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Tierwohlinitiative bringt kaum Verbesserungen im Stall

Die umstrittene »Initiative Tierwohl« gerät durch die Veröffentlichung einer internen Studie erneut unter Druck

  • Von Robert D. Meyer
  • Lesedauer: 4 Min.

Wie viel Tierschutz steckt wirklich hinter dem Tierwohllabel? Nicht sehr viel, wie nun Recherchen des »Bayerischen Rundfunks« und der »Süddeutschen Zeitung« offensichtlich bestätigen. Interne Unterlagen der »Initiative Tierwohl«, einem privaten Zusammenschluss von Fleischindustrie, des Einzelhandels und der Landwirtschaftslobby, sollen zeigen, dass das Label auch vom Branchenbündnis in erster Linie als PR-Maßnahme gedacht sei.

Bei dem Tierwohllabel dürfte es sich inzwischen um das am weitesten verbreitete Siegel handeln, das den Verbrauchern suggeriert, mit einem kleinen Beitrag etwa für »artgerechtere« Haltung von Schwein und Huhn zu tun. Immerhin wird das Label von den Großen der Lebensmittelbranche unterstützt: Aldi und Lidl sind ebenso dabei, wie Edeka, Rewe, Real und Penny.

Doch der Teufel steckt wie so oft im Detail: Verbraucherschützer hatten bereits zum Start der Initiative vor zwei Jahren bemängelt, dass das Tierwohllabel nicht hält, was es suggeriert. So heißt es auf so mancher Fleischverpackung laut Verbrauchzentrale beispielsweise vollmundig: »Mit dem Kauf von Fleisch und Wurst von Schwein, Pute und Hähnchen aus unserem Sortiment unterstützen Sie den Wandel zu einer tiergerechteren Haltung.«

Entscheidend ist allerdings der nachfolgende Hinweis auf dem Etikett:

»Diese Information bedeutet nicht, dass die erworbenen Produkte bereits vollständig aus teilnehmenden Betrieben der Initiative stammen.«

Tierschutzverbände und Verbraucherschützer warnten deshalb bereits zur Markteinführung des Labels, Kunden könnten letzteren Hinweis übersehen, zumal dieser unklar lässt, ob das gekaufte Produkte nun die geforderten Tierschutzstandards bereits erfüllt oder nicht.

Die Befürchtungen dürften sich bestätigen, wie interne Unterlagen nun zeigen. Bereits vor eineinhalb Jahren hatte das Meinungsforschungsinstitut Schöttmer im Auftrag der Geflügelwirtschaft die Wirkung des Siegels auf die Verbraucher untersucht. Demnach glaubte die Hälfte der Befragten, tatsächlich ein Produkt zu kaufen, mit dem etwas für mehr Tierschutz getan würde. Laut »SZ« und »BR« heißt es in der Studie sogar, viele Konsumenten fühlten sich »abgeschreckt von so viel Text« und es handelte sich um »unreflektierte« Verbraucher, die beherzt zu Produkten mit dem Tierwohlsiegel griffen. Ironisches Detail: In den Unterlagen wird eindringlich davor gewarnt, ein Schaden für die »Initiative Tierwohl« drohe am wahrscheinlichsten mittels einer »Entlarvung durch die Medien«.

In den internen Papiere zeigt sich auch, dass die teilnehmenden Landwirte offenbar darauf bedacht sind, ihrerseits die Kosten für »mehr Tierschutz« möglichst gering zu halten. Umgesetzt würden vor allem Forderungen, die wenig kosten. Für gerade einmal vier Cent pro verkauften Kilo Fleisch, so viel bringt die Teilnahme an der Initiative, kann ohnehin wenig erwartet werden, bemängeln Tierschützer. Die hatten sich schon frühzeitig aus der Zusammenarbeit verabschiedet. Als letzte Tierschutzorganisation verließ »ProVieh« im Oktober 2016 die »Initiative Tierwohl«. Das Urteil damals hätte kaum vernichtender ausfallen können: »Das Projekt ist gescheitert.«

Die neuesten Enthüllungen dürften Bundesagrarminister Christian Schmidt (CSU) ungelegen kommen, soll die bisher privatwirtschaftlich organisierte »Initiative Tierwohl« doch der zentrale Partner von Schmidts geplantem staatlichen Tierwohllabel werden. Kritiker haben ohnehin längst den Verdacht, damit wolle der Agrarminister das angeschlagene Projekt per Gesetzeskraft retten. Eine wirkliche Verbesserung würde das staatliche Label allerdings auch nicht bedeuten. In vielen Punkten geht es kaum über bereits gesetzlich geltende Mindestanforderungen hinaus.

So soll Schmidts Siegel unter anderem in der Schweinemast Spielzeug zur Beschäftigung und permanenten Zugang zu Raufutter garantieren. Ersteres ist in der deutschen Nutztierhaltungsverordnung längst vorgeschrieben, auch Stroh sieht eine EU-Richtlinie vor. Lediglich eine Neuerung würde es mit dem staatlichen Label geben: Statt 0,75 Quadratmeters für ein 100 Kilogramm schweres Mastschwein würde es in Zukunft einen Quadratmeter geben. Einem Bioschwein stehen laut EG-Ökoverordnung übrigens 2,3 Quadratmeter Platz im Stall zur Verfügung. Die Tierschutzorganisation »Animal Rights Watch« urteilt dazu: Ein 100 Kilogramm schweres Mastschwein werde deshalb »wahrscheinlich nicht bedeutend glücklicher« sein. Wie glücklich kann es dann erst mit dem Tierwohllabel werden?

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