Werbung

Wir sind die Parallelgesellschaft

Im Heimathafen Neukölln tobt ein »Klassenkampf« der anderen Art

  • Von Volkmar Draeger
  • Lesedauer: 4 Min.

Echt jetzt? Ihr wollt Geld von mir?

Ja, herrgottnochmal, es kostet!

Auch, wenn's nervt – wir müssen die laufenden Kosten für Recherche und Produktion decken.

Also, mach mit! Mit einem freiwilligen regelmäßigen Beitrag:

Was soll das sein

Wir setzen ab sofort noch stärker auf die Einsicht der Leser*innen, dass linker Journalismus auch im Internet nicht gratis zu haben ist – mit unserer »sanften« nd-Zahlschranke.

Wir blenden einen Banner über jedem Artikel ein, verbunden mit der Aufforderung sich doch an der Finanzierung und Sicherstellung von unabhängigem linkem Journalismus zu beteiligen. Ein geeigneter Weg besonders für nd-Online-User, die kein Abo abschließen möchten, die Existenz des »nd« aber unterstützen wollen.

Sie können den zu zahlenden Betrag und die Laufzeit frei wählen - damit sichern Sie auch weiterhin linken Journalismus.

Aber: Für die Nutzung von ndPlus und E-Paper benötigen Sie ein reguläres Digitalabo.

Sie, die Dozentin für Gesellschaftswissenschaften, wollte uns von der Geschichte der Arbeiterbewegung gesättigten Studenten die Mitschrift erleichtern: »Klaka« könne man jenes lange Wort abkürzen. Dabei waren doch in der DDR die Klassen theoretisch abgeschafft, Kampf daher nicht nötig. Ein paar Dekaden später haben wir ihn. Zumindest auf der Bühne des Heimathafens tobt der »Klassenkampf«. Logisch ergibt er sich aus den Neuköllner Verhältnissen, wie Autorin Constanze Behrends sie in Text und Regie widerspiegelt.

Und das geht so: Frau Karl beaufsichtigt Schüler, weil einer eine Waffe gekauft hatte, die anderen Graffiti geschmiert und den Unterricht geschwänzt hatten. Ein mehrtägiges Gerüst ist die Schule, weil die Sanierung seit sieben Jahren nicht vorangeht. Samir mit Migrationshintergrund ist King der Schule. Er kontrolliert, was passiert, handelt mit Drogen, ist ungebärdig: »Fick das System!«, rappt er. Ein Girl putzt ein Foto von Karl Marx, dessen Namen die Schule trägt, ohne dass jemand weiß, wer das ist. Ein toter Dichter? Frau Karl klärt auf, denn sie war, wie man später erfährt, Lehrerin für Staatsbürgerkunde in der DDR, ist heute Hausmeisterin und bessert per Minijob ihre Rente auf.

Auch Sozialpädagoge Schreiber möchte den Schülern helfen - mit einer Radtour. Als sich eine Frau vom Schulamt ankündigt, sollen sie Reden über Missstände an der Schule vorbereiten: nach Cicero! Wohl nicht die richtige Methode. Die Gitarre, mit der Schreiber aufrütteln will, schlägt Samir zu Kleinholz. Die Direktorin hat vor der Gewalt längst kapituliert: 87 Prozent der Schüler NDH, nicht deutscher Herkunft, gebe es, drei kurdische Jungs haben sie in die Toilette gestopft. Krieg sei in der Schule, das treibe zu viele Lehrer in den Burnout. Im Fall Rütli habe die Politik reagiert. Drei Prozent NDH fehlen der Marxschule zum »Glück«, beachtet zu werden. Für eine neue Schule sei das Leid zu klein, klagt sie im Tangorhythmus.

Mehr Verständnis und pädagogisch die besseren Karten hat Frau Karl. Als sie Samir mit Drogen erwischt, heißt ihr Urteil: Du gehst in den Unterricht, oder ich zeige dich an. Denn sie weiß Bescheid. Als Samirs Mutter psychisch am Boden lag, hat Karl bei ihnen gekocht und die kleine Schwester mit versorgt. Stück um Stück individualisiert sich auch das Schicksal der anderen Schüler. Rosa kommt aus Polen, die Eltern lassen sich scheiden und rangeln ums Kindergeld, nicht um das Kind. Die Eltern des belesenen Lex aus dem Kosovo kommen mit Deutschland und dem Verlust ihrer Heimat nicht klar. Das schweißt die zwei Schüler zusammen.

Auch die anderen haben Talente, glauben jedoch nicht daran, und niemand macht ihnen Mut. Da hilft der Zufall. Ein wütend umgestoßenes Regal muss aufgestellt werden, wobei sich ein Band von Marx anfindet. Was »Proletarier aller Länder, vereinigt euch!« bedeutet, erklärt Frau Karl und erzählt ihre Geschichte, wie sie an ein Ideal geglaubt hat. Das berührt alle.

Samir liest Marx, denn ein bisschen Ideologie schadet nie. Und System-abschaffen wäre doch was. Zumal die vom Schulamt nur dussliges Zeug quatscht. Das tritt den Aufstand los. Wir sind die Unterdrückten, die Parallelgesellschaft, verkündet Samir: Durch Marx aufgewacht, übernehmen wir die Macht! Transparente werden entrollt, rote natürlich. Kommunistisches Territorium nennt sich das Schulgelände fortan. Da kommen die Medien, geil nur auf eine fette Story. Ein Interview mit dem naiven Lex wird perfide in Richtung terroristisch verfälscht, die Polizei rückt an. Obwohl Frau Karl gewarnt hatte, Kommunismus sei bloß ein Sozialismus mit zu großer Eile.

Die von der Macht euphorisierten Kämpfer feiern mit Drogen und finden schließlich Zustimmung. Ihr Traum einer auf Gleichheit beruhenden Schule scheint wahr zu werden, mit Frau Karl als neuer Direktorin. »Wacht auf, wacht auf, neue deutsche Jugend, wacht auf«, schmettern alle maliziös Fähnchen schwenkend dem Saal entgegen. Mit ein bisschen DDR im Rücken und viel Humor nimmt zumindest im Musical der Klassenkampf für Freiheit Fahrt auf. Dank auch einem wunderbar engagierten Multikulti-Ensemble und zündenden Rap-Rhythmen.

Nächste Vorstellungen: 19., 20. April im Heimathafen, Karl-Marx-Straße 141, Neukölln

ndPlus

Ein kleiner aber feiner Teil unseres Angebots steht nur Abonnenten in voller Länge zur Verfügung. Mit Ihrem Abo haben Sie Vollzugriff auf sämtliche Artikel seit 1990 und helfen mit, das Online-Angebot des nd mit so vielen frei verfügbaren Artikeln wie möglich finanziell zu sichern.

Testzugang sichern!

9 Ausgaben für nur 9 €

Jetzt nd.DieWoche testen!

9 Samstage die Wochenendzeitung bequem frei Haus.

Hier bestellen