Werbung

Sehnsucht nach verlorener Leichtigkeit

Karine Tuil: »Die Zeit der Ruhelosen« ist ein Gesellschaftspanorama unserer Zeit

Echt jetzt? Ihr wollt Geld von mir?

Ja, herrgottnochmal, es kostet!

Auch, wenn's nervt – wir müssen die laufenden Kosten für Recherche und Produktion decken.

Also, mach mit! Mit einem freiwilligen regelmäßigen Beitrag:

Was soll das sein

Wir setzen ab sofort noch stärker auf die Einsicht der Leser*innen, dass linker Journalismus auch im Internet nicht gratis zu haben ist – mit unserer »sanften« nd-Zahlschranke.

Wir blenden einen Banner über jedem Artikel ein, verbunden mit der Aufforderung sich doch an der Finanzierung und Sicherstellung von unabhängigem linkem Journalismus zu beteiligen. Ein geeigneter Weg besonders für nd-Online-User, die kein Abo abschließen möchten, die Existenz des »nd« aber unterstützen wollen.

Sie können den zu zahlenden Betrag und die Laufzeit frei wählen - damit sichern Sie auch weiterhin linken Journalismus.

Aber: Für die Nutzung von ndPlus und E-Paper benötigen Sie ein reguläres Digitalabo.

Spät, erst in Bagdad, treten alle vier Hauptpersonen gemeinsam auf. Sie sind frei erfunden. Aber im zehnten Roman der 1972 in Paris geborenen Erfolgsautorin Karine Tuil (bekannt vor allem durch »Die Gierigen«) gewinnen sie prägnante Authentizität. Der französische Titel »L’Insouciance« gibt vielleicht besser wieder, worum es geht: die verloren gegangene Unbeschwertheit.

Die Protagonisten: François Vély, einer der reichsten Männer Frankreichs, gerade von seiner zweiten Frau geschieden, mit der er drei Kinder hat, steht für das mondäne Paris. Romain Roller aus der Banlieue, war Leutnant in Afghanistan, verheiratet, ein Kind. Osman Diboula, ein schwarzer Franzose, hat es vom Streetworker in die Beratergruppe des Präsidenten geschafft. Marion Decker, aus einfachen Verhältnissen stammende Journalistin, ist die dritte Frau von François Vély und Geliebte von Romain Roller.

Karine Tuil erzählt in abwechselnden, sich aufeinander beziehenden kurzen Abschnitten. Sie führt die Stränge zunächst parallel, dann aufeinander zu. Jede der Hauptpersonen erlebt ihr eigenes Drama. Die Perspektive folgt den Figuren. Die Autorin erzeugt dadurch Aufmerksamkeit, Abwechslung, Dynamik und den Reiz »verbotener« Liebe. Das sind die Instrumente ihres Orchesters. Das Anliegen ihrer Musik geht aber noch weiter: Sie schreibt vom Rassismus in Frankreich, von einem aus vielen Richtungen hinzustoßenden Antisemitismus, von der Prägung derjenigen, die etwas zu sagen haben, durch eine vom Wohlstand abhängende Elitenbildung. Sie geißelt den islamistischen Terrorismus, die Chancenlosigkeit der Menschen in der Banlieue, erzählt vom Ehrgeiz der Aufsteiger, von der Brutalität des Krieges. Dazwischen singt sie das Hohelied der Liebe, die die Mauern der Konventionen überwindet. Wobei es auch um das Zerbrechen von Beziehungen zwischen Mann und Frau wie zwischen Kindern und Eltern geht.

Der Milliardär François Vély setzt sich für ein PR-Foto unbekümmert auf ein Kunstwerk - eine als Stuhl gestaltete schwarze Frau in obszöner Stellung. Das Bild illustriert einen Artikel, in dem die jüdische Herkunft Vélys erwähnt wird. Sein Vater Paul hatte noch Lévy geheißen und hatte, als er als Résistance-Held aus dem Krieg zurückkam, den jüdisch klingenden Familiennamen geändert. Ein Sturm der Entrüstung bricht über den Mobilfunk-Tycoon herein: Die einen klagen ihn als Rassisten an, der auf einer schwarzen »Sklavin« sitzt. Die anderen geifern: »Dreckiger Jude«. Da kommt ihm Osman Diboula zu Hilfe. Wegen eines rassistischen Angriffs durch einen Kollegen war Osman gerade aus dem Beraterstab des Präsidenten ausgeschieden. Jetzt wird er wieder gebraucht! Nur er kann öffentlich dem Rassismus-Vorwurf gegen Vély/Lévy glaubwürdig entgegentreten. Dadurch wird er erneut zum Helden und vom Präsidenten als Staatssekretär für Außenhandel zurückgeholt. Er stellt eine Delegation von Wirtschaftsleuten zusammen, die auf einer Ausstellung in Bagdad ihre und Frankreichs Interessen vertreten sollen, und setzt Vély auf die Liste.

Osman Diboulas persönlichen Schutz soll Romain Roller übernehmen, den er als Jugendlichen in Clichy-sous-Bois kennengelernt hatte. Roller war von seinem Afghanistan-Einsatz traumatisiert zurückgekommen. Seine Einheit war in einen Hinterhalt der Taliban geraten. Während eines Erholungsaufenthalts auf Zypern vor seiner Rückkehr hat er sich in die Journalistin Marion Decker, die dritte Ehefrau von François Vély, verliebt. Beide sind verheiratet.

Mit dem Anagramm Romain und Marion verbindet Karine Tuil das Liebespaar auch literarisch. Doch Marion Decker begleitet offiziell ihren Ehemann Vély nach Bagdad. Der wird von Terroristen als verhasster Jude entführt. Es kommt zu einem verzweifelten Kampf um sein Leben. Romain Roller kann keinen Schutz bieten, Osman Diboula gibt sein hohes Amt niedergeschlagen auf.

Romain und Marion schwören, dass sie lieben und leben wollen. Aber: »Ein Teil von ihnen ist für immer verloren. Eine Form von Leichtigkeit. Das, was von der Kindheit geblieben war. Die Unbeschwertheit.« So endet dieser großartige Roman.

Karine Tuil: Die Zeit der Ruhelosen. Roman. Aus dem Französischen von Maja Ueberle-Pfaff. Ullstein. 507 S., geb., 24 €.

ndPlus

Ein kleiner aber feiner Teil unseres Angebots steht nur Abonnenten in voller Länge zur Verfügung. Mit Ihrem Abo haben Sie Vollzugriff auf sämtliche Artikel seit 1990 und helfen mit, das Online-Angebot des nd mit so vielen frei verfügbaren Artikeln wie möglich finanziell zu sichern.

Testzugang sichern!