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Der tiefe Fall verdrängter Mieter

Die Ambulante Wohnungslosenhilfe der Caritas berät immer mehr ehemals Wohlhabende

Petra Siegberg ist eine fröhliche Frau. Doch wie einige Hausverwaltungen mit ihre Mietern umspringen, bringt sie auf die Palme. Siegberg ist Leiterin der Ambulanten Wohnungslosenhilfe der Caritas in der Uhlandstraße in Wilmersdorf. Droht einem Mieter oder einer Mieterin der Verlust der Wohnung, bietet die Caritas an insgesamt sieben Standorten konkrete Hilfe in Form von Beratung, Begleitung bei Ämtergängen oder Wohnungsvermittlung an.

In der Geschäftsstelle Südwest kümmert sich Siegberg zusammen mit sechs Kolleginnen und Kollegen um Menschen, die nicht mehr weiter wissen. Auch in den bisher als wohlhabend geltenden Ortsteilen Charlottenburg, Steglitz oder Zehlendorf zeigen sich mittlerweile die Auswirkungen von Wohnungsmangel, steigenden Mieten und Räumungsfreude der Vermieter. Die Anzahl der Zwangsräumungen ist hier, wie der Senat Ende 2016 berichtete, zwar nur halb so hoch wie etwa in Neukölln oder im Wedding - während 2015 im Wedding rund 1045 Zwangsräumungen durchgeführt wurden, waren es in Charlottenburg 477. Doch fallen die Menschen hier in aller Regel tiefer.

So wie Angelika Mertens (Name geändert). Sie war selbstständige Künstlerin und Modedesignerin und verdiente gut. Gutgläubigkeit gegenüber ihrem Ex-Mann und einem Bekannten brachte sie schließlich an den Rand des persönlichen Ruins. Eine Zeit lang konnte sie sich ihre Wohnung noch leisten, indem sie zum Hartz-IV-Satz von 390 Euro jeden Monat 150 Euro privat zusteuerte, doch im Oktober 2016 kündigte sich der Gerichtsvollzieher an. Der Luxemburger Vermieter Louis Properties ließ, obwohl ihn die Caritas mehrfach anschrieb, nicht mit sich reden. Schließlich konnte Mertens mit Unterstützung der Ambulanten Wohnungslosenhilfe in eine sogenannte Trägerwohnung der Caritas umziehen.

Die Vermittlung einer Trägerwohnung ist der letzte Schritt nach einem wahren Beratungs- und Antragsmarathon. »Die Menschen kommen mit vielfältigen Problemlagen hier her«, berichtet Siegberg. Wohnungslosigkeit allein reiche nicht aus, damit sie und ihr Team aktiv werden können. »Meist erstellen wir als erstes einen genauen Haushaltsplan, der Einnahmen und Ausgaben erfasst.« Um beim Bezirksamt Wohnhilfe zu beantragen, müsse nach und nach »das ganze Leben durchleuchtet« werden, sagt Siegberg. Jedes Jahr betreut sie dabei rund 70 Menschen.

Längst betrifft Wohnungsverlust nicht mehr nur die unteren sozialen Schichten. Doch gerade für Menschen, die vorher fest im Leben standen, bedeutet das meist ein Desaster. Das Team in der Uhlandstraße berät unter anderem Ärzte, Rechtsanwälte, Makler und Bauunternehmer. Wenn sie Hartz IV beantragen müssen und der Wohnungsverlust drohe, breche bei diesen Menschen eine Welt zusammen. »Die sind wie paralysiert - in einer Schockstarre - und können erst mal gar nichts mehr tun«, sagt Siegberg. Kontakte brechen weg, weil man sich beispielsweise das Kännchen Kaffee mit der Nachbarin im Café nicht mehr leisten kann. So lange es geht, werde dann versucht, die Fassade aufrecht zu erhalten, Ausrede reihe sich an Ausrede, bis auch die Fassade nicht mehr aufrechtzuerhalten sei.

Oft sind es Trennungen, die Menschen in solche Notlagen stürzen, fast immer ist die Familienwohnung dann zu groß für eine Person. Aber auch Eigenbedarfskündigungen haben zugenommen, dabei werde allerdings »oft geschummelt«, so die Erfahrung der Geschäftsstelle. Außerdem sind Modernisierungen mit Mieterhöhung ein wachsendes Problem.

Hürden und Hindernisse gibt es viele in der Arbeit von Siegberg. Vor allem bei großen ausländischen Immobilienfirmen habe man meist keine Chance, ins Gespräch zu kommen. »Zuletzt hat die Vermieterin von Frau Mertens sogar unsere Glaubwürdigkeit als Caritas angezweifelt. Das hat mich sehr getroffen«, sagt Siegberg. Zudem bearbeiteten die Bezirke die Unterstützungsanfragen nur sehr langsam. In Einzelfällen dauere es sechs Monate, bis eine Mietkaution bewilligt werde.

Wenn Siegberg auf der Suche nach Wohnungen für ihre Klienten die einschlägigen Anzeigen studiert, überkommen sie Zweifel, dass sich die Lage bessert. »Letztens gab es eine Anzeige für eine Hinterhofwohnung mit Ofenheizung Im Wedding. ›Nur für Arbeitnehmer‹ stand da«, erinnert sie sich. »Ich frage mich, wo unsere Klienten denn dann noch hin sollen?«

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