Werbung

»Wir haben diese Waffen nicht!«

Syrische Ärzte eines Krankenhauses in Aleppo widersprechen Giftgas-Anschuldigungen der USA

  • Von Karin Leukefeld, Damaskus
  • Lesedauer: 3 Min.

»Die Bilder aus Chan Scheichun sind schrecklich«, sagt Dr. Emile Katti vom Al-Rajaa-Krankenhaus im Gespräch mit der Autorin in Aleppo. »Aber wer war es? Wir brauchen eine neutrale Untersuchung dessen, was dort geschehen ist«, fährt er fort. Der US-Angriff auf Syrien sei falsch, weil die USA damit das Signal gegeben hätten, die syrische Regierung sei verantwortlich für die Toten von Chan Scheichun. »Syrien hat alle seine chemischen Waffen abgegeben, dass weiß die ganze Welt.« Die Beschuldigungen der USA und ihrer Verbündeten seien weder logisch noch erwiesen. »Warum stimmen sie nicht einer Untersuchungskommission zu, wie Russ-land und Syrien sie gefordert haben? Fürchten sie sich vor dem Ergebnis?«

Fast täglich wird die Klinik am südwestlichen Stadtrand von Aleppo von Mörsergranaten getroffen. Die bewaffneten Gruppen, die Weihnachten aus Aleppo abzogen, haben sich im Umland der Stadt und in der Nachbarprovinz Idlib niedergelassen. Sie werden weiterhin aus der Türkei mit Waffen versorgt, die von den Golfstaaten geliefert und bezahlt werden. Die Nusra-Front alias Fatah al-Sham) hat weite Teile von Idlib unter ihre Kontrolle gebracht und feuert u. a. aus dem fünf Kilometer entfernten Raschidiye weiter in die Stadt hinein. Seit Anfang April hat Dr. Emile eine Plastiktüte voll mit Granatsplittern aus den Krankenzimmern eingesammelt, viele Fenster mussten erneuert werden.

»Wenn die Waffenlieferungen aus der Türkei nicht endlich unterbunden werden, könnten die Terroristen unsere Stadt erneut angreifen«, meint Dr. Nizar Hamad, ein Kollege von Dr. Emile. Der Plastikchirurg, der auch am Universitätskrankenhaus von Aleppo lehrt und arbeitet, bezeichnet die unbewiesenen Beschuldigungen der USA und europäischer Staaten gegen die syrische Regierung als Wasser auf die Mühlen der Milizen. »Wir hatten so große Hoffnungen in die EU gesetzt. Aber heute habe ich den Eindruck, die Europäer verstehen die Lage in unserem Land gar nicht«, sagt er zurückhaltend. »Sie greifen unsere Regierung an, die uns vor den Terroristen schützt. Damit unterstützt Europa den Terror dieser Gotteskrieger.«

Beide Ärzte sind überzeugt, dass in den Waffendepots der regierungsfeindlicen Milizen auch chemischen Substanzen lagern. Schon in Ost-Aleppo seien Granaten mit chemischen Kampfstoffen eingesetzt worden, die Soldaten getötet hätten. Russland und die Regierung hätten einen Bericht darüber der UNO übergeben.

Was im Einzelnen in Chan Scheichun geschehen sei, müsse untersucht werden. Als Arzt habe er den Eindruck, dass die Kinder auf den veröffentlichten Bildern schon zu einem früheren Zeitpunkt gestorben sein könnten, sagt Dr. Nizar.

Ein syrischer Experte, der namentlich nicht genannt werden will, bestätigte im Gespräch mit der Autorin in Aleppo, dass man seit langem von chemischen Kampfstoffen im Besitz der bewaffneten Gruppen wisse. Am Tag vor dem Ereignis in Chan Scheichun habe man eine Ankündigung der »Freien Syrischen Armee« abgefangen, die heute unter verschiedenen Namen mit der Nusra-Front kooperierten. Man werde der syrischen Armee »eine große Überraschung« bereiten, so die aufgefangene Botschaft. »Damit werden wir den Tisch umstoßen«, was etwa heißen kann, dass Armee und Regierung, die politisch und militärisch landesweit Erfolge verzeichnen, in die Defensive gebracht würden.

Syrien habe alle chemischen Waffen abgegeben. Sie seien u.a. von den Amerikanern und den Deutschen vernichtet worden, so der Experte. »Wir haben diese Waffen nicht. Wir haben sie nie eingesetzt und würden sie nie einsetzen.« Politik und öffentliche Meinung in Deutschland und Europa würden generalstabsmäßig von einer Medienarmee in die Irre geführt.

Dieser Artikel ist wichtig! Sichere diesen Journalismus!

Besondere Zeiten erfordern besondere Maßnahmen: Auf Grund der Coronakrise und dem damit weitgehend lahmgelegten öffentlichen Leben haben wir uns entschieden, zeitlich begrenzt die gesamten Inhalte unserer Internetpräsenz für alle Menschen kostenlos zugänglich zu machen. Dennoch benötigen wir finanzielle Mittel, um weiter für sie berichten zu können.

Helfen Sie mit, unseren Journalismus auch in Zukunft möglich zu machen! Jetzt mit wenigen Klicks unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung

Solidarisches Berlin und Brandenburg

Corona ist nicht nur eine Gesundheitskrise. Es ist auch eine Krise des Sozialen. Wir beobachten alle sozialen und sozioökonomischen Entwicklung in der Hauptstadtregion, die sich aus der Verbreitung des Coronavirus ergeben.

Zu allen Artikeln