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Die zerschnittene Landschaft

Um Wohnungsbau, Landwirtschaft und natürliche Umwelt unter einen Hut zu bringen, ist ein intelligentes Nutzungsmanagement nötig. Forschungsprojekte dazu gibt es. Von Benjamin Haerdle

  • Von Benjamin Haerdle
  • Lesedauer: 7 Min.

Es ist ein Problem in Deutschland: Bundesweit zerschneiden der Bau von Straßen, neue Bahntrassen oder neue Siedlungen die Landschaft - und damit nicht nur die Lebensräume vieler Tier- und Pflanzenarten, sondern auch wichtige Wanderwege, über die sich isoliert lebende Populationen vernetzen können. Das Bundesamt für Naturschutz (BfN) will nun dagegen angehen und hat das Bundeskonzept »Grüne Infrastruktur« vorgelegt. Es soll sämtliche Daten und Konzepte für den Erhalt der biologischen Vielfalt und Ökosystemleistungen bündeln. Zur »Grünen Infrastruktur« zählt das BfN etwa Nationalparks, Naturschutzgebiete, Natura-2000-Flächen, das Grün in Städten und Siedlungen sowie Flussauen. »Intakte Auen tragen erheblich zur Hochwasservorsorge und zur Reinigung der Gewässer und des Trinkwassers bei«, sagt BfN-Präsidentin Beate Jessel. Die Auen an Deutschlands Flüssen würden Reinigungsleistungen etwa bei Phosphor und Stickstoff mit einem Gegenwert von jährlich 500 Millionen Euro erbringen. »Deshalb ist es auch aus ökonomischer Sicht dringend geboten, beim Bau von Straßen oder Schienenwegen auf Natur und Landschaft Rücksicht zu nehmen«, betont sie.

Doch wie das so ist bei Konzepten und Programmen ohne gesetzliche Vorgaben: Die Umsetzung der hehren Absichten geht oft nur schleppend voran. Erinnert sei etwa an den bundesweiten Biotopverbund. Dieser sollte länderübergreifend zehn Prozent der Flächen als wichtige Lebensräume für Wildtiere sichern. So sah es die im Jahr 2007 verabschiedete Nationale Strategie zur biologischen Vielfalt für das Zieljahr 2010 vor. Den Worten folgten bislang kaum Taten. Gemäß des im Februar novellierten Bundesnaturschutzgesetzes wird nun das Jahr 2027 angepeilt. Gleichzeitig allerdings torpediert eine eher unscheinbare Novelle des Baugesetzbuches, die im März den Bundestag passierte, den Flächenschutz. Demnach dürfen Deutschlands Gemeinden bis Ende 2021 dank einer Ausnahmeregelung bis zu einem Hektar (ha) Fläche pro Ortsteil beschleunigt ausweisen. Das heißt: keine frühzeitige Unterrichtung der Öffentlichkeit, keine Umweltprüfung und keine naturschutzfachlichen Ausgleichsmaßnahmen. Dieser neue Paragraf 13b sollte nach Meinung des Sachverständigenrats für Umweltfragen (SRU) umgehend gestrichen werden. »Wir dürfen beim Flächenverbrauch keine Rückschritte machen«, warnte SRU-Mitglied Lamia Messari-Becker. Mögliche Auswirkungen hat CSU-Umweltpolitiker Josef Göppel berechnet, der im Bundestag gegen das Gesetz stimmte. Seiner Rechnung nach ergeben sich bei deutschlandweit 11 162 Gemeinden mit durchschnittlich 30 Ortsteilen 335 000 Baumöglichkeiten. Wenn nur die Hälfte der Gemeinden davon Gebrauch machten, so Göppel, würde der tägliche Flächenverbrauch von derzeit 66 auf 117 ha pro Tag nahezu verdoppelt. »Das ist ein massiver Verstoß gegen den Koalitionsvertrag, in dem Union und SPD die Reduzierung auf 30 Hektar pro Tag beschlossen haben«, kritisiert Göppel.

Doch nicht nur in Deutschland sorgt man sich um den Flächenverbrauch, der trotz vieler Lippenbekenntnisse anhaltend hoch bleibt. Global diskutieren Wissenschaftler, wie sich Flächen nachhaltig und damit sinnvoll nutzen lassen: zur Rettung der Artenvielfalt, zur Ernährung der Weltbevölkerung, zum Schutz des Klimas oder zum Erhalt sauberen Wassers. 75 Millionen Euro nahm das Bundesforschungsministerium (BMBF) im Jahr 2009 in die Hand, um das Förderprogramm »Nachhaltiges Landmanagement« zu finanzieren, das im Dezember ausläuft. Insgesamt rund 600 Wissenschaftler beteiligten sich in zwölf Forschungsprojekten daran, jeweils koordiniert von einer deutschen Hochschule oder Forschungseinrichtung. Für die Kulunda-Steppe in Sibirien entwarf zum Beispiel ein von der Universität Halle geführtes Wissenschaftlerteam ökologische und ökonomische Strategien, wie eine nachhaltige Landnutzung des Graslands aussehen könnte. Auf den Philippinen und in Vietnam analysierten Forscher unter Federführung des Helmholtz-Zentrums für Umweltforschung (UFZ) Halle in einem weiteren Projekt, unter welchen Bedingungen ökologischer Reisanbau wirtschaftlich rentabel sein kann. In Deutschland entwickelten Forscher im Projekt Comtess, koordiniert von der Universität Oldenburg, Maßnahmen, dank derer man dem Anstieg des Meeresspiegels an Nord- und Ostsee durch ein nachhaltiges Landmanagement an der Küste begegnen kann.

In dem Projekt Innovate beschäftigten sich rund 100 brasilianische und deutsche Wissenschaftler im Nordosten Brasiliens damit, negative Auswirkungen eines 4,7 Kilometer langen Staudamms für Mensch und Natur zu lindern. Im Jahr 1988 wurde dort der Fluss São Francisco aufgestaut, 40 000 Menschen wurden umgesiedelt. Das Bauwerk brachte viele Probleme mit sich: Die Wasserqualität des Flusses und des Stausees verschlechterten sich durch den Eintrag von Pestiziden und Nährstoffen; das Trinkwasser geriet in Gefahr, Fischer bangten um ihren Fang, landwirtschaftliche Flächen in der semi-ariden Region drohten zu versalzen, ehemals fruchtbare Böden gingen verloren. »Die Folgen, die der Staudammbau für die Menschen und die Landschaft hatte, wurden nicht richtig durchdacht«, sagt Johann Köppel, Projektsprecher und Leiter des Fachgebiets Umweltprüfung und Umweltplanung an der TU Berlin.

Einer der deutschen Wissenschaftler, der in dem Projekt Innovate in Brasilien forschte, ist der Pflanzenökologe Arne Cierjacks von der Technischen Universität Berlin. »Ein wichtiger Aspekt unserer Arbeit war, Lösungen zu schaffen, die die Menschen vor Ort auch umsetzen können«, sagt er. Um zum Beispiel nachhaltige Beweidung in den dortigen Trockenwäldern zu ermöglichen, habe man mit den lokalen Farmern Methoden entwickelt, wie sie ihre Ziegen auf den Flächen weiden lassen und gleichzeitig die Artenvielfalt schützen können. Gezeigt hat sich, dass Farmer beim Anbau von Kokosnüssen oder Bananen auf Pestizide verzichten können, wenn sie im Randbereich der Felder die krautige Vegetation stehen lassen, damit sich dort Fraßfeinde von Schädlingen wie etwa Amphibien und Reptilien ansiedeln können. Und auch bei dem für die Region existenziellen Thema Wassermanagement konnten die Wissenschaftler mit ihrer Expertise helfen - etwa beim zentralen Problem, den Wasserstand im Stausee so hoch zu halten, dass Bewässerung für die Landwirtschaft möglich ist. »Gemeinsam mit Wasserbehörden und Staudammbetreibern haben wir Modelle entwickelt, die helfen sollen, die Wasserversorgung aus dem Stausee langfristig zu sichern«, sagt Cierjacks.

Derlei handlungsorientierte Lösungsansätze, die Wissenschaftler und Praktiker in den zwölf BMBF-Projekten erarbeiteten, finden sich in dem Buch »Making sense of research for sustainable land management«, das das UFZ als Mitherausgeber auf der Weltbiodiversitätskonferenz im vorigen Dezember im mexikanischen Cancun präsentierte. Zusammen mit einer Datenbank und mit Videos sollten so innovative Maßnahmen des Landmanagements über viele Regionen der Welt hinweg kommuniziert und umgesetzt werden, sagt Ralf Seppelt, Landschaftsökologe am UFZ in Leipzig. Das von ihm geleitete Projekt Glues (Global Assessment of Land Use Dynamics, Greenhouse Gas Emissions and Ecosystem Services) soll Ergebnisse des BMBF-Vorhabens auf den Punkt bringen. Das hat viele Aspekte, etwa für die Biodiversität, den Klimawandel oder die Frage der Ernährungssicherheit, wenn bis zum Jahr 2050 knapp zehn Milliarden Menschen den Planet Erde bevölkern werden. »Eine entscheidende Erkenntnis ist, dass der Spagat zwischen einer nachhaltigen Landnutzung und der Ernährungssicherheit für die Menschheit gelingen kann«, sagt Seppelt. Zumindest prinzipiell sei das möglich: Etwa 5000 Kilokalorien pro Person produziert die Landwirtschaft derzeit weltweit, nötig wären aber durchschnittlich nur 2500 Kilokalorien. »Wir produzieren also doppelt so viel wie wir benötigen«, sagt er. Ein Problem sei, dass viele Nahrungsmittel durch Mängel bei Lagerung und Transport verloren gingen.

Doch den Verlust an Nahrungsmitteln einzudämmen, ist nur ein möglicher Lösungsansatz. Ein anderer ist, das zur Verfügung stehende Land nachhaltiger zu nutzen. Das ist bislang nicht unbedingt der Fall. Erosion, der Verlust organischen Kohlenstoffs, verdichtete Böden oder Versalzung reduzieren die Fruchtbarkeit der Böden. »Jedes Jahr schädigt der Mensch zwölf Millionen Hektar Land durch Abholzung, Überweidung, Intensivierung der Landwirtschaft, Luftverschmutzung und Verstädterung«, schrieb die Wissenschaftlerin Jessica Davies vom Environment Centre der britischen Universität Lancaster mit Verweis auf Zahlen der UN-Wüstenkonvention unlängst im Fachblatt »Nature«. Diese Fläche sei so groß wie Bulgarien. Ihre Botschaft: Boden ist ein gemeinsames Gut und essenzielle Ressource. »Mit der Unterstützung der Wissenschaft, der Politik, der Zivilgesellschaft und der Wirtschaft muss man sicherstellen, dass Boden nicht wie Dreck behandelt wird«, appellierte sie.

Um zu bewerten, wo weltweit eine landwirtschaftliche Intensivierung überhaupt noch möglich ist, haben Glues-Forscher am UFZ globale Landnutzungsmuster aus Daten zu Landwirtschaft, Umwelt, Klima und Sozioökonomie entwickelt. Demnach ist in weiten Teilen Westeuropas oder den USA eine Ertragssteigerung kaum mehr möglich. Extensive Anbauflächen etwa in China, Indien und Teilen Russlands machen weltweit rund elf Prozent der Landfläche aus. Dort wäre eine Intensivierung noch möglich, aber nur unter bestimmten Voraussetzungen. »Eine zunehmende Technisierung in Form großer Erntemaschinen und Intensivierung der Landwirtschaft in Gebieten in Afrika, China oder Indien sind nicht die optimalen Lösungen, um möglichst große Ertragssteigerungen zu erzielen«, sagt Seppelt. Biologische Vielfalt sei die Grundlage für eine stabile Produktion von Nahrungsmitteln und damit letztlich unsere Lebensgrundlage. Eine technische Substitution könne dazu führen, dass unser Ökosystem eher anfälliger für Störungen werde. Letztendlich, das meint UFZ-Forscher Seppelt, müsse der Mensch aber vor allem eines akzeptieren: »Die Ressource Fläche ist beschränkt.« Und da sich die Erträge nicht ins Unermessliche steigen ließen, müsse man mit der limitierten Fläche sinnvoll und nachhaltig umgehen.

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