Schmerzen aus dem Nichts

Häufig gehen unklare Beschwerden von Menschen auf den Nocebo-Effekt zurück

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Als der 26-jährige US-Amerikaner Derek Adams von seiner Freundin verlassen wurde, wollte er nur noch eins: sterben. In seiner Not schluckte er 29 Kapseln eines Antidepressivums, die er als Teilnehmer an einem Medikamententest kurz zuvor erhalten hatte. Adams fing an zu zittern, atmete heftig, schwitzte. Dann jedoch bereute er plötzlich seinen Entschluss und ließ sich in die Notaufnahme fahren, wo er kollabierte. Nach einigen Stunden stellten die Ärzte dort fest, dass Adams im Rahmen der Studie gar kein Antidepressivum erhalten hatte, sondern nur Placebo-Kapseln ohne Wirkstoff. Als der vermeintliche Suizid-Patient davon erfuhr, verschwanden seine Symptome innerhalb von Minuten.

Dieser im Fachblatt »General Hospital Psychiatry« geschilderte Fall steht exemplarisch für einen Effekt, dessen moderate Wirkungen vermutlich schon viele an sich verspürt haben. Die Rede ist vom Nocebo-Effekt (lateinisch nocere = schaden), der sich unter anderem in den Reaktionen des Körpers auf äußere Einflüsse zeigt, von denen man glaubt, dass sie gesundheitsschädigend seien. Beispiel Elektrosmog: Immer mehr Menschen hegen die Befürchtung, dass von elektromagnetischen Wellen eine Gefahr für Leib und Leben ausgehe. Und nicht nur das: Personen, die in der Nähe von Mobilfunkmasten oder anderen Strahlungsquellen wohnen, klagen über Kopfschmerzen und Übelkeit. Manche haben das Gefühl, an Grippe erkrankt zu sein. Die Symptome sind mitunter so stark, dass die Betroffenen ärztliche Hilfe suchen.

Gemeinhin werden die Beschwerden von sogenannten elektrosensiblen Menschen als eingebildet abgetan. Doch ganz so einfach ist die Sache nicht, wie aus einer Studie der Psychologen Michael Witthöft (Mainz) und James Rubin (London) hervorgeht. Daran nahmen 147 Personen teil, von denen sich einige zunächst eine Dokumentation über vermutete Gesundheitsgefahren von WLAN-Signalen anschauten. Die zweite Gruppe bekam einen Bericht über Datensicherheit zu sehen. Danach wurden alle Probanden einer Quelle von Funksignalen ausgesetzt. Zumindest erzählte man ihnen das. In Wirklichkeit strahlte gar nichts. Trotzdem klagten 54 Prozent der Testpersonen vornehmlich aus der ersten Gruppe über Beschwerden wie Kopfschmerzen, brennende Haut und Schwindel. Zwei Probanden fühlten sich so schlecht, dass sie die Studie abbrechen mussten.

Mit Hilfe bildgebender Verfahren stellten die Forscher fest, dass bei den stark elektrosensiblen Probanden die Regionen für die Schmerzverarbeitung im Gehirn aktiv waren und gleichsam eine reale Schmerzempfindung erzeugten. Oft genüge die Erwartung einer Schädigung, um bei Menschen Schmerzen oder andere Beschwerden hervorzurufen, sagt Witthöft. Zwar haben er und sein Kollege nicht nachgewiesen, dass Elektrosmog gänzlich ungefährlich ist. Sie haben jedoch gezeigt, dass aufdringliche Medienberichte über vermutete Gesundheitsgefahren von technischen Artefakten Menschen tatsächlich krank machen können.

Wie das genau funktioniert, ist bis heute großenteils ungeklärt. Wissenschaftler gehen davon aus, dass der im Darm produzierte Botenstoff Cholecystokinin (CCK) maßgeblich an der Auslösung von Nocebo-Effekten beteiligt ist. Denn er hebt die Wirkung der körpereigenen Opioide auf und verstärkt so die Schmerzübertragung. Verabreicht man Patienten einen CCK-Antagonisten, also eine Substanz, die die Wirkung von CCK aufhebt, wird auch der Nocebo-Effekt unterbrochen.

Eine der wichtigsten mentalen Voraussetzungen für die Entfaltung des Nocebo-Effekts ist eine kritische Haltung gegenüber den Angeboten der modernen Medizin, die man heute in weiten Teilen unserer Gesellschaft findet. Vielen Menschen reicht schon ein Blick auf den Beipackzettel eines Medikaments, um Angst vor dessen Einnahme zu bekommen. Schlucken sie es dennoch, lassen manche der angegebenen Nebenwirkungen nicht lange auf sich warten. Das können psychosomatische Beschwerden sein wie Übelkeit, Schmerzen oder Benommenheit. Aber auch objektive Symptome treten häufig auf, von denen manche mitunter chronisch werden: Hautauschlag, hoher Blutdruck, erhöhte Herzfrequenz.

Wäre es da nicht sinnvoll, die negativen und psychisch problematischen Nebenwirkungen eines Medikaments auf dem Beipackzettel wegzulassen? Ohnehin seien solche Zettel nicht gemacht, »um Patienten angemessen zu informieren, sondern um möglichen Schadensersatzansprüchen an den Hersteller vorzubeugen« sagt Winfried Häuser, Facharzt für Innere Medizin am Klinikum Saarbrücken. Auch andere Ärzte plädieren für eine Reform des Beipackzettels. Man könnte darauf zum Beispiel nur die wirklich gefährlichen Nebenwirkungen angeben oder den Patienten mitteilen, dass über 90 Prozent derer, die das Medikament einnehmen, frei von Nebenwirkungen bleiben.

Nicht selten kommt es vor, dass Patienten aufgrund von Nocebo-Wirkungen eine notwendige oder gar lebenserhaltende Therapie vorzeitig abbrechen. Um das zu verhindern, ist das kommunikative Geschick des behandelnden Arztes gefragt. Zwar steht dieser in der Pflicht, seine Patienten über mögliche Risiken einer Therapie aufzuklären. Doch dafür gibt es erhebliche Spielräume. Sätze wie »Probieren Sie das Medikament halt mal aus« oder »Vorsicht, dieses Mittel vertragen manche nicht« sind kaum geeignet, Patienten zu beruhigen. Das Arzt-Patienten-Gespräch sollte sich vor allem auf die positiven Wirkungen therapeutischer Maßnahmen fokussieren. Nicht zuletzt kann der Arzt seine Patienten fragen, ob sie über sämtliche Nebenwirkungen überhaupt informiert werden wollen. Nur wenn die Gefahr schwerer oder irreversibler Beeinträchtigungen besteht, ist eine solche Übereinkunft nicht statthaft.

Studien zum Placebo-Effekt gibt es heute zuhauf. Dagegen sind die vielfältigen Nocebo-Wirkungen empirisch kaum erforscht. Aus verständlichen Gründen: Denn es wäre ethisch zumindest fragwürdig, bei gesunden Menschen ohne Not körperliche oder psychische Beschwerden auszulösen. Das gelte mehr noch für Kranke, meint Paul Enck, Medizinischer Psychologe am Universitätsklinikum Tübingen. Man könne den Zustand eines Patienten nicht gefährden, indem man ihm einfach mitteile: »Dieses Medikament hilft Ihnen nicht, sondern verschlimmert Ihre Beschwerden.«

Inzwischen wird der Nocebo-Effekt auch als enorme finanzielle Belastung des Gesundheitssystems wahrgenommen. Nach einer Studie der University of Arizona betrugen 1995 in den USA die Kosten für Nebenwirkungen durch Medikamente rund 77 Milliarden Dollar. Aus der Zahl geht allerdings nicht hervor, welche der registrierten Nebenwirkungen »echt« waren und welche durch Nocebo-Effekte hervorgerufen wurden. Dies im klinischen Alltag sauber zu trennen ist eine schwierige Aufgabe, um deren Lösung sich die medizinische Wissenschaft bemüht.

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