Werbung

Das Bühnenbild der Kindheit

Jochen Schmidt läuft gegen den Uhrzeiger

Seit der Berliner Schriftsteller Jochen Schmidt sich vor einem Jahrzehnt in Marcel Prousts Mammutwerk hineingewurmt hat, scheint er sich ganz der Suche nach seiner eigenen verlorenen Zeit verschrieben zu haben. Und er ist vielfach fündig geworden. Seinem wälzerdick-wunderbaren Lektüretagebuch »Schmidt liest Proust« (Voland & Quist, 2008) folgte eine Reihe von Titeln, aus denen immer deutlicher Schmidts Begabung hervortrat, eine Welt aus lauter Dingen und Begebenheiten erschaffen zu können, die irgendwann einmal da waren, inzwischen aber ein Schattendasein in den Rumpelkammern des Gedächtnisses fristen.

Nun ist Schmidts Meisterstück in dieser Disziplin erschienen. Es heißt »Zuckersand« und nennt sich ein Roman. Das ist insofern irreführend, als eine Handlung im engeren Sinne sich darin zwar durchaus ereignet, jedoch auf wenige Minuten an einem Spätwinternachmittag beschränkt: Der Ich-Erzähler verlässt mit seinem zweijährigen Sohn Karl die Wohnung, um die von der Arbeit heimkehrende Mutter von der Bahn abzuholen; ein Vorgang, der kaum eine Stunde in Anspruch nehmen dürfte. Das ist alles.

Das ist alles? Von wegen. Zwischen Wohnungstür und Bahnhofstreppe liegen hier nämlich nicht einfach nur eine Apotheke, eine Baustelle, ein Spielplatz, sondern an jedem einzelnen dieser Orte ein Universum aus Vergangenheit und Gegenwart, das erkundet und ausgeschritten werden will. Dank Karl, der »sich benahm, als sei die Welt für ihn erschaffen worden«, öffnen sich auch die Augen des Vaters für lauter Schönheiten, Bizarrerien und verschüttete Details des kunterbunten Lebens, die einem gewöhnlichen Erwachsenen schon deshalb verborgen bleiben, weil er ständig auf irgendein Ziel hinstrebt. Der Weg bleibt dabei auf der Strecke.

Ein gewöhnlicher Erwachsener ist Karls Vater auch ohne Kind kaum gewesen. Wir begegnen in diesem Richard einem Sonderling von beinahe autistischem Format. Seine Liebe zum Detail paart sich mit einem assoziativen Denken, das fortwährend vom Offensichtlichen abschweift, um auf Erinnerungsschätze zu stoßen. In seiner Wohnung hat er eine »Wunderkammer« voller erstaunlicher Sammelstücke eingerichtet, die sich nun allerdings als Haupthindernis für das geplante Zusammenziehen mit Freundin und Söhnchen erweist. Richards sensibles Interesse an den Funktionen und vor allem Dysfunktionen des eigenen Körpers hat ein derart hypochondrisches Ausmaß erreicht, dass er ständig ein Zipperlein kultiviert. Und wo sich ein Türspalt zum Wortwitz auftut, kommt er nicht umhin, die ganze Pforte aufzureißen: »Aus der Kirche austreten ist besser, als in der Kirche austreten.«

Sein Lebenswerk aber ist die Arbeit an einer Studie über die Schönheit, »wobei ich in den letzen Jahren etwas vom Kurs abgekommen bin«. Schuld daran ist nicht nur der Brotjob als Werbetexter für den Katalog von »Die neue Hausfrau« (»Man muss lernen, wie der Feind zu denken«), sondern vor allem die bedingungslose Bewunderung für den kleinen Sohn. »Seit vielen Monaten«, heißt es, »betrachte ich nun fast rund um die Uhr Karl, dessen Schönheit mich bis zur Erschöpfung verblüfft.« Die Sorge, dass »das Bühnenbild von Karls Kindheit« einmal so erbarmungslos abgerissen werden würde wie das der eigenen, ist ihm Anlass, es möglichst lückenlos zu dokumentieren.

Dass die Eltern des Kleinkinds längst ein »Karl-Museum« aufgebaut haben, in dem jeder abgelegte Nuckel aufbewahrt wird, versteht sich von selbst. Schließlich war schon Richards Vater im »Zentral᠆archiv für Archivwesen« beschäftigt, und seine Freundin, Karls Mutter, arbeitet in der Denkmalschutzbehörde. Richard seinerseits ist »davon überzeugt, dass man nicht nur Gebäude oder Monumente unter Denkmalschutz stellen sollte, sondern auch alte Fahrradständer, Stahlrohr-Klettergerüste, Gullydeckel, Farbnuancen verrosteter Garagentüren oder die letzten Spuren jahrzehntealter rot-weißer Warnbemalung, die man manchmal noch an Bordsteinkanten findet«. Seine Obsession für das Aufbewahren und schreibende Festhalten all dessen, an dem der Zahn der Zeit gierig nagt, erklärt er so: »Ich kann mich schwer von Dingen trennen, die mich zum Überleben brauchen.«

Jedem der vierzehn Buchkapitel ist eine Zeichnung von Line Hoven vorangestellt, die mit viel Fingerspitzengefühl einen der Gegenstände festhält, den Schmidts Erzähler Richard sodann heraufbeschwört. Den Schutzumschlag des Buches hat Hoven gestaltet wie ein Ausmalbild für Erwachsene. Von der Lektüre beflügelt, will man sofort zu den Buntstiften aus Kindertagen greifen. Wo sind sie bloß geblieben?

Jochen Schmidt: Zuckersand. Roman. C.H. Beck, 208 S., 18 €.

Dieser Artikel ist wichtig! Sichere diesen Journalismus!

Besondere Zeiten erfordern besondere Maßnahmen: Auf Grund der Coronakrise und dem damit weitgehend lahmgelegten öffentlichen Leben haben wir uns entschieden, zeitlich begrenzt die gesamten Inhalte unserer Internetpräsenz für alle Menschen kostenlos zugänglich zu machen. Dennoch benötigen wir finanzielle Mittel, um weiter für sie berichten zu können.

Helfen Sie mit, unseren Journalismus auch in Zukunft möglich zu machen! Jetzt mit wenigen Klicks unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung

Solidarisches Berlin und Brandenburg

Corona ist nicht nur eine Gesundheitskrise. Es ist auch eine Krise des Sozialen. Wir beobachten alle sozialen und sozioökonomischen Entwicklung in der Hauptstadtregion, die sich aus der Verbreitung des Coronavirus ergeben.

Zu allen Artikeln