiwilligen regelmäßigen Beitrag:

Was soll das sein

Wir setzen ab sofort noch stärker auf die Einsicht der Leser*innen, dass linker Journalismus auch im Internet nicht gratis zu haben ist – mit unserer »sanften« nd-Zahlschranke.

Wir blenden einen Banner über jedem Artikel ein, verbunden mit der Aufforderung sich doch an der Finanzierung und Sicherstellung von unabhängigem linkem Journalismus zu beteiligen. Ein geeigneter Weg besonders für nd-Online-User, die kein Abo abschließen möchten, die Existenz des »nd« aber unterstützen wollen.

Sie können den zu zahlenden Betrag und die Laufzeit frei wählen - damit sichern Sie auch weiterhin linken Journalismus.

Aber: Für die Nutzung von ndPlus und E-Paper benötigen Sie ein reguläres Digitalabo.

Seit sein Städtchen im 19. Jahrhundert praktisch über Nacht zur europäischen Metropole wurde, ist es der Berliner gewohnt, dass die Welt zu ihm kommt und um ihn herum ein mächtiges Gewese entfacht. Halb schmeichelt es ihm, halb steht er mit spöttischen Unverständnis davor. Hanseatische Geschäftigkeit ist ihm ebenso fremd wie der rheinische Permafrohsinn, auch sieht er als preußischer Atheist keinen Grund, sich vom scheinbar Erhabenen blenden zu lassen. Na, is ja allet jut soweit, sagt er, nu komm man wieder runter.

Der Berliner ist ganz sutsche aus der osteuropäischen Tiefebene herausgewachsen, die mit Brandenburg beginnt und die noch jeden Hochfahrenden, bis hin zu Napoleon, zur Strecke gebracht hat. Der Berliner, in Ermangelung eines Meeres, hat keine rechte Vorstellung von der Welt da draußen, und das muss er auch nicht. Sie poltert ja rund um die Uhr durch die Straßen seiner kleinen Stadt.

Selber selten damit beschäftigt, den Trubel voranzutreiben, hat er ihn doch mit elefantöser Neugier auf seinen Geist wirken lassen, und all die Jahre hat er die Kunst perfektioniert: Im Kopf viel schneller zu sein als alle anderen. Den Beweis tritt er jederzeit gern an. Unter Berlinern zu leben, ist oft, als würde man ohne Skriptkenntnis in eine Sitcom geworfen. In seinem Witz, in seiner Schlagfertigkeit ist der Berliner ganz und gar undeutsch, und in aller Heimlichkeit ist dieser Witz, mit dem er sich praktisch allen Zugereisten überlegen zeigt, sein ganzer Stolz. Möglicherweise rührt selbst die oft beschriebene, selten erlebte Berliner Ruppigkeit von hier: Wenn ihm in einer persönlichen Begegnung doch mal keine Pointe einschießt, haut er wenigstens eine kleine Beleidigung raus. So bleibt er im Gefecht. Und hat immerhin, durch unangemessenes Sozialverhalten, doch einen komischen Moment geschaffen.

Die Berliner Schnauze wird dabei ja meist missverstanden: Was als eine misanthropische Grundhaltung fehlinterpretiert wird, ein ewiges Anranzenwollen, ist oft einfach Ausdruck einer gesunden Neugier. Der Berliner sieht dich, und er findet dich für den Moment interessant. Und da es eben doch eine schnelle Welt ist, schießt er lieber rasch eine kleine Provokation auf dich ab, gar nicht mal als Angriff, eher als Erkundungssonde: Wie wird die Type da reagieren? Hast du Geistesgegenwart genug und eine anregend gepfefferte Replik, hast du dir oft schon erste Zuneigung gesichert. Und der Berliner will ja eigentlich nur kurz eruieren, ob sich nähere Beschäftigung mit dir lohnen könnte. Was dabei oft vergessen wird: Der herzhafte Berliner Umgangston schafft in der großen Stadt unmittelbar eine familiäre Atmosphäre. Wo sonst als im Kreise seiner Liebsten würde man sich denn wohl ruckzuck anpampen?

Wie gut, dass es jetzt zur allgemeinen Erbauung dieses Buch gibt: »Ick kieke, staune, wundre mir. Berlinerische Gedichte von 1830 bis heute«, herausgegeben von Thilo Bock, Wilfried Ihrig und Ulrich Janetzki.

Das Berlinerische ist ja eine zu sprechende Sprache, zum Gebrauch auf der Straße und in Kaschemmen gedacht, jede brillante Replik im Moment ihrer Entstehung auch schon wieder vergangen. Durch die Zeiten hat es glücklicherweise immer wieder Autoren gegeben, die der Berliner Klappe Verse entnahmen. Ein Roman auf Berlinerisch ist kaum vorstellbar, er würde auch gar keinen Sinn machen. Als Erzählstimme taugt es kaum, keine Ortsbeschreibung, keine seelische Zustandsbeschreibung würde auf Berlinerisch funktionieren. Als Figurensprache hingegen ist es schon oft eine enorme Bereicherung gewesen - man denke nur an Falladas Rike in »Ein Mann will nach oben«, die mit ihrer robusten Frechheit den Roman über weite Strecken trägt. Man denke an Fils klassischen Comic »Didi und Stulle«, der über Jahrzehnte dem Stadtmagazin »Zitty« den urigen hiesigen Humor verlieh, der weniger auf teutonisches Schenkelklopfen aus ist als auf eine Weltverzerrung, die sowohl Erheiterung als auch Erhellung anbietet. Für das Sozialgedicht und das Couplet ist das Berlinerische ein wahrer Segen, und es ist kein Zufall, dass die erste Zentralfigur der Berliner Poesie im 19. Jahrhundert der »Eckensteher« ist, ein Gelegenheitsarbeiter auf Zuruf, der selten etwas zu tun und dafür umso mehr Zeit hat zu kieken.

»Det beste Leben hab’ ick doch / Ick kann mir nich beklagen, / Pfeift ooch der Wind durch’s Ärmelloch, / Det will ick schonst verdragen« (Adolf Glaßbrenner, Lied der Eckensteher). So ist der Berliner zunächst einmal nur da, mit seinem Kümmel, ohne philosophisches Brennmaterial, ohne großartigen Antrieb, seine große Zeit als Beobachter soll erst noch kommen.

Einen ersten Höhepunkt erlebt er, als es ihn versehentlich einmal in die Welt hinausbefördert. 1870 wird allgemein gen Frankreich gezogen, der Berliner zieht mit. Niemand ist berufener, aus all dem patriotischen Feldzug-Tamtam ein wenig die Luft herauszulassen. In »Wie wir Metz erobern« lässt Julius Lohmeyer sein berlinerndes Ich nichts weiter tun als wochenlang auf Wiesen herumzuliegen, um die belagerte Stadt herum: »Es is eine schöne Jejend / Um diese Festung hier, / Und wenn’s manchmal nich rejent, / Dann sieht man was von ihr. // Jewöhnlich rejnet’s jräßlich / Und jießt daneben her, / Und ist das Wetter häßlich, / Dann pladdert’s noch viel mehr. // Man liegt auf Wiesenrändern / Um das Jehügel rings - / (Will man sich mal verändern, / Dann lejt man sich nach links - ).«

So berlinert er sich durch die Welt, kommt nach Haus und nimmt hin, dass sein preußischer König nun auf einmal Kaiser und eine Weltmacht ist. Von jetzt an wird der Blick des Berliners zum Instrument nationaler Selbstwahrnehmung und auch für uns Nachgeborene zu einem wichtigen Korrektiv der aufgeblasenen Historienschreibung: Immer wieder ist er den Autoren der Kaiserzeit und in der ersten Republik eine willkommene Hilfe, alles mal ruhig eine Nummer kleiner zu kochen, zu sagen, dass der Kaiser nackt ist - oder gerne auch Medienkritik zu betreiben. Was uns heute das böse Gluten, von dem man bis vor Kurzem nichts gehört hatte und das uns nun intensiv bedroht, das waren dem wilhelminischen Berliner die gerade entdeckten, allgegenwärtigen Mikroorganismen. Acht muntere Verse lang raffen sie bei Alexander Moszkowski alles, alles dahin: »Les’ ick da, det äußerst jiftig / Heutzutag Vanillen-Eis; / Früher aß man’s mit mit Verjnügen / Jeden Sommer massenweis’; / Heute is selbst die Vanil᠆le / Vom Bazillenherd bedroht, / Schmecken dhut se ausjezeichnet, / Aber nachher is man dot. // (...) // Holste dir ’nen netten Schmöker / Aus de Leihbibliapothek’, / Kriegste gleich’n Schock-Milliarden / Von Mikroben uf’n Weg; / Kommste uf de vierte Seite, / Wirste im Jesichte rot, / Uf der fünften kriegste’s Fie᠆ber, / Bei der sechsten biste dot.«

Hier sind wir erst auf Seite 126, und es kommt noch so viel. Tucholsky kommt, Erich Mühsam kommt, Klabund, Friedrich Hollaender, Mascha Kaléko, Wolfgang Neuss, Farin Urlaub ... und, ach! Muss man mehr sagen? Bald 500 Seiten großer und wieder zu entdeckender, gebürtiger und gelernter Berliner, und sie alle eint diese lakonische Liebe zum Leben in all seiner Gerütteltheit, gegen jedes Pathos vollkommen immun. Sagen wir, wie es ist: Ohne den Berliner wäre das Land arm. Wäre teutsch-tumbem Effizienzdenken, seiner Rechthaberei, seiner Ampelwarterei wehrlos ausgeliefert. Im Berliner aber lebt das achselzuckende Amüsement, das Treibenlassen. Die Freude am Dasein und das tiefe Wissen um dessen Ironie. Er braucht keine Masterpläne, keine Visionen, keinen Großflughafen. Sind ja genügend kleine da. Und wieso sollte er auch wegfliegen wollen? Die Welt kommt eh her.

Thilo Bock, Wilfried Ihrig, Ulrich

Janetzki (Hrsg.): Ick kieke, staune, wundre mir. Berlinerische Gedichte von 1830 bis heute. Die Andere Bibliothek, 450 S., geb., 42 €.

ndPlus

Ein kleiner aber feiner Teil unseres Angebots steht nur Abonnenten in voller Länge zur Verfügung. Mit Ihrem Abo haben Sie Vollzugriff auf sämtliche Artikel seit 1990 und helfen mit, das Online-Angebot des nd mit so vielen frei verfügbaren Artikeln wie möglich finanziell zu sichern.

Testzugang sichern!